Berlin - Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz von den Grünen will ein Online-Portal für anonyme Hinweise auf mutmaßliche Steuerbetrüger einführen. Die Union spricht von „Denunziantentum“ und „Steuerpranger“, die FDP von „Blockwart-Mentalität“, die Bild-Zeitung von „Steuer-Stasi“. Grünen-Chef Robert Habeck sagte in Richtung Bild, solche Vergleiche verharmlosten die „Diktatur der DDR“. Nun ja.

Auch wenn Habeck die Meldeplattform für ein wichtiges Instrument hält, kann man anonymes Melden mit gemischten Gefühlen sehen. Ähnliche Plattformen gibt es schon länger, und sie mögen in Teilen ihren Zweck erfüllen, etwa für Whistleblower in Behörden und Unternehmen, die einen realen schwerwiegenden Missstand aufdecken wollen. In Berlin gibt es seit 2016 ein Portal zu den Ordnungsämtern, auf dem man den Nachbarn, der sonntags Rasen mäht, melden kann oder auch nächtlichen Partylärm, wenn man selbst nicht eingeladen wurde. Was einst der grimmige Opa war, der auf einem Kissen aus dem Fenster lehnte und Falschparker anzeigte, erledigt nun eine App.

Gerade die Grünen finden nichts Schlimmes am Petzen. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock fordert die bundesweite Einführung einer anonymen Meldeplattform gegen vermeintliche Steuersünder. Dann kann man noch bequemer seinem Nachbarn das Finanzamt auf den Hals hetzen, wenn man glaubt, dass er illegal eine Putzfrau hat.

Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt. 50 Milliarden Euro gehen jährlich verloren. Es wäre besser, endlich das komplizierte Steuerrecht mit seinen unzähligen Schlupflöchern zu entrümpeln. Und die Finanzämter sollten ihre Digitalisierungsbemühungen auf ihre internen Arbeitsprozesse richten anstatt auf anrüchige Petz-Briefkästen. Denn Denunziantentum hat gerade in Deutschland eine lange und unselige Tradition. Das sollte Habeck auch wissen.