Kinder warten auf die Essensausgabe in Somalia.
Foto: dpa/Dai Kurokawa

Berlin15 Jahre ist es her, dass die Vereinten Nationen einstimmig die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedeten. Eines ihrer größten Ziele ist es, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2030 komplett abzuschaffen. Das war ein Statement und auch ein Versprechen.

Eine Zeit lang schien die Weltgemeinschaft auf einem guten Weg zu sein: Seit dem Jahr 2000 nimmt der Hunger in der Welt sukzessive ab, und bis zum Jahr 2014 sank auch die Zahl der Menschen, die weltweit Hunger leiden. Doch der Welthunger-Index (WHI) 2020, den die Welthungerhilfe am Montag veröffentlichte, zeichnet ein ernüchterndes Bild. Denn die globale Hungersituation verbessert sich nur sehr, sehr langsam – und in einigen Ländern verschlechtert sie sich sogar. Damit sinkt die Hoffnung, dass die Weltgemeinschaft ihr Versprechen für 2030 wird halten können.

„Ich glaube, dass es möglich ist, das Ziel noch zu erreichen“, sagte Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, der Berliner Zeitung. „Aber die Zeit drängt. Wenn wir so weitermachen, wie bisher, wird es nicht gelingen, den Hunger in den nächsten zehn Jahren zu besiegen.“

Der jährlich erscheinende Welthunger-Index erfasst mithilfe von Daten der Weltgesundheitsorganisation der UN, Unicef und anderen globalen Organisationen die weltweite Hungersituation. Der Index stützt sich dabei auf die vier Indikatoren Unterernährung, Auszehrung, Wachstumsverzögerung bei Kindern und Kindersterblichkeit. Aus den Werten dieser vier Kriterien bildet der WHI-Wert auf einer 100-Punkte-Skala die Hungerlage in den einzelnen Ländern ab – je höher der Wert, desto dramatischer ist die Situation. Ab 20 ist die Hungerlage ernst, bei einem Wert ab 50 gravierend.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: WHI

Weltweit gilt das durchschnittliche Hungerniveau laut WHI 2020 als mäßig. Doch Grund zur Entwarnung ist das nicht. Denn während der prozentuale Anteil unterernährter Menschen, also jener, die ihren täglichen Kalorienbedarf nicht decken können, in der Welt stagniert, steigt ihre absolute Zahl an. So waren im Jahr 2019 laut WHI 8,9 Prozent der Weltbevölkerung unterernährt – genau wie 2018. Gleichzeitig litten im vergangenen Jahr fast 690 Millionen Menschen unter chronischem Hunger. Laut WHI-Bericht sind das zehn Millionen mehr als 2018 – und fast 60 Millionen mehr als vor fünf Jahren.

Zudem ist die globale Hungerlast extrem ungleich verteilt. Am schlimmsten ist der Hunger in Afrika südlich der Sahara und in Südasien, hier liegen die WHI-Werte bei 27,8 und 26, was einer ernsten Hungersituation gleichkommt.

Der Welthunger-Index

Die WHI-Werte werden anhand einer Formel errechnet, die drei Dimensionen von Hunger erfasst: unzureichende Kalorienaufnahme, Unterernährung bei Kindern und Kindersterblichkeit. Dafür werden vier Indikatoren herangezogen: Unterernährung (prozentualer Anteil der Bevölkerung, der seinen Kalorienbedarf nicht decken kann), Auszehrung bei Kindern (Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die ein zu geringes Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße aufweisen), Wachstumsverzögerung bei Kindern (Anteil von Kindern unter fünf Jahren, die zu klein für ihr Alter sind) und Kindersterblichkeit (prozentualer Anteil der Kinder, die vor der Vollendung ihres fünften Lebensjahres sterben). Für den WHI 2020 wurden Daten aus 132 Ländern ausgewertet. Der WHI stuft die Länder gemäß einer 100-Punkte-Skala ein. 0 (kein Hunger) ist dabei der beste und 100 der schlechteste Wert, wobei keiner dieser Extremwerte in der Praxis je erreicht wurde.

Mit dem Tschad, Mosambik und Osttimor wird die Hungersituation in drei Ländern als sehr ernst bezeichnet, in acht weiteren, darunter Syrien, die Demokratische Republik Kongo, Somalia, der Jemen und der Südsudan gilt die Lage als vorläufig sehr ernst.

Besonders besorgniserregend ist dabei aus Sicht der Welthungerhilfe, dass das Ausmaß in mehreren Ländern wieder deutlich zunimmt. So hätten insgesamt 14 Länder mit WHI-Werten der Schweregrade mäßig, ernst oder sehr ernst im Jahr 2020 höhere Werte als im Jahr 2012. Dazu zählen etwa Botswana, Mosambik, die Mongolei und Osttimor.

