Die Flaggen Israels und der Vereinigten Arabischen Emirate in Netanya.
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Die Vereinbarung zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sieht auf den ersten Blick wie eine geopolitische Petitesse aus: Die Emirate sind nur ein kleiner Staat und haben mit Israel keine militärische Konfliktlinie. Es ist also, so könnte man meinen, keine besondere Kunst, dass diese beiden Staaten einander die Hand reichen. Und doch ist das erste Telefonat, das der Außenminister der Emirate, Abdullah bin Said, am Sonntag mit seinem israelischen Amtskollegen Gabi Aschkenasi geführt hat, mehr als nur eine Randnotiz in der Geschichte des Nahen Ostens. Die Annäherung kommt nämlich zu einem Zeitpunkt, da die meisten Menschen die Hoffnung auf einen Frieden in der Region aufgegeben haben. Kaum einer der jüngeren Israelis oder Palästinenser kann sich an die letzte, wirklich ernstgemeinte Initiative erinnern: Es war der Friedensprozess von Oslo, der fast genau auf den Tag vor 20 Jahren in Camp David scheiterte. Der damalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak und Palästinenserpräsident Jassir Arafat verließen Camp David im Streit. Israel war damals der arabischen Welt weit entgegengekommen. Der Slogan hieß wie schon 1967 „Land für Frieden“, und Israel war sogar bereit, die Golan-Höhen zurückzugeben – ein heute schier unvorstellbarer Gedanke. Damals sah man in Israel viele Autos mit dem Aufkleber „Land for peace“, die Stimmung war positiv, und viele glaubten an einen möglichen Durchbruch.

Doch es folgte die zweite Intifada, eine brutale Welle der Gewalt und des Terrors, die von den israelischen Sicherheitskräften mit größter Härte und mitunter unter schrecklichen Grenzüberschreitungen niedergeschlagen wurde. Der Bau der Mauer wurde zum Symbol eines „Status quo“, in dem die Feindschaft zum konstitutiven Bestandteil des Zusammenlebens erhoben wurde. Verschärft wurde die Lage durch das Aufkommen von immer neuen Terror-Gruppen in der Region, seien es Al-Kaida oder der sogenannte Islamische Staat. Das gegenseitige Misstrauen ist im Lauf der Jahre ins Unermessliche gestiegen. Man kann allerdings nicht mehr sagen, dass die „Fronten verhärtet“ sind – weil es genau die klassischen Fronten zwischen Israel und den Arabern nicht mehr gibt.

Dies ist einerseits die Folge der Tatsache, dass der Kalte Krieg beendet ist und Russland im Nahen Osten eine völlig andere Rolle spielt als noch vor einigen Jahren. Russland ist nicht nur als Schutzmacht von Syrien aufgetreten, wo es Moskau unter anderem um die Verteidigung seines einzigen Militärstützpunktes in der Region, in Latakia, geht. In Israel lebt etwa eine Million früherer Sowjet-Bürger, die ausgewandert sind, und deren Lage der Kreml bei seiner geopolitischen Positionierung bedenken muss. Ironischerweise haben sich viele der Russen ausgerechnet auf dem Golan angesiedelt. Gemeinsam mit den lokalen ethnischen Minderheiten wie den Drusen haben die Einwanderer den einstigen Grenzstreifen in eine wirtschaftlich prosperierende Region verwandelt.

Neben diesem gelungenen Beispiel von Integration spielt auch eine Verschiebung im innerarabischen Verhältnis eine Rolle. Ende 2019 gründeten Vertreter von zivilgesellschaftlichen Organisationen in London den „Arabischen Rat für regionale Integration“. Die Intellektuellen wenden sich vor allem gegen das Bündnis BDS, welches einen umfassenden Boykott von israelischen Produkten fordert, um die Regierung in Jerusalem zur Aufgabe der Siedler-Programme in den besetzten Gebieten zu zwingen. Diese Forderung sei kontraproduktiv, sagen die Verfechter des Dialogs mit Israel, weil die Opfer eines Boykotts in erster Linie die Palästinenser seien. Deren Lebensumstände haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich verschlechtert – was neben den harschen Abschottungsverordnungen durch Israel auch auf die mangelnde Repräsentativität und die grassierende Korruption der Behörden der palästinensischen Gebiete zurückzuführen ist. Die Korruption ist auch ein Dauer-Thema im Hinblick auf die Fördergelder, die die Palästinenser von der EU erhalten. Im Jahr 2013 hatte der Europäische Rechnungshof eine stärkere Kontrolle der Verwendung der EU-Mittel gefordert. Vor dem Hintergrund einer in vielen Facetten verfahrenen Situation ist der neue Versuch eines Dialogs als bedeutsam einzuschätzen. Der blutige Dauerkonflikt hat zu einer tiefen Enttäuschung der Menschen im Nahen Osten geführt. Eine Zwei-Staaten-Lösung kann nur gelingen, wenn sie eingebettet wird in eine Befriedung der ganzen Region. Der kleine Olivenzweig, den sich Israel und die Emirate jetzt reichen, zeigt jedenfalls: Es gibt einen Himmel hinter all den dunklen Wolken.