Istanbul/Berlin - Der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel ist nach seiner Freilassung aus türkischer Haft am Freitagabend in Berlin-Tegel gelandet. Das Flugzeug war wenige Stunden zuvor in Istanbul gestartet.

Die Kampagne #FreeDeniz, die sich monatelang für seine Freilassung eingesetzt hat, hat über ihre Facebook-Seite eine Videobotschaft des Journalisten geteilt. „Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde“, erklärt Yücel in dem Video. „Meine Haft hatte genau wie meine Freilassung wenig mit Recht und Gesetz zu tun.“

Der „Welt“-Korrespondent bedankt sich bei seinen zahlreichen Unterstützern und der Bundesregierung. „Natürlich freue ich mich“, sagte Yücel über seine Freilassung. Wegen anderer in der Türkei inhaftierter Journalisten bleibe aber „ein bitterer Nachgeschmack.“

Nach Angaben des Außenministers ist die Freilassung nicht auf Gegengeschäfte zwischen Deutschland und der Türkei zurückzuführen. „Ich kann Ihnen versichern, es gibt keine Verabredungen, Gegenleistungen oder, wie manche das nennen, Deals in dem Zusammenhang“, sagte der SPD-Politiker am Freitag in Berlin. Politische Einflussnahme habe es allenfalls bei der „Verfahrensbeschleunigung“ gegeben.

Gabriel sagte weiter, auch der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe geholfen, „Türen aufzumachen in Istanbul“. Schröder sei zweimal dort gewesen. Nach Informationen des Rechercheverbunds von NDR, WDR und „SZ“ spielte auch Geheimdiplomatie eine Rolle. Gabriel habe unter anderem während eines Treffens mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Rom Anfang Februar um die Freilassung Yücels gebeten. Andernfalls bleibe das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei schwer belastet. Erdogan hatte in der italienischen Hauptstadt den Papst getroffen.

Ex-Kanzler Schröder sprach im Januar mit Erdogan über Yücel

Eine Woche danach traf sich Gabriel dem Bericht zufolge auf Bitten der Türkei in Istanbul erneut mit Erdogan, um Einzelheiten des Falls zu besprechen. Teil der im Geheimen geführten Verhandlungen sei auch ein Treffen Schröders mit Erdogan im Januar gewesen. Bislang war die Reise vor allem mit der Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner in Verbindung gebracht worden.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes sitzen noch fünf Deutsche aus politischen Gründen in der Türkei in Haft. Ihre Namen werden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht mitgeteilt. Die Bundesregierung fordert ihre Freilassung.

Gabriel rief dazu auf, den Moment zu nutzen, „alle Gesprächsformate“ wieder in Gang zu setzen, um bei grundsätzlichen Fragen zwischen der Türkei, Europa und Deutschland voranzukommen. „Wir haben eine Vertrauensgrundlage geschaffen, in der das möglich ist. Wir sollten jetzt nicht nachlassen“, sagte der Minister in der Redaktion der „Welt“, für die Yücel als Türkei-Korrespondent gearbeitet hat.

Freilassung wurde von türkischem Gericht angeordnet

Nach mehr als einem Jahr in Haft hat der „Welt“-Korrespondent Freitagmittag das Gefängnis in der Türkei verlassen. Yücels Anwalt Veysel Ok twitterte ein Bild des Journalisten, auf dem er seine Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel umarmt. 

Wenige Stunden zuvor hatte sein Arbeitgeber, die Zeitung „Welt“, am Freitag auf ihrer Website mitgeteilt, Yücel werde freigelassen. Sein Anwalt Veysel Ok teilte auf Twitter mit: „Und endlich gibt es für meinen Mandanten Deniz Yücel einen Entlassungsbefehl.“

Die Freilassung wurde von einem türkischen Gericht nach der Vorlage einer Anklageschrift durch die Staatswaltschaft angeordnet. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete am Freitag, die Istanbuler Staatsanwaltschaft habe eine Anklageschrift vorgelegt, in der 18 Jahre Haft für den „Welt“-Korrespondenten gefordert werde. Das Gericht habe die Anklageschrift angenommen und dann die Freilassung angeordnet. Die Bundesregierung bestätigte die geplante Freilassung.

Der Fall war zuletzt der größte Streitpunkt im Verhältnis zur Türkei. Yücel saß ein Jahr ohne Anklage in der Türkei im Gefängnis. Anschließend wurde gegen ihn wegen Terrorvorwürfen Untersuchungshaft verhängt. Zuletzt war aber Bewegung in den Fall gekommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Donnerstag nach einem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim gesagt, sie habe Yildirim darauf hingewiesen, „dass dieser Fall eine besondere Dringlichkeit für uns hat“. Vor seinem Deutschland-Besuch hatte Yildirim der ARD gesagt, er hoffe auf eine baldige Freilassung Yücels. (red/dpa)

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