„Das Unerträgliche ertragen und das nicht Erduldbare dulden:“ Kaiser Hirohito und Kaiserin Nagako (außen) bei der Hochzeit des Kronprinzen Akihiko mit Prinzessin Michiko im Jahr 1960.
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Tokio„An unsere guten und treuen Untertanen“, sprach es durch die Lautsprecher im ganzen Land. In den Dörfern versammelten sich die Bewohner um die wenigen Orte, wo es ein Radio gab. In den Städten lauschte man, die Ohrenmuschel mit umschlossener Hand verstärkt, den Ton voll aufgedreht. Diese wichtige Ansprache möge bitte die gesamte Bevölkerung hören, hatte es zuvor geheißen: „Es entspricht dem Diktat der Zeit und des Schicksals, dass wir beschlossen haben, allen zukünftigen Generationen den Weg zu einem großen Frieden zu bereiten, indem wir das Unerträgliche ertragen und das nicht Erduldbare dulden.“

Während des Zuhörens knieten viele nieder, ob daheim oder auf der Straße, und neigten die Stirn auf den Boden. Wie es sich für Untertanen eben gehört, wenn die Hoheit spricht. Dabei fragte sich während der knisternden, von einem lauten Rauschlaut gestörten Rede ein Großteil des lauschenden Publikums: Was spricht er da? Und ist das wirklich unser Kaiser? Der, dessen Stimme wir noch nie gehört haben, weil er doch zu den Göttern gehört? Nicht nur wegen der schlechten Akustik verstanden viele nicht sofort, dass die abgehackten Worte das Kriegsende bedeuteten. Das Gesagte schien auch nur bedingt glaubwürdig. Schließlich markierte es eine Kehrtwende der vorigen Kommunikationspolitik.

Bis zum letzten Mann solle das japanische Kaiserreich kämpfen, so hatte es das Kriegskabinett den Menschen immer wieder zu verstehen gegeben. Und mit diesem kaiserlich-göttlichen Auftrag war man ins Verderben gestürmt, hatte Millionen Tode in Kauf genommen – ob es um am Ende aussichtslose Schlachten im Pazifik ging, den verzweifelten Versuch zur Verteidigung der Inseln von Okinawa oder die Selbstmordflieger Tokkotai, die man im Westen Kamikaze nannte.

Vom Großreich zur Kolonie der USA

Handelsboykotte, verlorene Gebiete in Übersee und die Zerstörung der heimischen Städte brachten die japanischen Kriegstreiber nicht von ihrem Plan ab. Als aber am 6. und 9. August je eine Atombombe über Hiroshima und Nagasaki detonierte, war bis auf den einstigen Kaisersitz Kyoto so gut wie jede Großstadt in Schutt verwandelt. Und nachdem dann auch noch die Sowjetunion Japan den Krieg erklärt hatte, ergriff der Tenno Mitte August das Wort zu seiner berühmten, schwer verständlichen Radioansprache.

Zwei Wochen später, am 2. September 1945, wurden aus den Ankündigungen Tatsachen. An Deck des amerikanischen Schlachtschiffs USS Missouri wiesen die Amerikaner ihren Feinden die Plätze zu. Douglas McArthur, Oberkommandierender der Alliierten Mächte, sprach mit wesentlich mehr Stolz in seiner Stimme als Japans Kaiser und bei überlegender Tonqualität durch ein vor ihm aufgestelltes Mikrofon: „Wir, die Vertreter der großen kriegführenden Mächte, sind hier versammelt, um eine feierliche Vereinbarung zu schließen, durch die der Frieden wiederhergestellt werden kann.“ Auf einem Tisch vor dem triumphalen MacArthur lagen die Kapitulationsurkunden ausgebreitet. Den Japanern blieb nichts, als zu unterschreiben. Womit das Land zunächst zu einer De-facto-Kolonie der Vereinigten Staaten wurde.

