Eine Verabredung mit Inge Deutschkron dauert anderthalb Minuten am Telefon. Sie verschwendet keine Zeit, am Donnerstag um elf, ja das passt. Donnerstag um elf öffnet Inge Deutschkron die Tür ihrer lichten geräumigen Charlottenburger Wohnung und sieht ausgehfein aus. Ihr Lidschatten korrespondiert mit dem Flaschengrün ihres Kostüms, das Rotbraun der Kette mit der ihrer Haare, der Lippenstift sitzt. Diese Dame achtet auf sich. Im Gespräch ist sie konzentriert, schweift nicht in Schnurren ab, stolpert über keinen Namen und keine Zahl aus 90 Jahren Leben.

Ein Wunder, zumal es die Frau schon lange nicht mehr geben sollte, denn 1943 war Berlin für judenfrei erklärt worden. Inge Deutschkron, ihre Mutter und 1700 weitere Berliner Juden aber haben unter rabiaten Umständen jahrelang in der Illegalität überlebt. Am 18. Oktober (12 Uhr) wird sie, eine der letzten Zeuginnen dieser Zeit, eine Rede halten auf einer Gedenkveranstaltung des Senats und der Jüdischen Gemeinde: „… abgeholt“ am Denkmal Gleis 17 in Grunewald. Von diesem Bahnhof wurden ab 1941 mehr als 50.000 der 160.000 Berliner Juden in Konzentrationslager verschleppt.

Auf der Einladung zur Gedenkfeier steht in Kinderschrift: „Papa! Sind abgeholt. Komme sofort nach zur Gr. Hamburger Straße. Klaus und Mama.“ Da ahnt man, dass für die jüdischen Berliner die Fahrt in die Vernichtungslager vollkommen überraschend kam.

Überraschend, aber nicht ohne Angst. Denn keiner wusste, wohin die Leute geschickt wurden. Wir vermuteten in Arbeitslager. Nur beim ersten Mal kam die Gestapo und holte die Leute ab. Ich war selbst zu Hause und habe das miterlebt, fürchterlich. Die alte Dame aus unserer Wohnung ging mit ihrem kleinen Koffer und in ihrem besten Mantel. Vorher musste sie wie alle eine Liste ausfüllen, eintragen, was sie besitzt. Der Staat wollte wissen, was er klaut. Was anderes war das ja nicht. Die Jüdische Gemeinde hat später empfohlen, man solle keine Schwierigkeiten machen, das habe ich gehasst. Jeden Monat ging mindestens ein Transport mit 1000, 1500 Menschen. Wenn einer weg war, atmeten die anderen auf, für ein, zwei Tage.

Ab wann wussten Sie, was mit den Abgeholten passierte?

Ein Jahr lang hatten wir keinen Schimmer. Im November 1942 berichtete BBC vage, dass es in den KZ Massenerschießungen und Vergasungen geben soll. Das konnten wir nicht glauben, wollten es nicht. Wie kann es sein, dass ein Staat eine Mordmaschine aufbaut und ein Volk mitmacht? Oder doch ein Teil davon.

Viele haben es nicht gewusst, Sie erst auch nicht.

Jeder hätte es wissen können. Wir wurden von einer Wäschereibesitzerin gewarnt: Gehen Sie nicht mit, wenn Sie geholt werden sollen! Sie ermorden sie alle. Ein junger deutscher Soldat, zurück aus Polen, hatte erzählt, was er gesehen hatte. So viele Soldaten kamen doch zurück, also: Jeder hätte es wissen können. Meine Mutter und ich gingen in die Illegalität.

Wie konnte man sich über Jahre verstecken?

Es waren 20 Familien, die uns halfen, allein in Berlin. Sieben Familien luden sich die Last auf, uns aufzunehmen. Wir hatten ja keine Lebensmittelkarten. Immer gab es neugierige Nachbarn. Diese Menschen haben ihren Kopf riskiert, das waren die eigentlichen Helden.

Sie sind 1972 aus der Bundesrepublik weggegangen, weil Nazi-Größen in Führungssessel gelangt waren. Nehmen Sie wahr, wie sehr sich das Land seitdem geändert hat?

Ich bin wachsam. Die lächerlichen Vorwände, die NPD nicht zu verbieten, empören mich. Muss ich als Opfer der Nationalsozialisten für die Steuern zahlen? Ich habe schon eine Klage beim Bundesverfassungsgericht erwogen. Und diese Nazi-Größen wurden nach 1945 erst in ihre Positionen gebracht. Ich musste mir anhören: Frau Deutschkron! Ist doch so lange her! Sie müssen endlich vergeben können.

