Der Fall Michael Schumacher: Beim Gehirn zählt jede Minute

Der schwere Unfall des Rennfahrers Michael Schumacher hat eine ärztliche Berufsgruppe ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, die recht klein und hoch spezialisiert ist: die Neurochirurgen. Normalerweise wird über sie wenig berichtet. Wenn aber jemand einen Hirntumor hat oder einen schlimmen Unfall mit Schädelverletzungen, dann richten sich alle Hoffnungen auf sie. Wir sprachen mit Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Berliner Charité.

Professor Vajkoczy, Sie kommen gerade von einer Operation. Worum ging es dabei?

Ich habe heute zwei bösartige Hirntumoren operiert und eine Bandscheibe. Bei einem Patienten haben wir die Wirbelsäule stabilisiert, weil die instabil war und auf die Nerven gedrückt hat.

Vier Operationen bis zum Mittag. Das ist ein großes Pensum. Man stellt sich immer vor, dass solche Eingriffe ewig lange dauern.

Das waren jetzt mittelgroße Eingriffe. Aber es gibt auch komplizierte Operationen, etwa Schädelbasis- oder Gefäßeingriffe. Die können durchaus sechs bis acht Stunden dauern. Insgesamt aber sind die OP-Zeiten kürzer geworden, weil die Techniken besser geworden sind.

Mit welchen Problemen haben Sie am häufigsten zu tun?

Etwa die Hälfte unserer Arbeit befasst sich mit der Wirbelsäule – vom Bandscheibenvorfall bis zu Fehlbildungen, die wir korrigieren. Auch Eingriffe an den peripheren Nerven gehören dazu, wenn zum Beispiel mal ein Nerv abgeklemmt ist. Die andere Hälfte unserer Arbeit widmen wir der neurochirurgischen Tätigkeit am Gehirn.

Sie haben an der Charité auch viele Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, ähnlich wie bei Michael Schumacher. Wobei haben die sich ihre Verletzungen zugezogen?

Viele der Betroffenen sind Fahrradfahrer oder Menschen, die anderweitig verunglückt, aus dem Fenster gefallen oder die Kellertreppe hinuntergestürzt sind.

Was machen Sie in solchen Fällen?

Man macht zuerst eine Bildgebung im Computertomographen und schaut, ob es eine Blutung gibt, die raumfordernd ist. Man operiert ja nicht jede kleine Blutung, weil man damit auch mehr Schaden anrichten kann. Falls man aber eingreifen muss, öffnet man das Gehirn, um die Blutung zu entfernen.

Wie passiert das?

Wir verwenden spezielle Hochleistungsbohrer, Fräsen und Sägen, die es erlauben, bei Bedarf innerhalb weniger Minuten das Gehirn freizulegen und zu entlasten. Hier gilt oft der Slogan „Time is Brain“. Bei Schumacher hat man eine sogenannte Kraniektomie gemacht. Das bedeutet, man entfernt einen großen Knochendeckel über einer Hirnhälfte und setzt ihn erst einmal nicht wieder ein, sondern lagert ihn bei minus 80 Grad, um ihn nach zwei bis drei Monaten wieder zurückzuimplantieren. Auf diese Weise wird dem Gehirn nach Eröffnung der Hirnhaut Platz gegeben, dass es nach außen schwellen kann und nicht weiter geschädigt wird.

Und die Blutung?

Wenn diese an der Oberfläche ist, saugt man sie einfach ab. Befindet sie sich aber im Gehirn, saugt man sie auch ab, muss aber danach mikrochirurgisch das Blut sorgfältig aus dem umliegenden Gewebe herauslösen, um das Gehirn nicht weiter zu schädigen.

Da müssen Sie doch extrem aufpassen, um die feinen Strukturen nicht zu beschädigen.

