Der Angeklagte Bruno D. im Hamburger Landgericht.
Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

HamburgEs seien nur ein paar Sätze, die er zu sagen habe, kündigt Bruno D. mit brüchiger Stimme am Montag im Hamburger Landgericht an. Es ist der letzte Verhandlungstag vor dem Urteil, und der ehemalige Wachmann im Konzentrationslager Stutthof hat das Recht auf ein letztes Wort. In der Woche zuvor hatte die Staatsanwaltschaft dem betagten Rentner in ihrem Plädoyer noch einmal vorgeworfen, vor einem Dreivierteljahrhundert Beihilfe zum Mord in mehr als 5000 Fällen geleistet zu haben, und eine dreijährige Haftstrafe dafür gefordert. Bruno D.s Verteidiger hingegen plädierte auf Freispruch, eine Beihilfehandlung sei seinem Mandanten nicht nachzuweisen.

Nun also das letzte Wort eines heute 93-jährigen Mannes aus Hamburg, der am Anfang seines Lebens, als 17-Jähriger, von der SS auf einen Wachturm am KZ-Zaun in Stutthof abkommandiert worden war. Wird er seine Schuld eingestehen, um Vergebung bitten? Die wenigen Überlebenden aus Stutthof, die als Nebenkläger am Prozess teilnehmen, hoffen darauf. „Er könnte heute sagen: Es war falsch, was ich damals gemacht habe“, hatte Rechtsanwalt Markus Horstmann, einer der Nebenklägervertreter, zuvor gesagt. „Es wäre ein großer Schritt.“

Doch Bruno D. wagt nur einen kleinen Schritt. Von der eigenen Schuld spricht er nicht an diesem Montag. Immerhin aber vermeidet er es diesmal, anders als bislang im Prozess seine Mitschuld an den Verbrechen im KZ zurückzuweisen. Stattdessen bittet er die Opfer ausdrücklich um Vergebung. „Heute möchte ich mich bei den Menschen, die durch diese Hölle des Wahnsinns gegangen sind, und bei ihren Angehörigen entschuldigen“, sagt er. „So etwas darf sich niemals wiederholen.“ Ihm seien erst durch die Berichte der Zeugen und Gutachter in dem Verfahren das ganze Ausmaß der Grausamkeiten im KZ Stutthof und die Leiden der Gefangenen bewusst geworden. „Aber ich möchte noch einmal betonen, dass ich mich niemals freiwillig zur SS oder anderen Einheiten gemeldet habe, erst recht zu einem KZ“, sagt der 93-Jährige. „Dass ich als Wachmann auf einem der Posten stehen musste, belastet mich heute noch sehr. Hätte ich eine Möglichkeit gefunden, mich dieser Aufgabe zu entziehen, hätte ich sie mit Sicherheit genutzt.“

An diesem Donnerstag wird das Hamburger Landgericht das Urteil über Bruno D. und die Frage, ob ein junger Mann auf einem Wachturm hinter dem Elektrozaun für die Verbrechen, die von den SS-Wachmannschaften auf der anderen Seite des Zauns im Lager begangen wurden, juristisch zur Verantwortung gezogen werden kann, fällen müssen. Zwar hat es seit 2011, als dem Ukrainer John Demjanjuk in München der Prozess gemacht wurde, bereits mehrere Verurteilungen von KZ-Wachleuten wegen Beihilfe zum Mord gegeben, diese aber betrafen ausschließlich Diensttuende in Vernichtungslagern wie etwa Auschwitz und Sobibor, die von Beginn an für die industrielle Tötung von Menschen konzipiert waren. Im KZ Stutthof wurden zwar auch seit dem Sommer 1944 Häftlinge, vor allem Juden, vergast oder per Genickschuss hingerichtet. Die meisten Gefangenen gingen jedoch an Unterernährung, Entkräftung, schlechter medizinischer Versorgung und unmenschlicher Zwangsarbeit zugrunde. Oberstaatsanwalt Lars Mahnke nannte das in seinem Plädoyer eine „Vernichtung durch Arbeit in einem militärisch-industriellen Komplex“.

Hat Bruno D. das von seinem Wachturm aus erkennen können und mit seinem Wachdienst zu dem vieltausendfachen Mord bewusst beigetragen? Davon, wie das Hamburger Gericht diese Frage an diesem Donnerstag beantworten wird, hängt das Schicksal von knapp 20 noch laufenden Ermittlungsverfahren ab, die von deutschen Staatsanwaltschaften gegen ehemalige Wachleute von Konzentrationslagern geführt werden. Drei davon richten sich gegen ehemalige Bedienstete in Stutthof, zwei gegen Wachleute im KZ Mauthausen in Österreich. Die Erfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs Beschuldigte, die im KZ Buchenwald als Wachleute eingesetzt waren. Die meisten Verfahren gegen KZ-Wärter sind bei der Staatsanwaltschaft Neuruppin anhängig. Sie richten sich gegen acht Deutsche, die im KZ Sachsenhausen Dienst taten.

