New York - Es gab reichlich Grund im April des vergangenen Jahres, sich irgendwie orientierungslos zu fühlen. Die ganze Welt stand Kopf, die Gegenwart war so verwirrend wie die Zukunft ungewiss.

New York war zum globalen Epizentrum der Corona-Pandemie geworden, das pausenlose Heulen der Krankenwagensirenen machte die ausgestorbene Stadt noch gespenstischer als sie ohnehin schon war. Im Hudson ankerte ein Krankenhaus-Schiff, im Central Park war ein Feldlazarett entstanden, und die Subway war zur Rushhour menschenleer.

All das hätte David Freedlander, ein gestandener politischer Reporter aus Brooklyn, noch verkraften können. Was ihn am meisten verwirrte, war jedoch, dass plötzlich jeder Andrew Cuomo liebte. Die täglichen, ruhigen und nüchternen Pressekonferenzen des Gouverneurs waren Quotenrenner, junge Frauen liefen mit T-Shirts herum, auf denen sie sich dazu bekannten, Hals über Kopf in den 63 Jahre alten Italo-Amerikaner verknallt zu sein.

„Ich hoffe nur, dass diese Pandemie bald vorbei ist, damit ich Cuomo wieder hassen kann“, schrieb Freedlander damals in einer Kolumne im Magazin Politico. Der eingefleischte New Yorker Linke hatte den raubeinigen Landesherren mit dem ausgeprägten Machtwillen über die Jahre als Feindbild internalisiert. Nun plötzlich war dieser jedoch zum Volkshelden geworden, zum Anti-Trump, zum Fels der Vernunft in der Brandung des Wahnsinns, zu dem Amerika zu verkommen drohte.

In den vergangenen Wochen wurde Freedlanders Wunsch nun endlich erfüllt. Man hasst Cuomo wieder, nicht nur in New York, sondern in den gesamten Vereinigten Staaten. Die Aura des Corona-Helden, der sein Volk mit sicherer Hand durch die Katastrophe steuert, ist inmitten eines sich rasant ausbreitenden Skandals rund um Cuomo erloschen. All die, die in ihm einen aufgehenden Stern am amerikanischen Politik-Firmament gesehen hatten, sind zutiefst enttäuscht.

Die einzigen Amerikaner, die vom Absturz Cuomos nicht wirklich überrascht sind, sind die New Yorker; Leute wie David Freedlander eben, die seit zehn Jahren miterleben mussten, wie Cuomo mit seiner besonderen Mischung aus Doppelzüngigkeit und plumper Einschüchterung den Staat regiert und die Stadt New York gängelt. Schon als Cuomo im Jahr 2002 zum ersten Mal für den Gouverneursposten kandidierte, nannte die New York Times ihn „manipulierend, grob und arrogant“.

Das hat nun auch die Welt jenseits des Hudson gemerkt, nachdem sie Cuomo, ähnlich wie den damaligen Bürgermeister Rudy Giuliani nach 9/11, ein dreiviertel Jahr lang als Helden gefeiert hatte. Die Charaktereigenschaften, welche die Times Cuomo schon vor 20 Jahren nachgesagt hat, sind auch durch die geschicktesten PR-Manöver nicht mehr zu vertuschen.

Die Maske des guten Onkels, des „Lov-Gov“, wie die Medien ihren Corona-Captain zwischenzeitlich getauft hatten, wurde Cuomo vor etwa einem Monat heruntergerissen. Bei einer Pressekonferenz in der Staatshauptstadt Albany begann Cuomo ungefragt und mit einer eigenartigen Besessenheit über einen obskuren Staatsabgeordneten herzuziehen. Der Mann, ein koreanisch-stämmiger Delegierter aus Queens, sei vor Jahren in einen unaufgedeckten Korruptionsskandal rund um chinesische Nagelstudios in New York verwickelt gewesen.

Die eigenartige Beschäftigung mit dem Delegierten Ron Kim ließ die Journalisten aufhorchen, und so begannen sie nachzuforschen. Kurz darauf erschienen Artikel über das Verhältnis zwischen Herrn Kim und dem Gouverneur in der New York Times und bei CNN. Wie sich herausstellte, hatte Kim als Vorsitzender des Ausschusses für ältere Mitbürger maßgeblich daran mitgewirkt, Cuomo dafür zur Rechenschaft zu ziehen, wie er während der Covid-Krise mit den New Yorker Altersheimen umgegangen war. Cuomo hatte Pfleger, die den Virus trugen, aber keine Symptome hatten, weiterarbeiten lassen. Zudem hatte er, um die Krankenhäuser zu entlasten, Covid-Kranke mit milderen Symptomen in den Altersheimen belassen.

