Der Elefant im Raum – diese Metapher benutzen die Engländer, wenn sie sagen wollen: Es gibt ein offensichtliches Problem, über das niemand spricht. Autoritäre Herrscher wollen nicht, dass jemand öffentlich darüber spricht, wie sie ihre Macht immer weiter ausdehnen und Minderheiten unterdrücken. Das ist der Grund, warum solche Herrscher eine freie Presse unterdrücken. Denn die Aufgabe von Journalisten ist es zu sagen, was ist.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist demokratisch gewählt. Aber es ist ihm an der mit der Demokratie verbundenen Freiheit und an den Rechten Andersdenkender offenbar wenig gelegen. Erdogan will ungestört schalten und walten. Deshalb führt er einen Kreuzzug gegen jene, die ihm bei der Ausübung seiner Macht auf die Finger schauen wollen – gegen kritische Journalisten, die einfach ihrer Arbeit nachgehen.

Yücel ist Journalist durch und durch

„Ein Journalist, der was verfasst, das Erdogan nicht passt, sitzt morgen schon im Knast“, hieß es in einen Satire-Beitrag der NDR-Sendung „Extra 3“ – in deren Folge die türkische Regierung im März 2016 den deutschen Botschafter einbestellte. Dem Zuschauer blieb damals das Lachen im Halse stecken, weil die Satire Realität abbildet. Türkische Journalisten müssen Haft fürchten und erleiden.

Deniz Yücel ist als erster deutscher Journalist seit der Verhängung des Ausnahmezustands in der Türkei festgenommen worden. Nach einem zweiwöchigen Polizeigewahrsam ist er nun in Untersuchungshaft genommen worden. Vorgeworfen werden dem Korrespondenten der Zeitung „Die Welt“ Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung. Dabei ist Yücel Journalist durch und durch. Nichts anderes.

Gratwanderung für die Regierung

Der Fall Yücel – der Journalist besitzt neben der deutschen zugleich auch die türkische Staatsbürgerschaft – bringt die Bundesregierung in eine schwierige Lage. Die Deutschen erwarten zu Recht von ihrer Regierung, dass sie sich hörbar für ihren Bürger und für die Pressefreiheit in der Türkei einsetzt. Zugleich muss sie überlegen, was die richtige Reaktion ist, um etwas für Yücel zu erreichen.
Das ist eine Gratwanderung.

Die Kanzlerin verschärfte den Ton, blieb aber vorsichtig. Deutschland erwarte, „dass die türkische Justiz in ihrer Behandlung des Falles Yücel den hohen Wert der Pressefreiheit für jede demokratische Gesellschaft berücksichtigt“, sagte Angela Merkel. Dann hat Außenminister Sigmar Gabriel den türkischen Botschafter zum Gespräch geladen. Das Verhältnis beider Länder stehe „gerade vor einer der größten Belastungsproben in der Gegenwart“, sagte er. Das ist schon deutlich stärkerer Tobak.

Außenpolitik ist kein Vergnügen

Der Bundesregierung bleibt nichts übrig, als sich vorzutasten, um zu schauen, welche Strategie funktioniert. Bildlich gesprochen: Wer bei jemandem etwas erreichen will, wird ihm nicht gleich zu Anfang des Gesprächs ins Gesicht schlagen. Vielleicht wird er einen Schlag andeuten, die Hand wieder zurückziehen, dem anderen dann leicht auf Schulter klopfen – um dann zu schauen, was passiert. Außenpolitik und der Einsatz für die Pressefreiheit sind alles andere als ein Vergnügen in Zeiten von Erdogan – und auch des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Nutzen wir also die seltene Gelegenheit, uns mit dem wegen des Irak-Kriegs zu Recht viel kritisierten früheren US-Präsidenten George W. Bush zu solidarisieren. In Abgrenzung zu Trump hat Bush die Medien gerade als einen unverzichtbaren Bestandteil der Demokratie hervorgehoben. „Wir brauchen sie, um Leute wie mich zur Verantwortung zu ziehen“, sagte der frühere US-Präsident. „Macht kann sehr süchtig machen, und sie kann sehr zerstörerisch sein. Es ist wichtig, dass Medien Menschen zur Verantwortung ziehen, die ihre Macht missbrauchen“, sagte Bush.

Dem ist nichts hinzuzufügen.