Dresden - Merkel muss immer weg, auch an diesem Montagabend vor der Dresdner Semperoper, wo sich nach Zählungen einer Studentengruppe rund 10.000 Pegida-Anhänger versammelt haben, etwas, aber nicht deutlich mehr als am vergangenen Montag. „Widerstand“ und „Merkel muss weg!“, hallt es mehrfach über den Platz, die Kanzlerin ist längst zur Lieblingsfeindin der selbst ernannten sächsischen Retter des Abendlandes geworden. Sie hat Justizminister Heiko Maas in der Missgunst des „Volkes“ abgehängt. Einer in der Menge hält ein Plakat mit dem Bild der Kanzlerin hoch: „Mutter Terroresia“.

Lutz Bachmann, der Anführer von Pegida, ist an diesem Abend auch weg. „In geheimer Mission unterwegs“, ruft sein Stellverteter Siegfried Däbritz von der Bühne auf dem Theaterplatz. Däbritz, ein glatzköpfiger Pensionsbetreiber, Securitymann und Waffennarr aus Meißen, der im Internet Muslime als „Schluchtenscheißer“ beschimpfte, hält an diesem Abend eine Rede und lädt seine Zuhörer zu einer Gedenkminute ein für die Opfer des Terrorismus in Paris. In Dresden war man davon ausgegangen, dass an diesem Abend, an Tag drei nach dem Anschlag, deutlich mehr Pegidisten in die Stadt kommen würden.

Rede von Marine Le Pen vorgetragen

Wer den Islam, die Flüchtlingsströme und den Terrorismus nicht miteinander in Verbindung bringe, der sei ein „Vollidiot“ und dem klebe zukünftig Blut an den Händen, ruft Däbritz der Menge zu. Zwei Prozent der Flüchtlinge seinen streng gläubige Kämpfer, das mache bei einer Million Flüchtlinge in Deutschland 20.000: „Na, alles super!“ Deutschland sei auf dem direkten Weg in einen „freiwilligen Ethnosuizid“, so Däbritz, deshalb: Merkel, zurücktreten und her mit Neuwahlen.

Dann liest er eine Rede der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen vor, von ihr gehalten am Tag nach dem Terroranschlag, lässt sie mit einem sehr sächsisch klingenden „Vive la Fröngs!“ enden und übergibt das Mikrophon an einen alten Bekannten, den Niederländer Ed Utrecht, der, wie er sagt, immer gerne nach Dresden zu Pegida kommt, um Kraft zu tanken.

Ed Utrecht nennt den Islam eine Krankheit und eine idiotische Ideologie. Über Muslime sagt er, diese Leute hätten hier nichts zu suchen, überhaupt seien härtere Maßnahmen notwendig. „Diese Menschen sind eine Last, nicht nur finanziell.“ Nicht alle Muslime seien Terroristen, so der Niederländer. „Aber alle Terroristen sind Muslime.“ Dafür gibt es eine Menge Beifall und die üblichen Rufe nach „Widerstand“. Dann spaziert die Menge durch die Dresdner Innenstadt und ist kurz vor 21 Uhr wieder auf dem Theaterplatz.

Merkel, die „gefährlichste Frau Europas“

Zum Schluss schimpft Tatjana Festerling, die im Frühjahr Pegida-Oberbürgermeisterin von Dresden werden wollte. Sie ist bekannt für besonders ordinäre Reden. „Selfie-Merkel“ als „gefährlichste Frau Europas“, die jetzt die Fluchtursachen in der Welt bekämpfen wolle: „Will sie jetzt den Afrikanern das Schnackseln verbieten?“ Was wäre wohl gewesen, fragt sie, „wenn der IS den Bundestag mit kompletter Regierungsmischpoke“ in die Luft gesprengt hätte?

Darauf folgt diesmal detailliertes Geschimpfe gegen die „Lügenpresse“, gegen Kai Diekmann von der „Bild“, der kürzlich noch mit Salafistenbärtchen herumgelaufen sei, gegen das „Augstein-Söhnchen“, das Sozialismus predige und auf Sylt Party mache, gegen Giovanni di Lorenzo von der Hamburger „Zeit“, einem Blättchen abghalfterter 68er.

Das gefällt den Leuten auf dem Dresdner Theaterplatz. Sie können gar nicht genug bekommen, rufen „Zugabe, Zugabe“, obwohl es zu regnen beginnt. Aber die Zugabe fällt aus, Tatjana Festerling schmettert statt dessen die Nationalhymne von der Bühne. Nächsten Montag geht es weiter.