Das Ergebnis war verheerend. Das Magazin New Yorker beschrieb den Effekt so: wie ein Streichholz in einem ausgetrockneten Nadelwald. Die Todeszahlen in den Altersheimen waren katastrophal. Und zu den Opfern gehörte der Onkel von Herrn Kim, ein verdienter Veteran der U.S. Army. Doch um sein sorgsam gepflegtes Image als Covid-Held nicht zu beschmutzen, fälschte oder verheimlichte Cuomo die Sterblichkeitszahlen.

Am Abend nach der Ausschusssitzung, in der Kim Cuomo mit diesen Vorwürfen konfrontierte, klingelte bei den Kims zu Hause das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war der Gouverneur selbst, und er war außer sich. „Ich werde dich zerstören“ schrie er Kim ins Ohr, so laut, dass es dessen Frau bis ins Wohnzimmer hören konnte. „Ich werde morgen hinausgehen und der Welt sagen, was für ein schlechter Abgeordneter du bist. Du bist fertig.“

Kim konnte die Nacht über nicht schlafen, unermüdlich grübelte er, wie er sich verhalten sollte. Schließlich entschloss er sich, den Drohungen nicht nachzugeben und die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen.

Der Mut des Herrn Kim löste eine ganze Welle von Enthüllungen aus. Plötzlich quollen die sozialen Medien vor Cuomo-Geschichten über. Jeder, der in den vergangenen 20 Jahren in der New Yorker Politik zu tun hatte, so schien es, war irgendwann einmal mit Cuomo oder seinen Mitarbeitern aneinandergeraten. „So viele Menschen sind vom ihm eingeschüchtert oder misshandelt worden“, twitterte Yuh-Line Niou, eine Staatsabgeordnete aus Manhattan.

Und im Windschatten von Herrn Kim traten nicht nur Menschen an die Öffentlichkeit, die von Cuomo drangsaliert worden waren. Plötzlich tauchten auch Berichte von Frauen auf, die sich von Cuomo im Laufe der Jahre sexuell belästigt gefühlt hatten.

Ehemalige Mitarbeiterinnen erzählten, dass Cuomo ihnen intime Fragen über ihr Privatleben gestellt und sie gefragt hatte, ob sie jemals mit einem älteren Mann geschlafen hätten. Eine 36 Jahre alte Mitarbeiterin berichtete, er habe sich ihr in den Weg gestellt und ihr einen Kuss aufgezwungen. Bei anderer Gelegenheit habe er ihr eine Partie Strip-Poker vorgeschlagen. Wiederum eine andere Frau behauptet, er habe ihr in der Residenz des Gouverneurs ungefragt unter die Bluse gefasst. Andrew Cuomos Ruf des Anpackers bekam eine ganz neue Note.

Mehr noch, nachdem die erste Frau mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit gegangen war, gingen bei mehreren New Yorker Zeitungen Dokumente über ihre angeblich mangelhafte berufliche Qualifikation ein. Die Frau kandidierte zu jenem Zeitpunkt selbst um ein politisches Amt. Die Beschreibung passte bestens in Cuomos Verhaltensmuster.

So steht Cuomo nun vor dem Scherbenhaufen seiner politischen Karriere. Noch vor einem Jahr galt er als möglicher Präsidentschaftskandidat. Nun kann er froh sein, wenn er sich über den Rest seiner Amtszeit retten kann. Eine erneute Kandidatur für den Gouverneursposten im Jahr 2022 wird immer unwahrscheinlicher.

Zugleich hat Letitia James, die oberste Staatsanwältin des Staates New York, eine Untersuchung gegen Cuomo eingeleitet. Die ambitionierte Frau, die sich in der New Yorker Politik als ruhelose Korruptionsbekämpferin einen Namen gemacht hat, gilt als unbeirrbar. Versuche von Cuomo, die Untersuchung an eine Richterin zu geben, zu der er alte persönliche Verbindungen hat, scheiterten derweil.

Pikanterweise ist es auch Letitia James, die eine Untersuchung gegen Donald Trump wegen dessen dubioser Geschäftspraktiken eingeleitet hat. Und so findet sich Andrew Cuomo nun ganz unverhofft in der Gesellschaft ebenjenes Mannes, von dem er sich in der öffentlichen Arena so deutlich zu unterscheiden versuchte.

