Berlin - Bastian Schweinsteiger, ehemaliger Kapitän der Fußballnationalmannschaft und Weltmeister von 2014, hatte neulich so eine Idee. „Ich kenne eine erfahrene Dame, die ist ab Oktober frei“, sagte er im ARD-Fernsehen. „Die Frau Merkel, die wäre natürlich was. Die kennt sich aus.“ Es ging um die Präsidentschaft des krisengeschüttelten Deutschen Fußballbundes. „Wenn der DFB es so will, kann ich ein wenig helfen“, ergänzte Schweinsteiger und lächelte.

Dass die Sache gar nicht so lächerlich war, zeigte die Reaktion von Regierungssprecher Steffen Seibert. Der erklärte nämlich ganz ernsthaft, dass die Kanzlerin bekanntlich nach ihrem Abschied vom Kanzleramt „keine weiteren politischen Ämter sucht“. Er sei „ganz sicher“, dass sich diese Aussage auch auf die Führungsposition im DFB erstrecke.

Die kleine Episode bezog ihren Reiz aus dieser ab und zu aufblitzenden erstaunlichen Affinität Angela Merkels zum Fußball. Und es steht ja wieder einmal ein Fußballsommer bevor. Am Freitag beginnt die Europameisterschaft, bei der Bundestrainer Joachim Löw noch einmal zeigen will, dass die Deutschen doch zu den Topmannschaften zählen. Danach wird er seinen Abschied nehmen, wie Angela Merkel auch.

Für eine gewisse Periode Leitfiguren der deutschen Gesellschaft

Das ist ein tiefer Einschnitt. So wie jüngere Leute gar keine andere Kanzlerin kennen als die seit bald 16 Jahren amtierende Merkel, so ist seit 15 Jahren die Berufsbezeichnung Nationaltrainer gleichbedeutend mit Löw. Zwei Persönlichkeiten, die in unruhigen Zeiten für Beständigkeit standen und für eine gewisse Periode Leitfiguren der deutschen Gesellschaft waren, drehen gerade noch eine letzte Runde. Es hat etwas Symbolträchtiges, dass diese beiden, deren Karrieren oft einer Art Gleichklang folgten, nun auch gemeinsam von der großen öffentlichen Bühne abtreten.

Losgegangen ist alles im Sommer 2006. Deutschland richtete die Weltmeisterschaft aus. Festspiele für den Fußballkanzler Gerhard Schröder, einst Stürmer des TuS Talle, sollten es werden. Es kam anders, es wurde ein Sommermärchen für das ganze Land. Und plötzlich entdeckten die Menschen völlig neue Seiten an ihrer neuen Kanzlerin.

Sie, die Emotion aus der deutschen Politik so erfolgreich verbannt hat, geht auf den Tribünen der Stadien vollkommen aus sich heraus. Sie jubelt mit hochgerissenen Armen, sie reagiert entsetzt bei Torschüssen der Gegner und sie ist nah bei den Spielern und Trainer Jürgen Klinsmann. Der hat die Nationalmannschaft mithilfe seines Co-Trainers Joachim Löw vollkommen umgekrempelt. Sie landet zwar nur auf dem dritten Platz, für die von der frischen Spielweise begeisterten Deutschen aber ist sie der Weltmeister der Herzen.

Und manchen Beobachtern fällt auf, dass es doch erhebliche Parallelen zwischen Merkels neuem Politikstil und der Arbeit der Nationaltrainer gebe. „Angela Merkel kann so etwas werden wie der Jürgen Klinsmann der Politik“, schwärmt da zum Beispiel der damalige EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso.

Jürgen Klinsmann und das richtige Rückzug-Timing

Klinsmann allerdings zeigt eine Gabe, die in der Politik und auch im Sport den wenigsten gegeben ist: das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt zum Rückzug. Der Trainer verkündet am Tag nach der WM seinen Abschied. Joachim Löw übernimmt, setzt die Entwicklung der Nationalmannschaft zu einem Team von Weltklasse fort und Angela Merkel überträgt ihre Sympathie einfach auf ihn. Und beide sind 15 Jahre später immer noch im Amt. Weil ihnen die besondere Gabe des Jürgen Klinsmann fehlt?

Man kann heute sagen, dass in jenem Sommer eine der glücklichsten Phasen in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik begonnen hat. Ohne die Wechselwirkung zwischen Politik und Fußball zu überschätzen, lässt sich doch die Nationalmannschaft als eine Art Gradmesser für diese Entwicklung betrachten. Sie löst im Sommer 2006 jenen neuen, unverkrampften Patriotismus aus, der Deutschlands Bild in der Welt freundlicher zeichnet. Damals spielen übrigens nur zwei Männer mit dunkler Hautfarbe im Team: Gerald Asamoah und David Odonkor.

