DDR-Turnschuhdiplomatie: Wie es im äthiopischen Höhenlager lief

Die Sportbeziehungen der DDR nach Afrika waren ebenso politisch wie wirtschaftsrelevant. Eine wissenschaftliche Darstellung von Blütenträumen und Enttäuschungen.

So war es recht: Die DDR-Schwimmhelden Kornelia Ender und ihr Ehemann Roland Matthes präsentieren ihre olympischen Medaillen, gewonnen während der Sommerspiele 1968 in Mexiko City, 1972 in München sowie 1976 in Montreal.
So war es recht: Die DDR-Schwimmhelden Kornelia Ender und ihr Ehemann Roland Matthes präsentieren ihre olympischen Medaillen, gewonnen während der Sommerspiele 1968 in Mexiko City, 1972 in München sowie 1976 in Montreal.imago

Platz zwei im olympischen Medaillenspiegel war das Minimalziel für die Sportler der DDR, Weltrang Nummer eins das erwünschte. Ein Parteiauftrag. Das kleine Land stellte sich den Hauptrivalen USA und Sowjetunion – mit Riesenerfolg bei Sommer- wie Winterspielen. Platz zwei gelang regelmäßig; 1984 in Sarajevo stand tatsächlich die DDR ganz oben. Dank Sport lernte alle Welt das im Kalten Krieg abgespaltene Vierteldeutschland kennen, und zwar auf sympathische Weise.

Keiner flog so elegant mit vorgereckten Armen von der Schanze wie Helmut Recknagel. Keine kurvte so entzückend auf dem Eis wie Katarina Witt. Waldemar Cierpinski aus Neugattersleben lief 1976 und 1980 zu olympischem Marathon-Gold. Zweimal, das haben bis heute nur der Äthiopier Abebe Bikila und Eliud Kipchoge aus Kenia geschafft.

Keine Milliarden, aber Erfolg

Alles setzte die DDR-Führung in Bewegung, damit die Sportlerinnen und Sportler zuverlässig Erfolge liefern konnten: Muskeln, Hirne, Labore, Geld. Sport ist ein Weg, um sich als kleines Land bekannt zu machen. Wie viele Menschen würden den Mini-Golfstaat Katar kennen, wenn das Land nicht mit Hunderten von Milliarden Dollar Fußballstadien gebaut, eine Weltmeisterschaft erlangt hätte? Geld hatte die DDR nicht. Der Devisenmangel setzte hochfliegenden Vorstellungen Grenzen.

Anfangs, in den 50er- und 60er-Jahren, ging es vor allem um die staatliche Anerkennung. Dieses Ziel war 1973 mit der Aufnahme der DDR in die Uno erreicht. Afrikanische Staaten spielten immer eine Rolle, als antikoloniale Partner, als Stimmen in der UN-Vollversammlung. In den 70ern blühten die Beziehungen, in den 80ern ging es wieder abwärts. Spannender Stoff für Sportfreunde, aber auch für alle, die genauer verstehen wollen, wie die DDR im Großen wie im Kleinen funktionierte, welche Motive, Widersprüche und Zielkonflikte wirkten, welche Mächte miteinander rangen – und was die Revolution in Äthiopien mit der Fitness von DDR-Leistungssportlern zu tun hatte.

Angola: Turnschuhe gegen Kaffee

Der Sporthistoriker Daniel Lange hat in seiner Dissertation in die Breite und die Tiefe recherchiert. Das Buch „Turnschuhdiplomatie. Die internationalen sportpolitischen Beziehungen der DDR nach Afrika als besonderer Bestandteil ihrer Außenpolitik (1955–1990)“ ist von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert worden. Es darf als faktenreicher, sachlicher Beitrag zur Überwindung des in 30 Jahren entstandenen klischeehaften DDR-Bildes verstanden werden.

Auch das gefiel: Gold und Silber für die DDR, Bronze für die USA. Gesehen bei der Siegerehrung für den 1000-Meter-Eisschnelllauf der Damen bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary. Platz eins für&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Christa_Luding-Rothenburger">Christa Rothenburger</a>, Platz zwei für&nbsp;<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Karin_Enke">Karin Kania-Enke</a>.
Auch das gefiel: Gold und Silber für die DDR, Bronze für die USA. Gesehen bei der Siegerehrung für den 1000-Meter-Eisschnelllauf der Damen bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary. Platz eins für Christa Rothenburger, Platz zwei für Karin Kania-Enke.imago/Steven Sutton

Ein Fall von Turnschuhdiplomatie in gewissermaßen fußfestem Sinne zeigt exemplarisch die Hürden auf der Bahn: Das 1975 unabhängig gewordene Angola war mehrfach von Interesse. Es konnte in die DDR-Kaffeekrise hinein kurzfristig hochwertige Bohnen liefern, war bereit, dies auf Verrechnungsbasis zu tun und galt obendrein langfristig als „Verbündeter im weltweiten Übergang vom Kapitalismus zu Sozialismus“.

