Berlin - Vor dem 28. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober mehren sich die Stimmen für ein neues Aufeinander-Zugehen zwischen Ost- und Westdeutschen – und die Plädoyers, die Perspektive der Ostdeutschen stärker zu berücksichtigen. „Jetzt entscheidet sich, ob dieses Land zusammengehört oder ewig gespalten bleibt“, sagte die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt, dieser Zeitung.

Dabei sei „das Sichtmachen von Ostdeutschen zentral“. Jedenfalls habe „die Relevanz der Frage, wie es dem Osten geht, wieder zugenommen“. Sie warb dafür, Errungenschaften, die die Ostdeutschen in die Einheit eingebracht hätten, mehr zu betonen, und da, wo die Politik Einfluss darauf habe, Führungspositionen häufiger mit Ostdeutschen zu besetzen.

Außerdem kritisierte die Thüringerin, dass über rechtsradikale Tendenzen in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich intensiv berichtet werde. „Wir haben ein Problem mit rechtem Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft in Ost und West“, erklärte sie. „Aber ich sage ganz offen: Chemnitz und Köthen auf der einen Seite und Dortmund auf der anderen Seite sind medial sehr unterschiedlich wahrgenommen worden. Aus Chemnitz wurde tagelang darüber berichtet, was die Rechten gemacht haben. Erst viel später wurde berichtet, dass die Bürgergesellschaft dort viele Jahre versucht hat, ihr Engagement aufrecht zu erhalten. Über die Vorfälle in Dortmund dagegen wurde dann vergleichsweise überschaubar berichtet.“ Man müsse der Frage nachgehen, warum das so sei.

Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, erklärte dieser Zeitung: „Gut wäre, wenn das Selbstverständliche, das in den 90er-Jahren zu oft hinten runter fiel, nachgeholt wird: voneinander zu lernen und voll Interesse den jeweils anderen Erfahrungen zuzuhören.“ Kipping fügte hinzu: „Beginnen könnte es bei den unterschiedlichen Zugängen zum Thema 50 Jahre 1968: Die einen verbinden damit den Prager Frühling, die anderen die Kulturrevolution im Westen. Beides hat unterschiedliche Erscheinungsformen und doch auch Gemeinsames: das Begehren nach einer besseren Gesellschaft als die existierende.“

Verständnis für Unmut

Schon zuvor hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Verständnis für den Unmut vieler Ostdeutscher gezeigt. Insgesamt sei die Einheit eine Erfolgsgeschichte, sagte sie der Augsburger Allgemeinen. „Aber es ist schon auch so: Vieles, was Anfang der neunziger Jahre passiert ist, kommt jetzt bei den Menschen nochmal auf den Tisch.“ Viele hätten ihre Arbeit verloren, die Einheit habe zu harten Umbrüchen geführt. „Das ist niemals eine Rechtfertigung für Hass und Gewalt“, unterstrich Merkel. „Aber es ist eine Erklärung für eine andere Lebensbiografie.“ 

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), rief dazu auf, sich nicht mit der Kluft zwischen Ost und West abzufinden. „Es gibt Unterschiede, die nach fast 30 Jahren Einheit schmerzen. Mit diesen Unterschieden dürfen wir uns nicht zufriedengeben.“ So sei es inakzeptabel, dass Ostdeutsche im Schnitt länger arbeiteten als die Menschen in Westdeutschland, aber 15 Prozent weniger Gehalt bekämen. „Das kann ich fast 30 Jahre nach der deutschen Einheit niemandem erklären.“

Seit einiger Zeit zeichnet sich ab, dass die Aufmerksamkeit für die Beziehungen zwischen Ost und West wieder wächst. Man sieht das an der Resonanz auf jüngst erschienene Bücher wie das von Jana Hensel und Wolfgang Engler, „Wer wir sind: Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“, oder der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping (SPD), „Integriert doch erstmal uns! Eine Streitschrift für den Osten“. Auch der Roman von Lukas Rietzschel „Mit der Faust in die Welt schlagen“ findet viel Beachtung. Darin geht es um zwei Jungen in der ostdeutschen Provinz.

Bundestagsdebatte zur deutschen Einheit

Die gewachsene Sensibilität ließ sich aber ebenso an der jüngsten Bundestagsdebatte ablesen, die entgegen den üblichen Gepflogenheit am Donnerstagmorgen um neun Uhr stattfand; das gilt als attraktivste Debattenzeit überhaupt. Der Plenarsaal war ziemlich voll, ebenso die Kabinettsbank. Schließlich will der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) die umstrittenen Aktivitäten der Treuhandanstalt in einer Wahrheits- und Versöhnungskommission aufarbeiten lassen. Das ist ebenfalls neu.

Der am Mittwoch vorgestellte Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit weist nach wie vor große Unterschiede auf. So liegt die ostdeutsche Wirtschaftskraft lediglich bei rund 73 Prozent des Westniveaus. Die ostdeutschen Löhne und Gehälter verharren bei 82 Prozent dessen, was durchschnittlich im Westen gezahlt wird. Erst seit kurzem ein politisches Thema ist der Umstand, dass die Westdeutschen auf Führungspositionen dominieren, und zwar sowohl in Gesamtdeutschland als auch vielerorts in Ostdeutschland selbst.

Die jährlich von Bundesland zu Bundesland wechselnden zentralen Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit finden in diesem Jahr in Berlin statt. Zentrum des Geschehens ist die Straße des 17. Juni. Kritische Bestandsaufnahmen waren bei diesem Anlass bisher die Ausnahme.