Die Villa Hammerschmidt, einer der beiden Sitze des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1994 ist Schloss Bellevue erster Amtssitz.
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Herr Reitzenstein, was soll eine Untersuchung über das Bundespräsidialamt und den Nationalsozialismus 75 Jahre nach dem Untergang des NS-Regimes noch bringen?

Die Beauftragung einer Studie durch das Bundespräsidialamt ist richtig und wichtig. Gerade weil jetzt über 70 Jahre ins Land gegangen sind, lässt sich vieles unvoreingenommener beurteilen als unmittelbar nach dem Krieg. Beispielsweise reagierte Bundeskanzler Adenauer auf Kritik an der Personalauswahl im Auswärtigen Amt mit dem Satz „Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat.“ Es ist ja nicht so, dass sich alle damals demokratisch in ihre Ämter gewählten Verantwortlichen sich darum gerissen hätten, mit schwer Belasteten zusammenzuarbeiten. Aber es gab Mangel an qualifiziertem Personal, es herrschte eine Schlussstrichmentalität und die Belasteten hatten zudem oft Netzwerke, die sie schützten. Diese Netzwerke gibt es heute nicht mehr. In Zeiten von wiedererstarkendem rechten Gedankengut ist es sehr wichtig, anhand solcher wissenschaftlichen Studien zu zeigen, zu welchen Folgen die Umsetzung solcher Gedanken führen kann, auch über die Diktatur hinaus.

Zur Person

Julien Reitzenstein ist Historiker der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und unter anderem Autor des Buches „Himmlers Forscher“ über Medizinverbrechen der SS.

Bundespräsident Steinmeier wies darauf hin, dass andere oberste Bundesbehörden, darunter das Kanzleramt, solche Untersuchungen noch nicht beauftragt haben.

Viele Ministerien sind bereits untersucht worden, darunter das Auswärtige Amt und das Justizministerium. Es gibt zahlreiche Studien über die Reichskanzlei und weitere zu belasteten Mitarbeitern des frühen Bundeskanzleramtes. Eine umfassende Studie zur Geschichte des Kanzleramtes ab 1867 wäre in jedem Falle wünschenswert.

Kannte Bundespräsident Theodor Heuss die Vorwürfe gegen seinen Amtschef Klaiber nicht, interessierte ihn das nicht?

Es ist sehr schwer vorstellbar, dass er überhaupt nichts wusste. Insofern ist Klaibers Berufung zum Chef des Bundespräsidialamtes und dann zum Staatssekretär erstaunlich. Auf der anderen Seite kann man davon ausgehen, dass Heuss 1949 nicht alles wusste. Es kann gut sein, dass die Akten des deutschen Militärbefehlshabers in Serbien, wo Klaiber Dienst getan hat und wo furchtbare Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen wurden, dem Bundespräsidenten und seinen Beratern damals nicht vorlagen. Allerdings gab es häufig Gerüchte über belastete Beamte. Denen konnte man nachgehen, oder man konnte es lassen.

Spielte dabei der Kalte Krieg auch eine Rolle?

Der aufkommende Kalte Krieg und die gezielte Propaganda der DDR bezüglich belasteter westdeutscher Spitzenbeamter führte zu einer Unwilligkeit, schmutzige Wäsche vor der Weltöffentlichkeit zu waschen. Möglicherweise überwog die Qualifikation von Klaiber das Unbehagen möglicher Belastungen. Gleichzeitig gab es die erwähnte Schlussstrichmentalität - und zwar nicht nur unter vormals radikalen Nationalsozialisten. Das war unter moralischen Gesichtspunkten grundfalsch, ermöglichte aber Menschen wie Klaiber wieder in Amt und Würden zu gelangen.

Gibt es noch Zweifel an der Verstrickung Klaibers in die Verbrechen?

Es gibt viele Untersuchungen über die Gräuel der deutschen Besatzungsmacht auf dem Balkan. Die Quellenlage ist eindeutig und bekannt. Es ist schwer vorstellbar, dass Klaiber in gar kein Verbrechen verstrickt war.