Kommunalwahl in Bayern.
Foto: dpa/Sven Hoppe

MünchenKaum Maskierte, dafür viel Desinfektionsmittel, eigene Kugelschreiber und bisweilen zusätzliche Tischreihen als Sicherheitsabstand: Ohne Panik und mit jeder Menge Pragmatismus haben die Menschen in Bayern bei der Kommunalwahl der unsichtbaren Bedrohung durch das neuartige Coronavirus getrotzt. Und nicht nur das: Entgegen vieler Befürchtungen zeichnete sich schon bis zum frühen Nachmittag in allen großen Städten eine deutlich höhere Wahlbeteiligung ab als 2014.

„Wir begrüßen mit Herz und nicht mit der Hand“ ist in den meisten Wahllokalen schon am Eingang zu lesen. So auch im Münchner Süden, wo vereinzelt Wähler und Wahlhelfer auch Handschuhe tragen. Verängstigt oder verunsichert wirkt aber eigentlich niemand. „Dann pack ma's halt wieder“, sagt ein älterer Herr. „Ich bin erprobter Kommunalwähler, da bringt mich des Virus auch ned draus.“ Vor einem anderen Wahllokal in der Nähe sitzen gar zwei Senioren nach der Wahl noch in der Sonne und diskutieren bei einer Flasche Bier und einer Pfeife über die „Coronawahl“. Auf die Frage, ob sie mit dem Gedanken gespielt haben, aus Angst vor einer Ansteckung nicht wählen zu gehen, schmunzeln die Männer. „Da muss schon mehr kommen als des Virus da.“

In den hektischen Coronavirus-Zeiten ist die Gelassenheit am Wahlsonntag für viele Menschen eine willkommene Abwechslung, geht es im Anschluss doch für viele zum Sonntagsausflug. „Solange das noch geht, wollen wir die Sonne genießen“, sagt ein Münchner Familienvater mit ironischem Unterton bei seiner Ablösung als Wahlhelfer am Nachmittag. Er selbst habe eine chaotischere Wahl erwartet, zumal am Samstag die Stadt mit einem sprachlich eher verunglückten Aufruf Wahlhelfer nachrekrutiert hatte, sonst sei die „Durchführung akut gefährdet“. Um genügend Wahlhelfer an Bord zu haben, machte gar die Zwangsverpflichtung aller dienstfähiger Beamte die Runde.

Auch aus Nürnberg, so berichtet eine Wahlhelferin, sei die Stimmung sehr entspannt gewesen. „Vom Coronavirus oder der Angst davor haben wir eigentlich gar nichts bemerkt“, sagt sie. Selbst wenn sich punktuell vor den Urnen Warteschlangen bildeten, sei alles ruhig gewesen. „Wir hatten nur einen Wähler, der mit einer Maske kam.“ Während die meisten Wähler für ihre - etwa in München - bis zu 128 Stimmen auf den teils quadratmetergroßen Stimmzetteln ihren eigenen Stift mitbringen („Ich dachte Bleistift wäre ok“) - finden die bisweilen vorhandenen Waschgelegenheiten und Desinfektionsmittel guten Absatz, gerne vor und nach dem Kreuzchen machen. Doch wehe das Desinfektionsmittel oder das Waschbecken samt Seife fehlt. „Wo ist hier der Desinfektionsspender?“, fragt in einem Wahllokal eine etwa 40-jährige Frau gleich am Eingang. Als ihr eine Wahlhelferin antwortet, dies sei nicht per se für Wähler vorgesehen, droht die Stimmung kurz zu kippen. „Unverantwortlich, im Internet stand, dass überall Desinfektionsmittel bereitgestellt wird.“ Doch auch hier ist schnell Abhilfe gefunden, denn die Wählerin hat in ihrer Jackentasche selbst Desinfektionstücher dabei.

Gelassene Stimmung an den Wahlurnen

Beschweren werde sie sich aber dennoch, ruft sie noch, bevor sie ihre Wahlzettel abwischt und in die Urnen wirft. Die Tücher landen im Mülleimer daneben. Selbst in den Münchner Messehallen, wo die Briefwahlunterlagen ausgezeichnet werden, herrscht laut einem von mehreren Tausend Helfern gelassene Stimmung: „Wenn man es nicht aus den Medien wüsste, würde man gar nicht merken, das was ist.“ Mundschutz und Handschuhe seien auch kein Thema. Sogar ein, zwei Witze zum Thema Corona seien gemacht worden. Oberbürgermeister Dieter Reiter habe per Durchsage allen Helfern für ihre Mithilfe in dieser schwierigen Situation gedankt. Dass kurzfristig Lehrer zu Wahlhelfern verpflichtet wurden, sei keine Willkür gewesen, sondern aufgrund von Absagen nötig.

Auch im niederbayerischen Straubing hieß es Schlangestehen für die Kommunalwahl: In einem Wahllokal in der Innenstadt sind am Mittag alle Wahlplätze dauerhaft besetzt. Während die einen Wähler ihre Kreuzchen setzten, wartet der Rest vor der Tür. Das gleiche Bild zeigt sich in Neusäß-Steppach bei Augsburg und im Nürnberger Osten, auch hier läuft die Wahl erfreulich unaufgeregt ab. Von einer Corona-Panik ist nichts zu spüren oder gar zu sehen. „Die Räume wurden extra geputzt und werden danach wieder gereinigt“, beschreibt im Nürnberger Osten eine andere Wahlhelferin die Vorsichtsmaßnahmen. Zum Auszählen würden die Wahlhelfer Einmalhandschuhe anziehen. Große Sorgen mache sie sich aber nicht. Als einer der ersten Wähler hatte übrigens in Nürnberg am Sonntag um kurz nach 08.00 Uhr auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gewählt, selbstverständlich auch ohne Mundschutz und Handschuhe.