Am dramatischsten aber war der Anstieg in Venezuela. Innerhalb von acht Jahren erhöhte sich der WHI-Wert in dem südamerikanischen Land von niedrigen 7,6 auf besorgniserregende 23,5. Nach schweren Ernährungskrisen, ausgelöst durch Hyperinflation, politische Unruhen, zunehmender Korruption und der Abhängigkeit von der immer weiter sinkenden Ölproduktion wird die Hungersituation in Venezuela im aktuellen WHI-Bericht inzwischen als ernst eingestuft.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: WHI

Neben den individuellen Krisen, denen die Hungerländer ausgesetzt sind, listet der WHI-Bericht den globalen Klimawandel als eine der Hauptursachen, die die Lage in vielen Teilen der Welt massiv verschärfen. Als Folge komme es vermehrt zu Naturkatastrophen wie Dürreperioden oder Überschwemmungen. Besonders gravierend zeigen sich diese Folgen am Horn von Afrika, das derzeit zusätzlich von einer verheerenden Heuschreckenplage heimgesucht wird.

Als weitere ernste Bedrohung der Ernährungssicherheit gelten zunehmende bewaffnete Konflikte in vielen Ländern. Dass der diesjährige Friedensnobelpreis an das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen geht, sieht Welthungerhilfe-Generalsekretär Mogge vor diesem Hintergrund als wichtiges Signal. In vielen Konfliktgebieten werde Hunger als Kriegswaffe eingesetzt, Menschen würden vorsätzlich ausgehungert, sagte Mogge. „Die Auszeichnung ist auch eine Anerkennung für all die Mitarbeiter vom WFP, die seit Jahren ihr Leben aufs Spiel setzen, um in Kriegs- und Krisengebieten dringend benötigte Nahrungsmittel zu liefern und damit Menschenleben zu retten.“ Besonders dramatisch ist die Situation derzeit im Jemen, wo 20 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind, aber auch in Syrien, im Südsudan und im Kongo.

Für die kommenden Jahre rechnen Entwicklungsexperten mit einer weiteren Verschlechterung der Ernährungssituation: Noch ist nicht abzusehen, welche Folgen, die Corona-Pandemie gerade in Ländern mit ohnehin ernster Hungerlage haben wird – im WHI 2020 sind diese Auswirkungen noch nicht erfasst. Doch die Prognose ist düster. Zwar stürben in Afrika derzeit immer noch verhältnismäßig wenige Menschen direkt an Covid-19, so Welthungerhilfe-Generalsekretär Mogge. Gleichzeitig litten sie aber massiv unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, weil das Ernährungssystem nicht mehr funktioniere. „Die Menschen sind von den Transportwegen abgeschnitten, die Märkte waren geschlossen, es fehlten Saatgut und Kreditmöglichkeiten, um durch die schwierige Zeit zu kommen.“ Die Welthungerhilfe und andere Entwicklungsorganisationen rechnen mit bis zu 120 Millionen Menschen, die zusätzlich an Hunger leiden werden.

Trotz der insgesamt ernüchternden WHI-Bilanz gibt es nach Ansicht der Studien-Autoren auch Grund zur Zuversicht. Denn der WHI 2020 zeigt auch, dass viele Länder bei der Hungerbekämpfung  in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte gemacht haben. In Angola, Äthiopien und Sierra Leone etwa reduzierte sich der WHI-Wert in diesem Zeitraum um mehr als 25 Punkte – im Jahr 2000 fielen alle drei Länder noch in die WHI-Kategorie gravierend.

Die Hauptverantwortung für die Hungerbekämpfung sieht Mathias Mogge in den Regierungen der jeweiligen Länder, die sich aktiv für eine Politik der Hunger- und Armutsbekämpfung entscheiden müssten. Damit das Ziel „Zero Hunger“ bis 2030 noch erreicht werden kann, ist nach Ansicht der Studien-Autoren aber vor allem ein globales Umdenken nötig. Gerade die Covid-19-Pandemie habe die Verletzlichkeit globalisierter Ernährungssysteme aufgedeckt, die gleichzeitig Teil des Problem seien: Denn die weltweite Ernährungspolitik benachteilige Länder mit niedrigem Einkommen, kleinbäuerliche Betriebe und Beschäftigte in der Nahrungsmittel-Lieferkette.

„Um Hunger zu besiegen, braucht es zuallererst politischen Willen“, sagte Mogge. Doch auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit müsse noch mehr leisten. „Für den Kampf gegen Hunger braucht man genug Geld. Was die Weltgemeinschaft im Moment zur Verfügung stellt, reicht einfach nicht aus.“