Dresden - Dresden. Natürlich. Am Tag danach hatten ihn alle mal wieder völlig falsch verstanden. „Böswillig, bewusst verleumdend interpretiert“ habe man ihn, jammerte Björn Höcke, 44, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag und ein Meister unmissverständlicher Missverständlichkeiten am Mittwoch. In Dresden hatte er am Abend zuvor eine Rede im Ballhaus Watzke gehalten. Ein Termin, für den die Hassbewegung Pegida sogar ihr Montagstreffen abgesagt hatte, um die Anhängerschaft nicht mit zwei Wochen-Terminen zu überfordern. 500 Höcke-Freunde waren also gekommen, riefen hin und wieder „Merkel muss weg“ oder „Abschieben“ und hörten den Höcke-Satz: „Wir Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Schlau eingefädelt. Am Tag danach, als die Empörung groß war, erinnerte Höcke an vermeintlich ähnliche Äußerungen Martin Walsers und des Juden und Architekten des Holocaust-Mahnmals, Peter Eisenman, zum Thema und schob den Satz nach: „Diese Fähigkeit, sich der eigenen Schuld zu stellen, zeichnet uns Deutsche aus.“ Er habe ausdrücklich den Holocaust als Schande bezeichnet, nicht das Mahnmal. Also bitte.

Provokation ist Höckes Handwerk

So funktioniert Höcke. Er inszeniert den Skandal und damit sich. Provokation ist sein Handwerk, mediale und politische Entrüstung sein Lohn. Vor allem die sofort einsetzende Empörung der üblichen Verdächtigen aus der politischen Konkurrenz dürfte dem suspendierten Lehrer aus Westfalen ein innerer Vorbeimarsch gewesen sein: SPD-Vize Ralf Stegner schimpft „Neonazipack“, der sächsische Grüne Jürgen Kasek prüft eine Anzeige, der Linken-Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm hat sie vermutlich als Allerallererster gestellt, Stunden danach kommen auch Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch mit Anzeigen daher.

Parteichefin Katja Kipping fällt schließlich der Ausdruck „Goebbels-Schnauze“ ein. Die Grüne Simone Peter findet Höckes Rede „unsäglich“, der Zentralrat der Juden in Deutschland urteilt, die AfD zeige ihr wahres Gesicht, SPD-Chef Sigmar Gabriel wiederum meint, Höcke verachte Deutschland und der Grüne Volker Beck will den Höcke-Flügel der AfD am liebsten vom Verfasungsschutz beobachten lassen.

Höcke-Rede sorgt für Ärger in AfD

Natürlich hat Höcke am Abend zuvor keine Werbung für Geschichtsaufarbeitung und das Holcaust-Mahnmal betrieben. Er hat, vermutlich würde er es selbst so formulieren, gezielt und provokativ ein Zitat seiner Rede aus dem Zusammenhang gerissen, etwas, das die AfD sonst nur bei der „Lügenpresse“ beobachtet. Was er auch noch gesagt hatte in seiner fast einstündigen Rede: Die deutsche Geschichte werde „mies und lächerlich gemacht". Von „dämlicher Bewältigungspolitik" hat er geredet, davon, Deutschland, das sich „im Gemütszustand eines total besiegten Volkes“ befinde, könne nur eine Vision für seine Zukunft finden, wenn es wieder eine positive Beziehung zu seiner Geschichte aufbaue. Das war der Zusammenhang, aus dem er sich sein spitzes Sätzchen herauspickte.

Werbung in eigener Sache. Mit dem Manöver hat Höcke jedoch auch für Ärger innerhalb der AfD gesorgt. Es ist Teil eines seit Monaten schwelenden Machtkampfes. Parteichefin Frauke Petry, die weder mit völkischen Figuren wie Björn Höcke, dem sachsen-anhaltischen AfD-Vorsitzenden André Poggenburg oder Pegida und deren mehrfach vorbestraftem Anführer Lutz Bachmann etwas zu tun haben möchte, schimpfte tags darauf in der Wochenzeitung Junge Freiheit: „Es bestätigt sich, was ich schon vor einem Jahr sagte. Björn Höcke ist mit seinen Alleingängen und ständigen Querschüssen zu einer Belastung für die Partei geworden“.

Zeitpunkt der Rede vermutlich kein Zufall

Ihr neuer Lebenspartner, der nordrhein-westfälische AfD-Chef Marcus Pretzell meinte nur: „Fatal ist nicht, dass Höcke ständig mißverstanden wird, fatal ist, daß dies in einem Bereich deutscher Geschichte geschieht, bei dem es der Anstand verbietet.“ Kaum hat er das verkündet, solidarisiert sich wiederum AfD-Vize Alexander Gauland mit Höcke.

Vermutlich ist auch kein Zufall, dass Höcke seine Rede am Abend des Tages, an dem das Bundesverfassungsgericht die NPD ausdrücklich nicht verbot, genau so hielt, wie er sie hielt: als Einladung an alte und junge Rechtsextremisten, nicht länger der verzwergten und bedeutungslosen NPD nachzutrauern, sondern stattdessen beim Erfolgsmodell AfD mitzumachen und dort für den nötigen Rechtsdrall zu sorgen.

„Das ist ein Nazi. Und er ist dort nicht der einzige“, twitterte noch am Dienstagabend der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz nach Höckes Auftritt. Zwei unmissverständliche Sätze, einfach und klar und aus keinem Zusammenhang gerissen, weil es keinen gibt.