Berlin - Kann die Nennung seines Namens die Würde eines Mordopfers verletzen? Oder ist es nicht vielmehr das Verschweigen seines Namens, das das Opfer über den Tod hinaus zum Opfer macht? Das sind die Fragen, die seit Jahren den Streit unter Juristen, Historikern und Archivaren beherrschen, ob die Namen der Opfer der NS-Euthanasie in Ausstellungen und Gedenkstätten genannt werden dürfen. Seit Jahrzehnten werden die Opfer nicht mit vollständigem Namen erwähnt. Einerseits  wird  auf den über den Tod hinaus wirkenden (postmortalen) Persönlichkeitsschutz der Betroffenen verwiesen, anderseits – auch vom Bundesarchiv – auf die Gefährdung schutzwürdiger Belange der lebenden Angehörigen.

Immer mehr Historiker und Juristen für vollständige Namensnennung

Das wird von etlichen Historikern, aber zunehmend auch von Juristen bestritten: Die Opfer seien jahrzehntelang verschwiegen worden; ihre vollständige Namensnennung sei ein Akt historischer Gerechtigkeit. Zwar hat die Zahl der Befürworter der Namensnennung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, aber an der restriktiven Praxis der Archive hat das nichts geändert. Derzeit prüft immerhin die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Monika Grütters, ob sich nicht vielleicht doch eine „Änderung“ der Praxis empfiehlt.

Von Ende 1939 bis Sommer 1941 fielen dem NS-Euthanasieprogramm mehr als 70 000 geistig und körperlich behinderte Menschen zum Opfer. Doch wurde die Mordaktion auch nach ihrem offiziellen Ende fortgesetzt. Heute geht die Forschung davon aus, das allein im Dritten Reich einschließlich Österreich bis zum Ende des Krieges weitere 90 000 Menschen wegen ihrer Behinderung ermordet wurden, auch Arbeitsunfähige aus den Konzentrationslagern wurden einbezogen. Werden  die Morde an Behinderten durch die SS-Einheiten im Osten Europas hinzugenommen, beläuft sich die Gesamtzahl der Opfer der NS-Euthanasie auf fast 300 000 Menschen.

Beim Opfergedenken übersehen

Lange Zeit wurden sie in der Bundesrepublik beim Opfergedenken übersehen. Das hat sich erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten geändert, sichtbarer Ausdruck ist der im September 2014 der Öffentlichkeit übergebene Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde im Berliner Tiergarten. 

Ausdruck findet die neue Kultur des Opfergedenkens auch in dem verschärften Streit um die Namensnennung, deren Befürworter beklagen, mit der schamhaften Unterdrückung der Namen werde letztlich die NS-Ideologie des „unwerten Lebens“ – wenn auch unbewusst – bestätigt.

Berliner Innensenator: Kein Eingriff in postmortales Persönlichkeitsrecht

Der ehemalige Berliner Innensenator Ehrhart Körting  hat jedenfalls in einem ausführlichen Gutachten im vergangenen Jahr einen Eingriff in das postmortale Persönlichkeitsrecht durch Namennennung klar verneint: „ Die Verletzung eines postmortalen Achtungsanspruchs setzt voraus, dass in herabsetzender, ehrverletzender Weise über eine verstorbene Person geurteilt wird.“ Davon könne hier aber keine Rede sein. Und auch die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen würden allein durch die Namensnennung keineswegs berührt, solange sie nicht selbst zum Thema einer Veröffentlichung gemacht würden.

Vor einigen Monaten hat der Linke-Kreisverband Limburg-Weilburg (Hessen) in einer Eingabe an den Petitionsausschuss des Bundestags eine entsprechende Änderung des Bundesarchivgesetzes gefordert, um die volle Namensnennung der NS-Euthanasie-Opfer zu ermöglichen: „  Die Landeswohlfahrtsverbände dürfen nicht länger unter dem Vorwand des Datenschutzes und der Ärztlichen-Schweigepflicht die ´Namen der Euthanasieopfer totschweigen‘ und Forschungen unabhängiger Historiker und Dritte in ihren Archiven behindern.“ Vermutlich aber würde es genügen, wenn das geltende Archivgesetz im Sinne Körtings nur richtig gelesen würde.