1977 gelang dem SED-Politbüromitglied Werner Lamberz in Luanda ein Abkommen, das man vor den anderen sozialistischen Staaten geheim hielt: Je 5000 Tonnen Kaffee sollten in zwei Jahren devisenfrei gegen Fachkräfteunterstützung und Waren getauscht werden, darunter sage und schreibe 265.000 Paar Turnschuhe aus DDR-Produktion.

Allerdings war soeben der Import von Laufschuhsohlen reduziert worden; der zusätzliche Riesenauftrag – zu erfüllen bis Ende 1978 – überforderte die DDR-Betriebe. Die Lieferung fiel aus. Die Politmaschine lief auf höchster Ebene. Schließlich wurden die Schuhe ab Januar 1979 über Hamburg verschifft, damit sie noch vor Erich Honeckers Staatsbesuch in Angola im Februar 1979 ankamen, wie Daniel Lange erläutert. Der bei dieser Gelegenheit geschlossene 20-jährige Freundschaftsvertrag enthielt dann keinen Passus über Sportkooperation.

Sonne und Berge zur Verfügung

Anders in den Fällen Mosambik und Äthiopien, vor allem Letzteres bot Anlass zu wortwörtlich hoch liegenden Hoffnungen. Auch dort gab es Kaffee und Brüder im sozialistischen Geiste – und Langläufer wie Abebe Bikila, deren „frischen Zustand und die schnelle Wiederherstellung der normalen Herztätigkeit nach dem Lauf“ die DDR-Fachzeitschrift Der Leichtathlet schon 1960 bestaunt hatte. Lange zitiert den Artikel mit der Überschrift „Schwarze Diamanten im Stadio Olimpico“.

Die DDR schickte nach der Absetzung des Kaisers 1974 Waffen, Fußball- und andere Trainer sowie Berater, Sportgeräte etc. nach Äthiopien; die Ostafrikaner wünschten mehr – und boten im Gegenzug eine wirkliche Delikatesse, die für Ost-Berlin nach dem Marathon-Olympiasieg Waldemar Cierpinskis 1976 in Montreal und der Aussicht auf weitere Spitzenleistungen unwiderstehlich war: Höhentrainingslager. Teure Angelegenheit.

Man verhandelte über die Kosten. Die devisenschwache DDR wünschte „die Übernahme der Aufenthaltskosten (Unterkunft, Verpflegung, Transport im Lande, Taschengeld, kulturelle und medizinische Betreuung)“ durch die Äthiopier, schließlich habe man für sie viel getan.

In den zitierten Unterlagen liest man, die Äthiopier bedauerten, „nicht in der Lage zu sein, viel zu geben“, willigten aber ein. DDR-Sportler sollten kommen: „Sonne und Berge stellen wir gerne zur Verfügung.“ Doch die Kostenfrage blieb heikel, die Äthiopier fürchteten ähnliche Wünsche anderer Staaten.

Dies sind winzige Mosaiksteinchen aus dem großen Bild der DDR-Sportpolitik in Afrika. In den 80-Jahren beengte Devisenmangel die Kontakte immer stärker. Den von vielen Seiten gehegten Blütenträumen folgten Enttäuschungen. Im vereinigten Deutschland steckte die Erinnerung an die Sportnation DDR in Dopingvorwürfen fest. Das vorliegende Buch erweitert das Blickfeld auf dankenswerte Weise.

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Das Buch
Autor & Titel: Daniel Lange, „Turnschuhdiplomatie. Die internationalen sportpolitischen Beziehungen der DDR nach Afrika als besonderer Bestandteil ihrer Außenpolitik (1955–1990)“.

Herausgeber: Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (DHGS) 2022.

Umfang & Preis: 602 Seiten, 35 Euro.

Bestellung unter anderem per E-Mail: fachbuch@dhgs-hochschule.de