Jörg Meuthen, einer der beiden derzeitigen Parteichefs.
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BerllinAfD-Chef Jörg Meuthen hat viele Probleme – derzeit auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Er gilt als gemäßigter Rechtsnationaler, der die Partei nun von einzelnen Rechtsextremen befreien will. Gerade hat er durchgesetzt, dass eines der prominentesten Mitglieder aus der AfD geflogen ist: Andreas Kalbitz, der bisherige Brandenburger Landeschef und zweite Mann hinter Björn Höcke im kürzlich aufgelösten „Flügel“. Die Parteigruppierung wurde offiziell als rechtsextrem eingestuft.

Doch Meuthen ging nicht wegen der politischen Vergangenheit in der rechtsradikalen Szene gegen Kalbitz vor, sondern ganz „unpolitisch“, weil dieser beim Parteieintritt Teile dieser Vergangenheit verschwiegen haben soll. Es war also keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern ein formalistischer Akt.

Damit brach der lange gedeckelte Richtungsstreit in der AfD offen aus. Die Rechtsaußen-Kräfte halten sich nicht mehr zurück und fordern Meuthens Absetzung. Ausgang offen. Genau wie im Kampf von Kalblitz um den Verbleib in der Partei.

Sie meinen, was sie sagen

In diesem Machtkampf haben die Anhänger des „Flügels“ ein viel kleineres Glaubwürdigkeitsproblem: Sie meinen, was sie sagen und wollen radikale Veränderungen in dieser Gesellschaft.

Nun muss sich die AfD für eine Richtung entscheiden. Denn sie ist an einem Totpunkt angekommen: Sie ist die erfolgreichste Parteineugründung seit Jahren, stagniert aber derzeit in der Wählergunst. Die Wahlen im Bund und in den Ländern zeigen, dass sie im Westen eine Zehn-Prozent-Partei ist und im Osten eine Zwanzig-Prozent-Partei.

Trotz der hohen Werte fehlt ihr auch im Osten die Machtoption. Zwar ist die AfD dort in allen Landtagen zweistärkste Kraft, kann aber nicht regieren, da sich überall bunte Anti-AfD-Koalitionen bilden. Auch im Westen will mit den oft gemäßigteren Kräften um Meuthen niemand koalieren – vor allem wegen der vom „Flügel“ dominierten Ost-AfD.

Die AfD hat zwei Möglichkeiten. Variante eins: der Höcke-Kalbitz-Modus, also die maximal erlaubte Provokation, immer an der Verbotslinie entlang. Motto: maximale Aufmerksamkeit für maximalen Jubel bei den harten Anhängern. Höcke glaubt, dass die AfD mit einer knallharten Linie zur größten Volkspartei werden kann. Er sagt, niemand brauche eine „schwarz-rot-goldene FDP“ oder eine zweite Werteunion wie in der CDU.

Oder Variante zwei: Höckes innerparteiliche Konkurrenz will koalitionsfähig werden. Dabei stören nun aber die Radaubrüder im Osten. Die wurden gern gesehen, so lange sie Schlagzeilen generierten. Doch nun, da ihr Radau dafür sorgt, dass vielleicht die gesamte Partei vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt wird oder gar verboten werden könnte, wird ein wenig gegen sie agiert. Und so tobt nun der Showdown.

3,9 Millionen Stimmen im Westen

Mit Blick auf die Zahlen könnte sich Meuthen ganz auf die Wähler im Westen stützen, denn auch bei der AfD werden Bundestagswahlen im Westen gewonnen. Das wird oft verkannt. Die 20-Prozent-Werte im Osten suggerieren, dass die AfD nur deshalb 2017 in den Bundestag einzog, weil sie im Osten so stark war. Doch das ist falsch. Bezogen auf die realen Stimmen erreichte die AfD im Westen 3,9 Millionen Wähler, im Osten hingegen 1,9 Millionen. Zum Knacken der Fünf-Prozent-Hürde waren 2,3 Millionen Stimmen nötig. Rein rechnerisch war also nicht eine einzige Stimme aus dem Osten nötig.

Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Denn auch die Behauptung, dass die AfD-Wähler im Westen um so vieles gemäßigter seien, steht auf wackligen Füßen. Oft wird vergessen, dass viele Bürger diese Partei ganz bewusst wählen – und das nicht etwa, obwohl Höcke und Kalbitz dabei sind, sondern gerade weil die harten Kräfte den Ton vorgeben. Ohne die freien Radikalen würde die Partei wohl erst einmal schwächer sein.

Und selbst wenn die Mehrheit der Wähler nicht so radikal sein sollte, sind Wählerschaft und Partei zwei unterschiedliche Schuhe: Denn bislang endete jeder Machtkampf in der AfD zu Gunsten der radikaleren Kräfte und die Partei rückt immer weiter nach rechts – von Bernd Lucke über Frauke Petry bis zu Jörg Meuthen. Vielleicht schlägt der nun seine letzte Schlacht vor der möglichen Parteiübernahme durch Höcke & Co.