In der Selbsthilfegruppe der Organisiation Evryman kämpfen Männer im Alter zwischen 20 und 60 Jahren gegen traditionelle männliche Stereotype.
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SheffieldLucas Krump laufen Tränen über die Wangen. „Es gab immer wieder Momente in diesem Jahr, an denen ich aufgeben wollte“, sagt der 40-Jährige vor einem Dutzend Männern in einer einsamen Hütte in Massachusetts. Krump und seine elf Schicksalsgenossen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren kämpfen in einer Selbsthilfegruppe gegen traditionelle männliche Stereotype. Hinter dem Wochenende steht Evryman, eine 2016 gegründete Organisation, die schon tausenden Männern geholfen haben will, ihren gesellschaftlichen Panzer abzulegen und als 'starkes Geschlecht' auch mal Schwäche zu zeigen.

In dem Chalet in den Wäldern von Massachusetts sprechen gleich mehrere Gruppen über Gefühle und Unsicherheiten, an einem Wochenende sind es über 50 Männer. „Ich bin traurig“, sagt ein Teilnehmer namens Michael. Er würde gerne seiner Familie erzählen, wie er sich fühlt, habe auch schon ein paar Versuche unternommen, aber bisher ohne Erfolg: „Ich habe Angst davor“.

Teilnehmer Lucas Krump laufen die Tränen über die Wangen.
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US-Selbsthilfegruppen wie Evryman, Junto oder ManKind Project verzeichnen steigende Teilnehmerzahlen. Sie spiegeln die veränderten Einstellungen in der Gesellschaft wider - aber auch ein gesteigertes Interesse vor allem unter den Jüngeren am heutigen Konzept von Männlichkeit. Einfluss hat auch die Debatte über „toxische Männlichkeit“, die durch die #MeToo-Bewegung angeheizt wurde.

Teilnehmer Tom versucht, über eine noch frische Trennung hinwegzukommen. „Es war sehr schmerzhaft, sehr traurig“, erzählt er unter den teilnahmsvollen Blicken der anderen. Neben dem Austausch von Erfahrungen lernen die Teilnehmer in Gruppen- und Einzelworkshops Strategien, wie sie sinnvoll mit Gefühlen wie Angst und Wut umgehen.

Einfluss hat die Debatte über „toxische Männlichkeit“

Ryan Zagone nimmt seit sechs Monaten an den Sitzungen teil. Heute leitet er selbst einige. „Ich bin in Louisiana aufgewachsen, wo die Charakterisierung von Männlichkeit sehr eng gefasst ist: Gehst du jagen oder Fußball spielen? Für mich war das nichts - ich wuchs auf mit dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein“, sagt er. „Als ich zum ersten Mal hierher kam, lernte ich andere Möglichkeiten kennen, ein Mann zu sein Rollenbilder kennen: Etwa wie ich Gefühle zeigen kann ... auch liebevolle, empathische und gleichzeitig kraftvolle Art.“

Der Soziologe Michael Kimmel hat sich auf Männlichkeit spezialisiert. Er sagt, amerikanische Männer hätten heutzutage Angst, dass sie es nicht so weit bringen wie ihre Väter oder Großväter. Sie fühlten sich in den Erwartungen der Gesellschaft gefangen wie in einer Zwangsjacke. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder andere Mann ein potentieller Konkurrent ist, um den Job, um Geld - um Macht“, erklärt er. „Wir sehen uns also nicht als Brüder, sondern als Rivalen. Da fühlt man sich isoliert.“

Zagone glaubt, dass Männer anderen weh tun, weil sie selbst seelische Schmerzen und Verletzungen haben. „Wenn Männer also die Fähigkeit haben, diesen Schmerz auf eine gesündere Weise zu verarbeiten, dann verletzen sie andere Menschen nicht. Das ist die Fähigkeit, die wir hier lehren.“ Das Konzept von Männerworkshops ist nicht neu: In den 1990er Jahren leistete der Schriftsteller Robert Bly Pionierarbeit mit Selbsthilfebüchern und Therapiesitzungen für Männer. Aber vor 20 Jahren, sagt Evryman-Mitbegründer Owen Marcus, waren die Sitzungen noch nicht so populär wie heute: „Jüngere Männer sind heute dafür viel offener.“