Shir Gideon, Sprecherin der Botschaft Israels. 
Foto: Twitter/ Shir Gideon 

Berlin Als ich Mitte der 80er-Jahre in Haifa geboren wurde, gab es in Israel noch vermehrt Stimmen, die sich weigerten, Kontakt zu Deutschland oder gar Deutschen zu haben. Durchsetzen konnten sie sich nicht: Heute verbinden 92 Direktflüge pro Woche Israel und Deutschland. Vor einem Jahr habe ich meinen Posten als Sprecherin der israelischen Botschaft in Berlin angetreten und habe mich seitdem oft gefragt, was sich in den letzten 30 Jahren verändert hat. 

Die heutigen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland sind ein komplexes und vielfältiges System persönlicher, beruflicher und institutioneller Beziehungen auf verschiedenen Ebenen zwischen Menschen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Privatunternehmen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen, Hochschulen, kulturellen Institutionen, Ministerien, Sicherheitsinstitutionen und Staatsoberhäuptern.

Sie treten in der Gegenwart vor dem Hintergrund einer Geschichte auf, die unsere beiden Nationen für immer miteinander verbindet. Gleichzeitig gibt es vermehrt Störmeldungen, die die Geschichte von Aufarbeitung, Aussöhnung und Zusammenwachsen zurückwerfen. Zuletzt kam eine Studie im Auftrag des Jüdischen Weltkongresses zu dem Ergebnis, dass der israelbezogene Antisemitismus in Deutschland bei 40 Prozent liegt.

Kollektive Verantwortung wichtig

Zeitweise schien es dieses Jahr, dass kein Monat ohne eine Attacke auf einen Rabbi verstrich, und im Oktober kam die erschreckende Nachricht, dass ein deutscher Neonazi in Halle unter betenden Juden ein Massaker veranstalten wollte und dabei zwei unschuldige Menschen erschoss. Frage: Reicht Bildung? Seit meiner Ankunft in Deutschland wurde ich mehrmals sowohl als israelische Diplomatin, als Jüdin, als Enkelin von Deutschen, die in den 1930er Jahren vor dem Naziterror geflohen sind, und auch als Enkelin von Auschwitz-Überlebenden gefragt, ob ich glaube, dass auch in 20 Jahren noch deutsche Schüler Vernichtungslager besuchen sollten.

Der Besuch ist wichtig und bedeutsam. Aber es reicht nicht aus, Vernichtungslager zu besuchen, um das Ausmaß dieses brutalen Phänomens zu verstehen, durch das weltweit ein Drittel aller Juden in den von den Nazis und ihren Helfern geführten Todesfabriken ermordet wurden, und zu vermitteln, dass ein monströses Verbrechen wie dieses nie wieder passieren darf. Brauchen deutsche Schüler diesen Besuch?

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Die Antwort betrifft nicht nur die israelisch-deutschen Beziehungen, sondern ist zusätzlich eine innerdeutsche Frage, deren Beantwortung von der deutschen Gesellschaft und der deutschen Regierung gegeben werden muss, insbesondere angesichts des zunehmenden Antisemitismus. Denn auch wenn die Frage der persönlichen Schuld für die dritte Generation nach dem Holocaust irrelevant ist, ist die kollektive Verantwortung heute mindestens genauso wichtig wie in der Zeit unmittelbar nach Kriegsende.

Besuch von Vernichtungslager trägt zu komplexen Demokratieverständnis bei 

Die Geschichtswissenschaften sind ein wichtiges Scharnier zur Vermittlung dieser Verantwortung.  In erster Linie eine akademische Disziplin, sind ihre Forschungsergebnisse ein Mittel zur Gestaltung einer besseren Gegenwart und Zukunft. Eine gleichermaßen tragende Rolle fällt der politischen Bildung zu, die dazu beitragen soll, einen belastbaren Demokratiebegriff zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Das geschieht aber nicht nur durch Lehrbücher oder Museumsbesuche.

Um ein komplexes Demokratieverständnis und dessen Relevanz für die Gesellschaft als Ganzes zu vermitteln, ist eine Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte unumgänglich. Der Beschlagnahmung des Eigentums von deutschen Bürgern mit jüdischer Abstammung und ihre organisierte Vernichtung sind Dämonisierung, soziale Ausgrenzung, Rechtsverweigerung und die Aberkennung der Staatsbürgerschaft vorausgegangen.

Die Konzentrations- und Vernichtungslager liefern nach wie vor ein greifbares Bild eines unvorstellbaren Ausmaßes an Bösem und Grausamkeiten, zeugen aber nicht zuletzt von einem zuvor fehlenden soliden Konzept von Demokratie, geringer sozialer Verantwortung für Minderheiten sowie abgeschaffter Menschen- und Bürgerrechte. Die deutsch-israelischen Beziehungen haben sich im Schatten des Holocaust gebildet und entwickelt.

Stereotypen beseitigen und Toleranz fördern

Um eine bessere und stabilere Zukunft zu erschaffen, müssen wir danach streben, gemeinsame Erfahrungen zu etablieren. Zum einen sollten sie die Vergangenheit verarbeiten, aber gleichzeitig zeitgemäß dem Israel und dem Deutschland des dritten Jahrtausends entsprechen.

Der Schlüssel hierzu ist der Jugendaustausch, der zum gegenseitigen Verständnis beiträgt, Stereotypen beseitigt und Toleranz fördert, was sich positiv auf beide Gesellschaften auswirken wird. Dadurch könnte sichergestellt werden, dass die Beziehungen weiterhin ein Anker sind, der Israel und Deutschland verbindet, dass sie auf Partnerschaften und gemeinsamen Werten als auch auf Interessen basieren und damit beiden Völkern einen echten Mehrwert bieten.