Fortan war kaum noch etwas wie zuvor. Der pompös und rustikal auftretende Douglas MacArthur übernahm vorübergehend die Regierungsgeschäfte, dem ihm unterliegenden Volk wurde eine neue demokratische Verfassung mit pazifistischem Einschlag aufgedrückt. Artikel 9 sagt: „Das japanische Volk lehnt Kriegsführung als souveränes Recht für immer ab.“ Japan verlor damit sein Militär. Und der Kaiser, der bis dahin mit seinem gottähnlichen Status den Krieg an Deutschlands Seite geführt hatte, verlor seinen Status. Aber eines durfte der Erbe der ältesten ununterbrochenen Erbmonarchie der Welt behalten: seinen Thron.

Es ist eine der großen Überraschungen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Denn auf den ersten Blick scheint kaum verständlich, warum ausgerechnet Japans Kaiser sein Amt nicht hätte aufgeben sollen. Zuletzt veröffentlichte Japans öffentlicher Rundfunksender NHK Dokumente, die zeigen, dass Hirohito auch über das Massaker von Nanking Bescheid wusste, wo japanische Soldaten zwischen 200.000 und 300.000 Chinesen töteten. Demnach war der Kaiser auch darauf vorbereitet, eines Tages zurückzutreten, sollte er in Ungnade fallen. Dass sich Japan im Krieg schuldig machte, war Hirohito also klar.

Doch seine Verschonung direkt nach dem Krieg hatte System. Als im Frühjahr 1946 die Tokioter Prozesse begannen, um wie in Nürnberg Kriegsverbrecher zu verurteilen, wurden zur ersten Verhandlung trotz zahlreicher Selbstmorde der Beschuldigten immer noch 28 Personen geführt. Darunter befanden sich vier Premierminister, fünf Kriegsminister und vier Außenminister, die anders als in Deutschland unterschiedlichen politischen Parteien angehört hatten. Ein Verantwortlicher fehlte aber auch hier: der Tenno, Kaiser Hirohito.

Hirohito musste vom Gott zum Volkskaiser werden, der die neue Demokratie symbolisieren sollte.“

Torsten Weber, Historiker am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio

„Es gibt keine Zweifel, dass Hirohito über alle wesentlichen Schritte des Krieges informiert war und diese auch abgesegnet hat“, sagt Torsten Weber, ein Historiker am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio, am Telefon. Für Weber, einen Experten auf diesem Gebiet, ist Hirohitos eigentlicher Status eines Kriegshauptverantwortlichen fraglos. Gemäß der Meiji-Verfassung hatte der Tenno den Oberbefehl über Heer und Flotte. Kein Schiff konnte auslaufen, kein Offizier befördert werden ohne Hirohitos Wissen und Zustimmung.

Für die Verschonung des Kaisers gab es aber einen wichtigen Grund: „Die USA wollten in Japan unbedingt Kontinuität schaffen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs musste man sich gegen die Sowjetunion formieren, und Japan sollte als Bollwerk gegen den Kommunismus dienen. Also brauchte man ein konservatives Japan.“

Dieses konservative Japan war in jenen Eliten zu finden, die dem jahrtausendealten Erbe der Monarchie nahestanden. Auch weil der Kaiser in seiner Kapitulationsrede alle im Land dazu aufgefordert hatte, man möge „das Unerträgliche ertragen und das nicht Erduldbare dulden“, war inmitten der politischen Umstrukturierungen die Entmachtung des Throns zwar nur folgerichtig. „Aber durch die Erhaltung der Monarchie an sich erkaufte sich MacArthur auch die Sympathie der Konservativen im Land“, so Weber.

Im Nachkriegsjapan schien ein kommunistisches Japan nicht völlig unrealistisch. Das Land erlebte eine kräftige linke Bewegung, die neben dem Umsturz der Besitzverhältnisse auch ein Ende des Kaisers wollte. Die USA schickten den Kaiser daher gleich nach Kriegsende auf eine Art Werbetournee durchs Land. Seine Bevölkerung, die den Kaiser vor dessen Kapitulationsrede nie gehört geschweige denn gesehen hatte, grüßte Hirohito in der Provinz. Er übte sich zum ersten Mal in seinem Leben in Volksnähe. Torsten Weber beschreibt diese Wende so: „Hirohito musste vom Gott zum Volkskaiser werden, der die neue Demokratie symbolisieren sollte.“

Eine neue Rolle, die der alte Kaiser nicht mehr loswerden sollte. Politische Äußerungen sind dem Tenno heute per Verfassung verboten. Verpflichtet ist er dagegen zur Durchführung aller möglichen zeremoniellen Dienste. Das betrifft nicht nur Staatsempfänge, Gedenktage und Eröffnungsfeiern größeren Ranges. Auch bei Naturkatastrophen, die Japan in der einen oder anderen Form jährlich erlebt, ist der Kaiser heutzutage gefragt.

