Klare Krisenkommunikation beim Technischen Hilfswerk.
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BerlinAm 30. Dezember 2019 weist der chinesische Arzt Li Wenliang in WeChat auf eine neuartige Krankheit hin, die schwere Lungenentzündungen auslöst. Am 6. Januar 2020 berichtet die WHO von der mysteriösen Lungenkrankheit, die sich in China ausbreitet. 59 Patienten sind betroffen. Für Reisende empfiehlt die Behörde „keine besonderen Vorkehrungen“.

In Hongkong, das die Lage anders einschätzt, weil hier 2002/2003 etwa 300 Menschen an Sars starben, werden sofort Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und Fiebermessgeräte installiert, Reisende aus Wuhan werden besonders kontrolliert. Die Regierung aktiviert offenbar ihren Notfallmechanismen, die jedes Land für Katastrophen besitzt, auch Deutschland.

Ausführliche Szenarien

Doch hier schätzt das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) noch am 21. Januar 2020 das Risiko für die Bevölkerung als „gering“ ein. Es gebe keine Hinweise für eine fortgesetzte Übertragung. Das RKI veröffentlicht Empfehlungen für den Umgang mit Verdachtsfällen. Einen Tag später teilt das Gesundheitsministerium mit: „Fieber-Messungen an Flughäfen in Deutschland wären unverhältnismäßig.“ Auch eine Sprecherin des Flughafenverbandes ADV beruhigt. Sie weist darauf hin: „Notfallpläne für den Umgang mit gefährlichen Infektionen auf deutschen Flughäfen existieren seit Jahren und haben sich in der Vergangenheit bewährt.“

Tatsächlich haben solche Pläne auch Regierungen, doch sie müssen gelesen werden. Der ausführlichste wurde im Dezember 2012 erstellt und heißt „Bericht zu Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz“. Er entwirft Szenarien für den Ernstfall, der nun eingetreten ist. Ein Szenario: „Pandemie durch Virus Modi-SARS“. Der Bund spielte hier eine Pandemie mit einem neuartigen Corona-Virus durch, die sich heute liest wie ein Drehbuch der Gegenwart.

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Föderale Struktur als Hindernis

Gedacht ist das als Handreichung und damit der Handlungsbedarf „erkannt und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden“ können. Die gesetzliche Grundlage der bundesweiten Risikoanalyse ist das Katastrophenhilfegesetz. Das soll in Zusammenarbeit mit den Ländern „einen vernetzten Handlungsansatz verfolgen“, um schließlich „ein flexibles, effizientes und effektives Handeln im Ereignisfall“ zu fördern. Ausdrücklich ist von „einer gemeinsamen Verantwortung von Bund und Ländern für die Bewältigung von Großschadenslagen“ die Rede.

Weil wichtige Zeit verloren ging, sieht die Bundesregierung die föderale Struktur nun aber als Hindernis an. In einem gegenwärtig beratenen Gesetzentwurf soll deswegen „Bundesministerium für Gesundheit u. a. ermächtigt“ werden, „ohne Zustimmung des Bundesrates Maßnahmen“ zu ergreifen.

Szenario unter Federführung des RKI

In der Planung heißt es, um „Erkenntnislücken zu Fähigkeiten und Ressourcen“ zu schließen, sollten die Krisenpläne aktualisiert werden. Für den Bund erfolgte dies Mitte April 2019. Doch mehrere Länder haben ihre Planungen seit Jahren nicht aktualisiert. Der Pandemieplan von Berlin datiert auf den 23. April 2008. Vier Jahre später erarbeitet der Bund seine Pandemie-Simulation. Diese wurde an die „für den Katastrophenschutz zuständigen Stellen der Länder“ geschickt, wie es in der Pandemieplanung des Bundes heißt.

Das „Modi-SARS-Szenario“ wurde auch unter Federführung des RKI angefertigt. „Das Szenario beschreibt ein außergewöhnliches Seuchengeschehen, das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert“, heißt es da. Die Vergangenheit habe gezeigt, „dass Erreger mit neuartigen Eigenschaften, die ein schwerwiegendes Seuchenereignis auslösen, plötzlich auftreten können z. B. SARS-Coronavirus“.

Szenario: Drei Jahre bis zum Impfstoff

In dem Szenario beginnt die Pandemie in „Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde“. Er verbreitet sich weltweit. „Der Verlauf der SARS-Epidemie 2003 hat gezeigt, dass extrem wenige Fälle ausreichen können, um ein globales Infektionsgeschehen auszulösen.“ Zum Höhepunkt der Erkrankungswelle nach 300 Tagen sind 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt.

