Berlin - Unser Gesundheitsminister Jens Spahn feiert Weihnachten allein mit seinem Mann. Lothar Wiehler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, sitzt gerade eine Art Vorquarantäne aus, damit er, seine Frau und die beiden Kinder die Schwiegereltern zu Besuch empfangen können.

Ich dagegen habe alles abgesagt.

Meine alte Mutter sieht sowieso schon jeden Tag zuerst in der Zeitung nach, wie viele Menschen in ihrer direkten Umgebung, im Ortsteil, mit Corona infiziert sind. Da will ich ihr keine komplizierten Weihnachtspläne zumuten. Die immer weiter steigenden Zahlen wirken derart alarmierend auf sie, dass sie sich längst eingeigelt hat. Sie verlässt nur noch selten das Haus. Jetzt wartet sie gemeinsam mit dem Lebensgefährten auf die Impfung.

Nach den Plänen von Politik und Wissenschaft ergibt solches Verhalten durchaus einen Sinn. Wer kurz unter 80 oder weit darüber ist, wie diese beiden, darf hoffen. Aber was tun wir anderen? Nach den neusten Gerüchten müssen wir noch ein ganzes Jahr aufs Impfen warten. Wir warten auch auf die Entspannung nach der zweiten und dann wieder auf die dritte und vielleicht sogar die vierte Welle, denn mit dem Impfen sind wir ja noch lange nicht durch die Pandemie.

Die Lebensplanung hängt am Impfen

Meine Tochter möchte im Sommer aber für ein Auslandsjahr nach Kanada gehen. Sie möchte arbeiten und reisen, ein ganzes Jahr lang, so wie das viele Abiturienten vor allem seit der Einführung des Turboabiturs machen. Gemacht haben, sollte man vielleicht sagen. Vor Corona. Sich treiben lassen, Erfahrungen sammeln, eine Zeit lang in einer anderen Kultur leben.

Wir haben einen ganzen Abend lang versucht, den Pool für die Visumsvergabe zu knacken. Aber es ist sinnlos im Moment. Die Grenzen sind geschlossen für Menschen, die nicht Kanadier sind oder keine wichtigen beruflichen Gründe vorweisen. Der Wunsch nach kultureller Selbsterfahrung ist kein wichtiger Grund. Das erscheint logisch und ist trotzdem bitter. Vielleicht wird diese eine fehlende Möglichkeit ihr Leben jetzt in eine andere Bahn lenken.

Es kriecht einen gerade von allen Seiten an. Die Erzählungen vom Krankenbett, von Freunden, deren Eltern gestorben sind, von Intensivstationen, die niemanden mehr aufnehmen wollen, von Hotels und Clubs, die für immer schließen. Da ist die Freundin, die gerade ein Sportstudio aufgemacht hat. Aber ihre Kurse und die ihrer Teilhaber und Mieter können auf absehbare Zeit nicht stattfinden. Oder der Bekannte, der stolz darauf war, dass er mit seinem Essenlieferdienst erstmals auch Kantinen beliefern darf. Auch damit ist es nun Essig. Die sinkende Impfbereitschaft. Nach repräsentativen Befragungen möchte sich auf einmal nur noch die Hälfte der Bevölkerung gegen Corona impfen lassen. Seit April ist die Tendenz kontinuierlich fallend. Dabei haben die Leute, die so antworten, gar keine andere Perspektive. Sie haben aber auch kein Vertrauen.

Es ist eine zutiefst depressive Stimmung allerorten auszumachen. Sie breitet sich aus wie ein übergroßer Winterteppich.

Natürlich kann man immer sagen, das sei Jammern auf hohem Niveau. Solange man selbst nicht krank ist, niemand aus der eigenen Familie stirbt, man eine Arbeit hat, ein Zuhause. Das ist alles richtig und gilt natürlich auch für mich. Und doch ist es eine Form von Verdrängung. Wir wollen nicht wahrhaben, was gerade passiert. Dass sich unsere Welt verändert. Und zwar unwiederbringlich.

Das Leben geht weiter. Ja, das sagt man so schön. Auch das ist wahr für die allermeisten von uns. Aber die Erkenntnis, dass es ein anderes Leben sein wird als das frühere, setzt sich gerade erst durch.

Im vergangenen Sommer habe ich eine Reha-Klinik für ehemalige Covid-Patienten besucht. Die leitende Ärztin sagte damals, es gebe kein Leben nach Corona, sondern nur eins mit Corona. Ich habe das damals nicht verstanden.

Es liegt vielleicht an der Politik, die immer so stark auf das nächstliegende Thema fokussiert: die Corona-App, die Infektionszahlen, der Lockdown, die Wirtschaftshilfen, die Reihenfolge bei den Impfungen. Es liegt sicher auch an der Verstärkung des Effekts durch die Medien. Aber im Endeffekt liegt es auch an uns selbst. Wir machen die Augen zu, wenn wir dadurch einer unangenehmen Tatsache ausweichen können.

Rat von Psychologen

Auf der Website des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist zum Umgang mit der Corona-Belastung ein handfester praktischer Katalog zu finden. Sich über verlässliche Quellen informieren und so ein Gefühl der Sicherheit herstellen, steht da. Gefühle wie Hilflosigkeit, Angst, Ärger, Sinnlosigkeit und Leere akzeptieren. Sich realistische Ziele setzen. Über die Krise reden. Mit anderen in Kontakt bleiben, auch mal was anderes machen, lachen, Sport treiben, über Dinge nachdenken, die funktionieren.

Das klingt machbar. Man sollte es versuchen.