Herr de Maizière, was versteht ein Verteidigungsminister als Pflicht?

Ich kann diese Etikettierung schon nicht mehr hören. Da schwingt ja oft so etwas Triefendes, Humorloses mit. Ich finde, wir sollten uns nicht schämen, dass wir Pflichten haben. Pflichten dürfen auch Freude machen. Manchmal muss man sich allerdings auch zusammenreißen oder hinten anstellen.

Ist momentan viel Pflichtbewusstsein unterwegs in der Politik?

Ich habe befürchtet, dass Sie darauf hinauswollen. Es gibt hierzulande auf jeden Fall zu viel Orientierung auf Personen und zu wenig Orientierung an der Sache.

Das kann an den Ereignissen liegen: Gerade ist FDP-Generalsekretär Christian Lindner zurückgetreten. Mangelte es ihm auch an Pflichtbewusstsein?

Ich kann das nicht genau beurteilen. Es spricht einiges dafür, dass es da in der Zusammenarbeit der FDP-Spitze geknirscht hat. Aber ich hätte schon erwartet, dass das Führungstrio solche schwierige Phasen durchsteht, indem es sich zusammenreißt. Für die FDP war das alles eine sehr ernste Situation. Ich hoffe und erwarte, dass es jetzt besser wird. Es muss auch besser werden.

Halten Sie vor allem aus Pflichtgefühl an dieser FDP fest?

Nein, die Koalition ist auf vier Jahre angelegt. Zwischen den wichtigen handelnden Personen stand das nie in Frage. Warum sollte man eine solche Koalition beenden?

Weil die Krise zu groß ist.

Krise? Welche Krise? Die Koalition ist nicht in der Krise, sondern in einer Schwächephase. Zugleich ist diese Regierung die stärkste Regierung in Europa. Die Lage Deutschlands hat sich nach innen wie außen in diesem Jahr verbessert.

Sie werden nicht über kurz oder lang den Partner wechseln müssen?

Mitnichten. Die Situation ist nicht da. Es gibt kein Zerwürfnis und keinen anderen Partner. Und die Aufgaben sind zu groß.

Vielleicht müssen Sie bald einen neuen Bundespräsidenten wählen.

Das glaube ich nicht. Christian Wulff übt sein Amt hervorragend aus. Er setzt sich zum Beispiel in besonderer Weise für die Belange der Bundeswehr ein.

Aber es gibt Vorwürfe zu seinen Urlaubsreisen und einem Hauskredit.

Ich kann nur sagen: Ich habe volles Vertrauen zu diesem Bundespräsidenten.

Machen Sie Urlaub in Immobilien befreundeter Unternehmer?

Nein.

Wären Sie auf die Idee gekommen?

Der Respekt gegenüber hohen Staatsämtern wie gegenüber Personen gebietet, dass man nicht jedes private Verhalten öffentlich diskutiert. Es gibt ein schönes Bild in der Bibel: Man soll lieber den Balken im eigenen Auge suchen als den Splitter im Auge des anderen.

Man sollte nicht diskutieren, was man in bestimmten Ämtern darf?

Doch. Aber beim Amt des Bundespräsidenten ist Zurückhaltung geboten. Es gibt in diesem Fall ja keine handfesten Vorwürfe. Es handelt sich eher um Stilfragen. Und da hat die Debatte etwas Pharisäerhaftes: Man sitzt in der Galerie und senkt oder hebt den Daumen.

Sind es nur Stilfragen, wenn es um mehrfache Vorteilsnahme geht?

Ich halte die Diskussion für legitim, aber ich beteilige mich daran nicht. Ich bin kein Richter über einen Bundespräsidenten, der gute Arbeit macht. Das ist für den Umgang zwischen Verfassungsorganen der richtige Stil.

Muss ein Präsident nicht stilbildend sein in seinem Verhalten?

Ja gewiss. Ich habe auch nichts gegen eine öffentliche Debatte. Aber ich beteilige mich nicht.

Die Debatte um Wulff trägt nicht gerade zum guten Ruf der Politik bei.

Dieses Land kann alles in allem mit der Qualität der politischen Führung zufrieden sein. Nicht zuletzt sieht man das daran, dass viele Politiker als Vermittler gefragt sind, sobald sie nicht mehr ihr Amt haben. Wichtig ist aber: Regieren muss man können. Das hat mit vielen Fähigkeiten zu tun und vor allem mit ganz viel Arbeit. Das wird in einem Teil der Bevölkerung unterschätzt. Im öffentlichen Empfinden werden Politiker häufig erst großartig, nachdem sie zurückgetreten sind.

Leute wie Karl-Theodor zu Guttenberg inszenieren sich als Anti-Politiker. Glauben Sie, dass der Unmut bei den Bürgern groß genug ist, solche Politiker zu tragen?

Blicken wir doch mal auf die Meinungsumfragen. Dort stehen mit Angela Merkel, mit Frank Walter Steinmeier und anderen Leute vorn, die von morgens bis abends arbeiten, die viel machen und die ernsthaft bei der Sache sind. Die Bürger schätzen offenbar eher Politiker, die ihre Arbeit machen, als jene, die von morgens bis abends in Talkshows herumsitzen. Das ist doch ein gutes Zeichen.

Ist das Potenzial für eine neue Partei im bürgerlichen Lager groß genug?

Nein. Zwar gibt es ein gewisses Potenzial. Doch ich sehe keinen Kopf, der eine solche konservative Gruppe führen könnte. Es ist schon erstaunlich, dass wir in Deutschland im Vergleich zu fast allen europäischen Ländern immer noch Volksparteien haben, die 30 Prozent der Wähler und mehr hinter sich versammeln.

Sie sind mit 30 Prozent zufrieden?

Nein. Aber ich empfinde das als Schatz, weil damit ein Teil der Willensbildung innerhalb der Parteien stattfindet, was die Regierungsfähigkeit Deutschlands stärkt. Andere Länder sind froh, wenn Parteien über 20 bis 25 Prozent bekommen. Die Union hat es immer vermocht, im Mitte-Rechts-Spektrum eine neue Kraft abzuwehren – und das muss für CDU/CSU ein Hauptanliegen bleiben.

Das Gespräch führten Steffen Hebestreit und Daniela Vates.