Nachdem die erste Welle abklingt, folgen zwei weitere, schwächere Wellen. „Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass es erstens die gesamte Fläche Deutschlands und alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Ausmaß betrifft, und zweitens über einen sehr langen Zeitraum auftritt.“

In der Simulation beträgt die Inkubationszeit des Virus bis zu 14 Tagen. Ähnliches gilt auch beim neuartigen Coronavirus. „Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot“. Zur Behandlung stehen auch im Szenario keine Medikamente zur Verfügung. Bis ein Impfstoff gefunden wird, vergehen drei Jahre. Entsprechend werden Hygiene- und Schutzmaßnahmen empfohlen: „Absonderung Erkrankter bzw. Ansteckungsverdächtiger, sowie den Einsatz von Schutzausrüstung wie Schutzmasken, Schutzbrillen und Handschuhen“.

Zeitgewinn durch antiepidemische Maßnahmen

Trotz dieses Szenarios heißt es in Berlins Pandemieplan seit 2008: „Eine staatliche Bevorratung mit Atemschutzmasken ist nicht vorgesehen.“ Das Szenario des Bundes geht von einer Krankheitsdauer von 13,5 Tagen aus und errechnet mit einer Software die Verbreitung, wobei hier zugrunde gelegt wird, dass 10 Prozent der Erkrankten sterben. In Deutschland liegt die Rate derzeit – also am Anfang der Epidemie – bei zirka 0,3 Prozent.

Mit entsprechenden Maßnahmen wird der Scheitelpunkt der ersten Welle laut Simulation nach 300 Tagen erreicht, ohne diese Maßnahmen nach 170 Tagen. „Dieser Zeitgewinn durch antiepidemische Maßnahmen kann sehr effizient genutzt werden, um z. B. persönliche Schutzausrüstung herzustellen, zu verteilen und über ihre korrekte Anwendung zu informieren.“

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Szenario: Bevölkerung solidarisch

Wichtig in dem Szenario ist es auch, „infektionsverdächtige Kontaktpersonen zu identifizieren und zu finden, mit ihnen (teils schwierige) Gespräche zu führen“. Derzeit arbeitet nach Informationen der Berliner Zeitung das Heinrich-Hertz-Institut an einer entsprechenden Applikation. Das Robert-Koch-Institut hat nun Stellen für „Containment Scouts“ ausgeschrieben, die Kontaktpersonen befragen und nachverfolgen sollen.

„Die Auswirkungen einer solchen Pandemie auf die Gesellschaft sind nur schwer abzuschätzen“, heißt es in der Bundesstudie. Sie sind abhängig von behördlichen Handeln, der behördlichen Kommunikation, der Berichterstattung in den Medien. „Im vorliegenden Szenario wird davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich solidarisch verhält und versucht, die Auswirkungen des Ereignisses durch gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme zu verringern.“

Berlin bevorratet Tamiflu

Das Land Berlin hat laut des eigenen Pandemieplans das Medikament Tamiflu bevorratet, das von der Firma Roche hergestellt wurde. Die Studie, die angeblich die Wirksamkeit von Tamiflu bestätigt, wurde allerdings von Roche-Mitarbeitern verfasst und die Studiendaten wurden geheim gehaltenen. Der Konzern verdiente Milliarden. Auch die WHO und das RKI empfahlen Tamiflu.

Unabhängige Wissenschaftler aus Oxford und Harvard wiesen nach, dass für die Wirksamkeit des Medikaments jegliche Belege fehlen. Seit 2009 veröffentlichte ein Forschernetzwerk dazu in Lancet und dem British Medical Journal zahlreiche Artikel. Ein Jahr zuvor schrieb Berlin seinen letzten Pandemieplan.

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Spahn warnt vor Panikmache

In der Realität der gegenwärtigen Pandemie bestätigen bayerische Gesundheitsbehörden am 28. Januar 2020 den ersten Fall eines Infizierten im Landkreis Landsberg. Minister Spahn sagte aber noch Ende Januar: „Das Einzige, was mich wirklich beunruhigt, sind die Verschwörungstheorien aller Art.“ Er bezog sich auf vermeintliche Falschinformationen zu der Lungenkrankheit, die im Internet kursierten.

Am 30. Januar erklärt die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand. Spahn warnt einen Tag später im ZDF vor Panikmache. Noch am 25. Februar wirft der Virologe Alexander Kekulé dem Gesundheitsminister schließlich vor, dass dieser zu spät reagiere. Einen Tag später teilt Spahn mit, Deutschland stehe vor dem Beginn einer Coronavirus-Epidemie.