Als im März 2011 nach einem schweren Erdbeben zuerst ein Tsunami über die Nordostküste des Landes hereinbrach und dann das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi havarierte, reiste der seit 1989 amtierende Kaiser Akihito in die verwüsteten Gebiete und die Turnhallen, wo die plötzlich obdachlos gewordenen Menschen hausten. Akihito und seine Frau Michiko verbeugten sich, beteten für die Opfer und berührten damit tatsächlich weite Teile ihres Landes.

Die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ist heute der Ansicht, den Zweiten Weltkrieg hätte man nicht führen sollen. Zugleich aber ist das Ansehen des Throns, der diesen Krieg geduldet und ermöglicht hat, nicht sonderlich negativ. „Die Kaiserfamilie sehen viele heute als Promis“, beobachtet Torsten Weber. Tatsächlich werden bei Anlässen, zu denen der Tenno vor die Öffentlichkeit tritt, Japanfahnen geschwenkt und Fotos gemacht. Der Kaiser gilt als Symbol für die japanische Nation. Nicht wenige sehen ihn sogar als gutes Gewissen des Landes.

Diese Rehabilitation des Throns, die ohne dessen politische Entmachtung kaum denkbar wäre, ist nicht nur deshalb beachtlich, weil sie in der Bevölkerung heute kaum auf Widerstand stößt. Anders als etwa in Großbritannien gibt es in Japan keine nennenswerten wiederkehrenden Debatten darüber, ob man den Kaiser wirklich noch brauche. Der Thron kennt denn auch deshalb wenige Gegner in Japan, weil seine Inhaber gezeigt haben, dass sich eine uralte Institution wie diese ändern kann, wenn sie nur gründlichen Reformen unterworfen ist.

Reue für die Gräuel in China

Kaiser Akihito besuchte 1992 China und bat dort faktisch um Vergebung für die japanischen Vergehen ab den 30er-Jahren, die sein Vater mit verantwortet hatte. Auch in den letzten Jahren war es wiederholt der Kaiser, der durch harmonische Auslandsbesuche die Wogen glättete, wenn nationalistische Regierungen Japans für Verstimmungen in diversen asiatischen Ländern gesorgt hatten. Am 15. August dieses Jahres, dem 75. Jahrestag der Kapitulationsankündigung per Radio, sprach der vor zwei Jahren inthronisierte Naruhito von „tiefer Reue“.

Doch nicht jeder im Land befürwortet, dass ein japanischer Kaiser von heute nichts weiter zu sagen hat, als dass sein Land nie wieder Krieg führen dürfe. An einem normalen Nachmittag ist Tokios Innenstadt vom normalen Straßenlärm bedeckt, bis plötzlich die Klänge folkloristischer Marschmusik alles überlagern. Um die Ecke biegt ein schwarzer Bus, der mit Megafonen bestückt ist, auf denen neben einer Japanflagge der Spruch prangt: jishu kenpou seitei – für eine eigene Verfassung. Es sind die lauten Rechten, die in der Vergangenheit ihres Landes keine Schuld erkennen wollen, die den Kaiser wieder zum offiziellen Oberhaupt Japans erklären wollen, möglichst auch wieder mit göttlichem Status.

Es ist eine Sicht auf Japan, von der sich auch viele führende Politiker nicht distanzieren. Die Mehrheit der Japaner teilt sie aber nicht. Und bei allem, was enge Beobachter in das Verhalten des Tennos hineingedeutet haben, wäre wohl auch der Kaiser selbst nicht für ein neuerliches Upgrade seiner selbst. Doch würde man ihn offen fragen – er dürfte heute nicht mehr antworten. Das verbietet ja die Verfassung.