Sie haben das Bundesverdienstkreuz mehrfach abgelehnt, kann man es noch nicht annehmen?

Nein! Die Nazis haben es zuerst bekommen, und ich kriege es danach? Ich bitte Sie! Ich war in den Fünfziger-, Sechzigerjahren in Bonn, eine schreckliche Zeit. Ich hatte drei Makel: Ich war eine Frau und arbeitete politisch für eine israelische Zeitung. Ich war eine Sozialdemokratin und eine Jüdin. Ich habe gestört. Aber mich bekamen sie nicht mundtot.

Sozialdemokratin war auch ein Makel?

Aber ja, denken Sie, ich hätte damals in Bonn einen Job bekommen, vielleicht in der Verwaltung? Nie.

Sie sprachen fließend Englisch, hatten Erfahrung als politische Korrespondentin.

Aber die Verwaltung war schwarz, die wollte keine Sozialdemokraten. Ich war ausgegrenzt.

Die Vergangenheitsbewältigung der DDR war hochproblematisch, aber gegen Nazis positionierte sie sich. Welche Erfahrungen hatten Sie?

Ich habe 1945 in der sowjetisch besetzten Zone gearbeitet und spürte Aufbruchsstimmung. Da waren Leute aus dem KZ, aus dem Exil, Menschen, die nur einen Gedanken hatten, ein neues Deutschland aufzubauen. Das hat mich begeistert, der Eifer war ehrlich. Aber das ging nur bis zu dem Tag, als die Gruppe Ulbricht im Herbst 1945 nach Berlin kam und alles kaputt machte. In Moskau hatten sie sich was anderes überlegt für Ost-Berlin. Ich kam bald wieder auf eine Liste und wäre beinahe verhaftet worden. Aber da war ich schon weg.

Nach Auschwitz kann man nicht mehr glauben, sagen Sie. Und: Mir wurden die Wurzeln abgeschnitten, die wachsen nicht nach. Aber Sie wurden keine bittere Frau. Fühlen Sie sich immer noch heimatlos?

Natürlich, was glauben Sie denn? Wenn in Deutschland überhaupt eine Stadt zum Leben in Frage kommt, dann Berlin. Hier waren meine Freunde, ohne die ich nicht hier säße, Menschen mit Gesinnung und Anstand. Die Zahl der Helfer ist nicht bekannt. Ich bin überzeugt, dass sich wiederholen kann, was nicht politisch und soziologisch aufgearbeitet wird. Das nachfolgenden Generationen klar zu machen, ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit. Aber Bitterkeit? Nie, die hilft nichts.

Sie blicken zurück auf 90 Jahre Leben – wann waren Ihre glücklichsten Jahre?

Jedenfalls nicht das Ende des Krieges. Der glückliche Moment, den wir erwartet hatten, kam einfach nicht. Wir waren natürlich froh, dass die Nazis weg waren. Aber wir hatten es schwer. Kein Mensch hat uns, den Überlebenden geholfen, eine Schande. Ich war auch kaputt. Ich war 23, hatte kein Studium, kein Abitur und jahrelange Illegalität hinter mir, war zwischendurch schwer krank, Es dauerte es ein Jahr, bis wir zu meinem Vater konnten, der in der englischen Emigration lebte. Ich bekam dann einen Ausweis als feindlicher Ausländer. Dort wollte ich nicht bleiben.

Und die glücklichen Zeiten?

Ach, ich weiß es nicht, womöglich sind sie es heute. Zu meinem 90. Geburtstag im August gab es einen Festakt im Roten Rathaus, von dem ging so viel Freundschaft und Wärme aus, 400 Gäste, ein Zeitzeuge sprach, der Regierende, ein ganzer Abend nur für mich. Dass man anerkennt, was ich tue, das waren wirklich glückliche Momente. Ich hatte drei tolle Tage. Mein Geburtstag mit Freunden, dann der Festakt und noch ein Essen mit dem Bürgermeister! Ich bin auch stolz, was ich geschafft habe, die Bücher, die 30 Jahre Arbeit für die Zeitung. Aber beruflicher Erfolg ist nicht das Gleiche.

Sie arbeiten immer noch.
Aber ja, um sieben stehe ich auf, um zehn sitze ich am Schreibtisch, meine Zeit als Sozialdemokratin, meine Jahre in Bonn, das schreibe ich noch auf. Meine Lesungen und Vorträge zähle ich gar nicht. Leider bin ich nicht mehr so mobil, weil ich das Autofahren aufgegeben habe. Obwohl ich gut sehe, ohne Brille lese. Aber passiert was, würde es heißen: Die 90-Jährige ist Schuld. Nee, da fahre ich lieber Taxi.

Das Gespräch führte Birgit Walter.