Kritischen Beobachtern der New Yorker Szene wie David Freedlander war aber ohnehin schon lange klar, dass Cuomo und Trump mehr verbindet, als sie trennt. Und das beginnt mit dem Milieu, in dem sie aufgewachsen sind.

Sowohl Trump als auch Cuomo kommen aus Queens, einer eher kleinbürgerlichen New Yorker Vorstadt, mit bescheidenen Einfamilienhäusern und akkuraten Vorgärten. In beiden Familien waren es die Väter, die den Sprung in die Mittelschicht geschafft hatten. Donalds Vater Fred, Immobilienentwickler und Sohn deutscher Einwanderer, war sogar Klient von Andrews Vater Mario, Rechtsanwalt und Sohn italienischer Einwanderer.

Foto: AP
Am Anfang der Dynastie: Mario Cuomo, damals Innenminister von New York, 1977 mit seiner Frau Matilda und den Söhnen Andrew (r.) und Chris.

So wie Donald stand Andrew stets im Schatten eines übermächtigen autoritären Vaters. Und wie Donald suchte Andrew stets in die Fußstapfen ebendieses Vaters zu treten.

Als sich Mario Cuomo in den 70er-Jahren um sein erstes politisches Amt bewarb, klebte der 18 Jahre alte Andrew für ihn auf den Straßen New Yorks Plakate. Bei Marios erstem Wahlkampf um das Amt des Gouverneurs 1982 managte Andrew die Kampagne.

Es war ein hartes Praktikum im alten Stil der New Yorker Politik, wo es um Verbindungen und Seilschaften und vor allem um Ellenbogen ging. Nicht umsonst ist in New York der Spruch „Quid pro Cuomo“ ein geflügeltes Wort. Und es war die Vorbereitung darauf, seinen Vater zu beerben und eine politische Dynastie zu begründen, flankiert zumal von seinem jüngeren Bruder Chris, der eine journalistische Laufbahn einschlug und heute eines der prominentesten Gesichter von CNN ist.

Freilich standen die Cuomos, anders als die Trumps, politisch immer links. Während Fred Trump versuchte, Afroamerikaner aus seinen Wohnungen herauszuklagen, setzte sich Mario Cuomo für sozialen Wohnungsbau ein. Doch die liberale Gesinnung war ebenso sehr Überzeugung wie politisches Kalkül. Seit jeher ist New York de facto ein Einparteienstaat. Dauerhaft ist hier nur in der demokratischen Partei Karriere zu machen.

Andrew Cuomos Instinkte lagen dabei schon immer eher auf der konservativen Seite. In seiner ersten Amtszeit schmiedete er eine Koalition mit den Republikanern im Staatsparlament, um die progressiveren Kräfte im Zaum zu halten. Und als der linkere Flügel der Partei ausscherte und die „Working Families Party“ gründete, reagierte er mit einer zornigen Rachekampagne.

In den vergangenen acht Jahren war Cuomo indes New Yorkern vorwiegend durch seine Dauerfehde mit dem linksprogressiven Bürgermeister de Blasio vertraut. Bisweilen nahm das Gezänk der beiden New Yorker Italo-Amerikaner humoristische Züge an. Wenn es ans Eingemachte ging, fanden es die New Yorker jedoch gar nicht mehr lustig, dass die Männer ihre persönlichen Zwistigkeiten über das Interesse der Stadt stellten.

Dabei spielte Cuomo nicht selten ein doppeltes Spiel. Er bekannte sich nach außen hin zu populären progressiven Initiativen wie der U-Bahn-Sanierung oder der flächendeckenden Bereitstellung von Kindertagesstätten. In Hinterzimmern sabotierte er dann jedoch die Projekte, um den politischen Rivalen de Blasio scheitern zu lassen. De Blasio sprach in der Öffentlichkeit immer häufiger von Cuomos „Vendetta-Politik“.

Die Ära dieser Art von Macho-Politik neigt sich nun jedoch in Amerika ihrem Ende zu – sowohl in Washington als auch in New York. New York wählt in letzter Zeit lieber Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez, Letitia James oder junge schwarze Abgeordnete wie Jamaal Bowman aus der Bronx und Hakeem Jeffries aus Brooklyn. Die alten Apparatschiks der demokratischen Partei haben ausgedient. Und mit dem Ende von Covid am Horizont darf man sie auch getrost wieder hassen.