Der Angeklagte wird in Handschellen zu Beginn des elften Prozesstages in den Saal geführt.
Foto: dpa/Ronny Hartmann

MagdeburgIm Prozess gegen den Attentäter von Halle wandte sich das Gericht am Mittwoch erstmals den Ereignissen im Dönerladen zu. Der Angeklagte B. hatte dort am 9. Oktober vergangenen Jahres einen Menschen erschossen und auf weitere flüchtende Personen gefeuert.

Einer der Zeugen des Geschehens war der Göttinger Anthropologe und Professor Bernd Herrmann. Der 74-jährige Wissenschaftler war damals beruflich in Halle und wollte vor einem Termin einen Imbiss nehmen im „Kiez-Döner“ an der Ludwig-Wucherer-Straße. Eindrücklich schilderte er die dramatischen Momente in dem Lokal. Er habe an seinem Tisch gesessen und auf seine Bestellung gewartet, als er plötzlich einen gewaltigen Knall von der Straße hörte, erzählte er. Zu diesem Zeitpunkt standen zwei weitere Männer – darunter das spätere Opfer Kevin Schwarze – an der Theke, um ihre Bestellung aufzugeben. Kurz darauf sei die Fensterscheibe des Ladens durch Schüsse in Tausende Splitter zersprungen. „Ich sehe noch, wie der Mann hinter der Theke einen geradezu artistischen Sprung nach hinten macht, um dem Geschoss auszuweichen“, sagte Herrmann. Dann sei der Angeklagte mit einer Waffe in der Hand und mit Helm und militärischer Kleidung ausgestattet hineingestürmt. „Einer der Männer an der Theke schrie: ‚Raus hier, der erschießt uns sonst alle‘“, sagte der Zeuge. Er sei daraufhin über eine Treppe in den hinteren Bereich des Ladens gelaufen. Dass der Angeklagte in diesem Moment zwei Schüsse in seine Richtung abgab, habe er nicht bemerkt.

Als er hinten im Laden gewesen sei, sei einer der Männer von der Theke an ihm vorbeigestürmt, habe die Tür zu einem weiteren Raum aufgerissen und sei durch das dortige Fenster auf einen Hof gesprungen. „Ich bin ihm gefolgt, beim Sprung jedoch auf die linke Seite gestürzt, wobei ich mir eine schmerzhafte Rippenprellung zuzog“, schilderte der 74-Jährige seine Flucht. Noch im Hof habe er weitere Schüsse aus dem Laden gehört, aber auch Rufe „Bitte nicht schießen“.

Augenzeuge war erschüttert

Im Dönerladen war der 20-jährige Kevin Schwarze zurückgeblieben, der sich hinter zwei Kühlschränken versteckt hatte und um sein Leben flehte. B. erschoss ihn jedoch kaltblütig, weil er ihn – wie er vor Gericht sagte – wegen seiner dunklen krausen Haare für einen Ausländer hielt. Die erschütternde Szene war gestern noch einmal im Saal zu sehen, als das Gericht ein zweites Tatvideo zeigte, das der Angeklagte an jenem 9. Oktober letzten Jahres mit einer an seiner Jacke befestigten Bodycam aufgenommen hatte.

Nach dem Mord hatte sich der Täter zunächst ein kurzes Feuergefecht mit der Polizei geliefert und war dann geflohen. Als die Polizei die Lage in der Straße vor dem Dönerladen unter Kontrolle hatte, sei er zu dem Mann gegangen, der mit ihm aus dem Imbiss geflohen war, sagte Herrmann aus. Der Mann war der Kollege des erschossenen 20-Jährigen. Auch dessen Chef habe dort gestanden und sei sehr erschüttert gewesen. „Das sei ja entsetzlich, sagte der Chef. Der Junge ist doch behindert. Und das war seine erste Arbeitsstelle. Er ist doch erst seit Mittwoch bei mir, sagte er noch“, erinnerte sich der Zeuge.

Was ihn an dem Verbrechen so erschüttere, sei der Umstand, dass der Täter „aus der vielleicht etwas schlafmützigen Mitte der Gesellschaft“ stamme. „Ich halte es allerdings für schlecht vorstellbar, dass der Angeklagte mit seinen Vorbereitungen und Hirngespinsten, mit seiner rassistischen, fremdenfeindlichen und zutiefst menschenfeindlichen Verbohrtheit niemandem in seiner unmittelbaren Umgebung aufgefallen sein soll“, sagte der 74-Jährige.