Ich nutze ein Mikroskop mit bis zu 50-facher Vergrößerung und besonders feine Instrumente, Scheren, Pinzetten, Dissektoren. Mit denen können wir das zarte Hirngewebe, Nerven und Gefäße schonend präparieren. Um Blutungen oder Tumore zu entfernen, kommen spezielle Sauger zum Einsatz, teilweise in Kombination mit Ultraschall für die Zertrümmerung des Gewebes. Für blutarmes Operieren verwenden wir sehr feine bipolare Pinzetten, durch die Strom fließt und mit denen wir kleinste Blutgefäße punktgenau veröden können. Hochmoderne Navigationssysteme zeigen uns den kürzesten Weg zum Tumor. Mit intraoperativen Computertomographen können wir das Ergebnis noch auf dem OP-Tisch überprüfen. Mit speziellen Neuro-Endoskopen sind wir in der Lage, über Schlüssellochzugänge am Gehirn zu operieren. Wir haben seit kurzem auch einen Robotik-OP-Saal, in dem die Geräte bis hin zum Licht mittels Sprache gesteuert werden können, so dass unsere Hände dort arbeiten können, wo sie am meisten gebraucht werden.

Warum kühlt man die Körpertemperatur bei Patienten wie Schumacher herunter?

Am allerwichtigsten ist meines Erachtens, dass man ein Fieber verhindert und die Patienten auf normotherm, also auf normale Temperatur kühlt. Denn in der kritischen ersten Phase dreht sich alles um den Schädelinnendruck, und Fieber kann in diesen Fällen eine Schwellung des Gehirns begünstigen. Der Innendruck darf einen gewissen Wert nicht überschreiten. Weil sonst die Durchblutung des Gehirns in die Knie geht und nicht mehr das nötige Sauerstoffangebot vorhanden ist.

Woher kennt man den Schädelinnendruck?

Den überwacht man, indem man eine ganz feine Sonde – weniger als einen Millimeter dick – ins Gehirn steckt und darüber den Druck misst. Meist kombiniert man die Sonde mit einem Katheter, den man in eine der Hirnkammern legt, um den Liquor, das Nervenwasser, abzuleiten. Das ist übrigens eine der ersten Maßnahmen bei solch einem Schädel-Hirn-Trauma. Das passiert bereits vor einer möglichen Öffnung des Schädels über ein kleines Bohrloch. Zuvor versetzt man den Patienten in einen medikamentösen Tiefschlaf. Der Oberkörper wird hochgelagert. Man beatmet den Patienten entsprechend und gibt ihm hyperosmolare Lösungen, die den Salzgehalt im Blut erhöhen, damit das Wasser aus dem Gewebe herausgezogen wird.

Wie tief ist das sogenannte künstliche Koma?

Die Narkose ist teilweise so tief, dass man die Gehirnaktivität vollständig unterdrückt und keine elektrischen Ströme mehr hat. So eine tiefe Narkose versucht man aber auf drei bis fünf Tage zu begrenzen. Das alles läuft auf einer Neurointensivstation ab. An der Charité arbeiten hier zum Beispiel Neurochirurgen, Neurologen und Anästhesisten Hand in Hand.

Warum darf die ganz tiefe Narkose nicht so lange dauern?

Die Nebenwirkung ist, dass damit auch der Kreislauf und das Immunsystem gedrückt werden. Das erhöht das Risiko für eine Infektion, zum Beispiel eine Lungenentzündung. Wenn es aber der Schädelinnendruck erfordert, kann man einen Patienten in einer tiefen Narkose – etwa einer Mittelstufe – zwei, drei Wochen lang halten. Aber es ist natürlich auch klar: Je länger diese Tiefschlafphase dauert, desto offener ist der Patient für Komplikationen auf der Intensivstation, zum Beispiel für Infektionen.

Und wie sind die Aussichten, wenn man die besonders kritische Phase überstanden hat?

Alle Intensivmaßnahmen in der Neurochirurgie zielen darauf ab, die Folgeschäden zu begrenzen. An der Verletzung, die am Unfallort passiert ist, kann man nichts ändern. Was primär zerrissen oder durch Einblutungen geschädigt ist, kann man nicht wieder zurückbringen. Aber das Gehirn hat im Einzelfall eine enorme Kapazität, das zu kompensieren.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.