Es sind Jahre, in denen Deutschland ein weltoffenes Gesicht zeigt. Die erste große Flüchtlingswelle der 90er-Jahre, als Hunderttausende vor den Balkankriegen in Deutschland Zuflucht suchten, ist vergessen. Ebenso wie die Brandanschläge auf Mitbürger mit ausländischen Wurzeln und der erbitterte Streit über das Asylrecht. Rassistische Parolen gibt es allenfalls am unbedeutenden rechtsradikalen Rand zu hören. Dass sich derweil in der schweigenden Mitte manche wohl ganz ähnliche Gedanken machen, bleibt unentdeckt.

Die Welt im Krisenmodus

Angela Merkel steigt inzwischen mit dem zunehmend prosperierenden Deutschland zur einflussreichsten Politikerin Europas auf. Nirgends wird das deutlicher als beim prächtig inszenierten G8-Gipfel in Heiligendamm, auf dem die Kanzlerin als Gastgeberin brilliert und auf Augenhöhe mit den Großen der Welt agiert. Das sind die letzten fröhlichen Bilder einer friedlich mit den doch irgendwie überschaubar erscheinenden Problemen der Welt hantierenden, multilateral eingestellten, westlich geprägten Führungsgruppe. Wenige Wochen später bricht die Finanzkrise aus, und seither hat die Welt den Krisenmodus nicht mehr verlassen.

Angela Merkel aber wird zur erfolgreichsten Krisenmanagerin dieser Jahre, wenn man als Maßstab das Wohlergehen Deutschlands nimmt. Weder die Finanzkrise noch die folgenden Jahre mit Griechenland- und Eurokrise können dem anhaltenden Wachstum der Bundesrepublik etwas anhaben. Jahr für Jahr befreit sich das Land mehr von den Belastungen der vergangenen Dekade: Die Arbeitslosigkeit sinkt kontinuierlich, die Staatsverschuldung ist gestoppt und die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wächst.

Das sind auch Folgen der von Gerhard Schröder eingeleiteten Reformen, von denen seine Nachfolgerin profitiert. Während die meisten anderen europäischen Länder schwer unter den Folgen der Finanz- und Eurokrise leiden, scheinen die Deutschen wie auf einer Insel der Glückseligen zu leben. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Angela Merkel in Europa nach dem Motto Germany First verfährt. Die Interessen der kleineren, der südlichen Länder beachtet sie wenig.

Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass auch die Fußballnationalmannschaft mitschwimmt auf dieser Erfolgswelle. 2010 führt Joachim Löw das mit Mesut Özil, Jerome Boateng und Sami Khedira als Spitzenspieler schon deutlich buntere Team bei der WM in Südafrika wieder auf den dritten Platz. Nun wird die Nationalmannschaft als Beispiel für die gelungene Integrationspolitik gefeiert.

Als man in Deutschland mit sich und der Welt im Reinen war

Als sie 2014 Weltmeister wird, reist Angela Merkel schon zum Eröffnungsspiel nach Brasilien und zum erfolgreichen Finale gegen Argentinien natürlich noch einmal. Fast innige Fotos von ihr mit den Spielern und ihrem Trainer gehen um die Welt. Symbole eines heiteren, mit sich selbst und der Welt im Reinen befindlichen Landes. Angela Merkel und Joachim Löw vereint als Repräsentanten einer goldenen Phase, einer goldenen Generation ihres Landes.

Als die Nationalmannschaft vier Jahre später in Russland blamabel früh ausscheidet, kommentiert Horst Seehofer das ebenso banal wie treffend: „Im Leben wird der Erfolg vom Misserfolg abgelöst.“ Das lässt sich auf vieles übertragen. Auf Angela Merkel zum Beispiel. Denn heute lässt sich sagen, dass jenen Glücksmomenten von Rio de Janeiro der Keim des Scheiterns bereits innewohnte. Unter der immer noch glänzenden Oberfläche hatte sich in Deutschland ein Unmut angestaut, der sich plötzlich, mit Angela Merkels einsamer Entscheidung aus der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015, Bahn bricht. Den wenigen tausend in Ungarn gestrandeten Flüchtlingen, die Merkel in einer humanen Geste nach Deutschland einlädt, folgen Hunderttausende. Und trotz der von vielen Bürgern zunächst begeistert gezeigten Willkommenskultur schlägt die Stimmung im Land bald um.

Es reicht eben nicht, „Wir schaffen das“ zu sagen und dann zu wenig dafür zu tun, dass es wirklich zu schaffen ist von jenen, die das Problem in ihren Ländern und Gemeinden zu lösen haben. Plötzlich haben die Rechten Rückenwind. Und nutzen die Gelegenheit, mit der ganzen „links-rot-grün versifften“ Gesellschaft abzurechnen, die in ihren Augen seit Jahrzehnten das Land und die öffentliche Meinung beherrschen und deren Kanzlerin ausgerechnet die CDU-Politikerin Merkel ist.

Gewiss ist Angela Merkels Flüchtlingspolitik der Auslöser dieser negativen Umbruchstimmung, die seit dem Herbst 2015 das Land ergriffen hat. Aber sie ist ebenso gewiss nicht ihre Ursache. Es zeigt sich, dass Merkels Art, Politik zu machen, schon lange nicht mehr den wirklichen Herausforderungen gewachsen ist, international wie national. Es ist diese Politik der kleinen Schritte, der ständigen großen Kompromisse, der Scheu vor radikalen Entscheidungen, des Nicht-Erklärens und des Wegschauens, welche die Krise so hat wachsen lassen. Zuerst noch unbemerkt, unter der öffentlichen Wahrnehmung, aber inzwischen doch unübersehbar und fundamental.

Wenn nichts besser wird

Auf nationaler Ebene ist es das Ignorieren der Probleme und Ängste vieler Menschen, die von den glänzenden Rahmendaten der deutschen Wirtschaft kaum profitiert haben. Die zu jenem gar nicht so kleinen Teil der Bevölkerung zählen, deren Einkommen in den vergangenen zehn Jahren eben nicht gestiegen sind. Die zwar inzwischen Arbeit finden, davon aber nicht leben können.

Und dann ist da der Widerspruch zwischen den ständigen Versprechungen und dem Versagen, spürbare Verbesserungen zu erreichen. Das deutsche Bildungssystem ist so ungerecht und ineffizient wie seit vielen Jahren, und nichts wird besser. Der Notstand in der Pflege wird seit Langem beklagt, aber es wird nichts grundlegend geändert. Wohnen, ein Grundbedürfnis für jeden Menschen, ist für viele zu einer Luxusfrage geworden. Die Antwort der Regierung lautet Baukindergeld, Milliarden Steuergelder für eine bestimmte Klientel statt für den massiven Ausbau von Sozialwohnungen.

Die einst als Klimakanzlerin gestartete ehemalige Umweltministerin verantwortet eine katastrophale Klimabilanz und schont die betrügerische Autoindustrie, wo sie nur kann. Im Frühjahr 2021 schiebt schließlich das Bundesverfassungsgericht einen Riegel vor diese Art der Politik, große Ankündigungen zu machen, ihre Umsetzung samt Kosten aber der nächsten Generation zu überlassen.

Die Pandemie legt die bekannten Schwächen bloß

Und dem Frühjahr 2020  bestimmt ein Virus namens Sars-CoV-2 das Geschehen. Im Umgang mit der Pandemie kann die Wissenschaftlerin Angela Merkel zuerst noch einmal ihre alten Stärken ausspielen: Ihre Ruhe, ihre Sachlichkeit bringen ihr neue Sympathien. Doch je länger die Krise dauert, umso deutlicher legt die Pandemie die bekannten Schwächen offen: den Pflegenotstand, die verschlafene Digitalisierung der Verwaltung und der Schulen, die soziale Spaltung. Nun wird vor aller Welt deutlich, wie selbstvergessen Deutschland in den vergangenen Jahren von Angela Merkel und ihren Getreuen in Union und SPD regiert worden ist, wie bequem und provinziell sich das Land damit eingerichtet hatte.

Das ist das Gegenteil der Aura des Gelingens und der Weltoffenheit, die am Anfang jener goldenen Phase stand. Und auch hier zeigt sich die Parallele zur Fußballwelt. Waren Boateng, Özil & Co damals Ausdruck dieses neuen Lebensgefühls, dieser Liberalität, so verbinden sich mit ihren Namen wenig später die Enge, der latente Rassismus, die sich in der Gesellschaft ausgebreitet haben und eben nicht mehr nur Sache des rechten Randes sind. Letztes Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung um Dennis Aogo. Der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann bezeichnete den als Sky-Kommentator Arbeitenden als „Quotenschwarzen“, was im Netz eine Empörungswelle auslöste. Die Farben Schwarz-Rot-Gold stehen nun nicht mehr für einen unverkrampften Patriotismus, sie sind von den völkischen Rechten okkupiert worden. Und die Nationalmannschaft verstolpert mehr Spiele als sie gewinnt.

Angela Merkel hat die Chance, mit einem überzeugenden Pandemie-Management noch einmal einen Glanzpunkt zum Ende ihrer Amtszeit zu setzen, vertan. Sie scheint die letzten Monate als Kanzlerin nun einfach nur noch runterspielen zu wollen.  Joachim Löw aber hat seine Chance noch, und er will sie nutzen. Noch einmal groß aufspielen mit der Nationalmannschaft. 

Die Kanzlerin muss wegen der Pandemie-Bedingungen auf ein persönliches Treffen mit den Nationalspielern und Joachim Löw verzichten. Am Donnerstag will sie ihnen aber in einer Videoschalte ihre besten Wünsche mit auf einen möglichst langen EM-Weg geben.

Wenn alles klappt, könnte der Fußball der Politik in diesem ein Aufbruchssignal vermitteln, wie damals, 2006. Mitten hinein in die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs. Und anschließend macht Deutschland sich vielleicht auf zu neuen Wegen, zum ersten Mal seit 15 Jahren ohne Angela Merkel und Joachim Löw.