Das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Stutthof, das heute eine Gedenkstätte ist, liegt idyllisch in einem Wald in Nordpolen, knapp 40 Kilometer östlich von Danzig, nahe der Weichselmündung, zwischen Ostsee und Haff. Das Lager war schon einen Tag nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen eingerichtet worden und damit das erste KZ außerhalb des deutschen Reichsgebietes. Und es war das letzte Konzentrationslager, das befreit wurde – am 9. Mai 1945, von Soldaten der 48. Armee der III. Belorussischen Front. War es zunächst ein Internierungslager für Zivilisten, übernahm es im Oktober 1941 die Danziger Gestapo und führte es fortan als Sonderlager. Drei Monate später erhielt es den Status eines Konzentrationslagers, zu dem insgesamt 39 Außenlager gehörten. Die größten befanden sich in Thorn (Toruń) und Elbing (Elbląg). Insgesamt waren etwa 110.000 Menschen in Stutthof inhaftiert. Fast zwei Drittel davon, rund 65.000 Menschen, verloren dort ihr Leben.

Im Juli 1944 erhielt der Kommandant des Lagers den Auftrag zur systematischen Ermordung von Juden. In der Anklage gegen Bruno D. wird beschrieben, auf welche Weise der Befehl umgesetzt wurde: Rund 1300 Menschen wurden durch das Giftgas Zyklon B getötet, erst in einer Gaskammer und später in einem Zugwaggon, eine deutlich geringere, gleichwohl unbekannte Zahl von Opfern ermordeten die SS-Leute durch Giftspritzen und in einer im Krematorium eingerichteten Genickschussanlage. Die meisten Menschen in Stutthof aber starben der Anklage zufolge durch Nötigung zur Schwerstarbeit, die Verweigerung von Nahrung, Wasser und medizinischer Hilfe und durch katastrophale hygienische Umstände.

„Lebensfeindliche Bedingungen“ nannte das der Staatsanwalt. Bruno D. sei zwar an keinem Mord direkt beteiligt gewesen, betonte der Ankläger, doch er habe aber von all diesen Vorgängen im Lager „teilweise bis ins Detail“ Kenntnis gehabt und damit während seiner Dienstzeit in Stutthof zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 „die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge“ unterstützt. Konkret geht es dabei um Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen.

Einige wenige Überlebende haben in dem Prozess als Zeugen ausgesagt und die unmenschlichen Bedingungen in dem Lager geschildert. So auch der aus Polen stammende Marek Dunin-Wasowicz, der im Mai 1944 als 17-Jähriger nach Stutthof gekommen war. „Dort herrschten die allerschlimmsten Bedingungen“, erinnerte sich der in Warschau lebende Zeuge vor Gericht. Die Häftlinge hätten in Baracken gehaust und fast nichts zu essen bekommen. Trotzdem seien sie zur Sklavenarbeit gezwungen worden, sagte der heute 93-Jährige. „Wir haben Bäume gefällt und Wurzeln herausgeholt. Es war eine Arbeit, die übermenschliche Kräfte erforderte.“ Jeden Tag hätten die übermüdeten und ausgehungerten Männer außerdem Appell stehen müssen, manchmal stundenlang. Dabei seien sie auch Zeugen von Bestrafungen geworden. Etwa wenn Häftlinge auf einen Bock geschnallt und mit dem Ochsenziemer geprügelt wurden. „Wir mussten im Kreis herumstehen und die Schreie des Mannes hören“, sagte Dunin-Wasowicz vor Gericht. Auch von den Vergasungen habe jeder im Lager gewusst. „Die Gaskammer in Stutthof war ein offenes Geheimnis“, sagt der ehemalige Häftling aus. „Ich kannte auch das Krematorium. Jeder kannte es.“ Dennoch seien die meisten Menschen im Lager an Hunger, Krankheit oder Erschöpfung zugrunde gegangen. „Sie brauchten keine große Gaskammer“, sagte der Zeuge. „Die Gefangenen starben einfach so.“

Bruno D. hat diesen Zeitzeugenberichten im Gerichtssaal 300 am Hamburger Sievekingplatz meist regungslos gelauscht. An jedem Verhandlungstag war der gebrechlich wirkende Mann im Rollstuhl von seiner Tochter in den Gerichtssaal geschoben worden. Nur zweimal die Woche und jeweils zwei Stunden lang durfte überhaupt verhandelt werden. In dieser Zeit aber folgte der 93-Jährige dem Prozess aufmerksam, in seinen Erklärungen und Antworten auf die Fragen des Gerichts war er präsent und konzentriert. Er wollte sich erinnern, wollte Auskunft geben, immerhin. Andere hochbetagte KZ-Wächter hatten in ihren Prozessen geschwiegen oder sich vorab einer Verhandlung durch ein ärztliches Attest entzogen.

D. gab vor Gericht an, er sei in der Nähe von Danzig auf einem Bauernhof aufgewachsen. Sein strenger Vater habe ihn zum Gehorsam und zum „Raushalten“ aus Konflikten erzogen. Ein Einzelgänger sei er gewesen, sich nicht für Politik interessiert, so der Angeklagte. Ein überzeugter Nazi sei er tatsächlich nicht gewesen, das bescheinigte ihm auch die Staatsanwaltschaft. Lange habe sich D. gegen eine Aufnahme in die Hitlerjugend gewehrt, um den Kriegsdienst kam er wegen eines Herzfehlers herum. Im August 1944, als 17-Jähriger, aber wurde er dann als Wachmann ins KZ Stutthof abkommandiert und dafür – gegen seinen Willen, wie Bruno D. betont – in die SS aufgenommen.

Als er zur Wachmannschaft kam, habe es keinen Rundgang durch das Lager und keine Einweisung für ihn gegeben, sagte er vor Gericht. Daher habe er auch gar nicht genau gewusst, was der eigentliche Zweck des Lagers gewesen sei und wer dort festgehalten werde. Es sei nur „gemunkelt“ worden, dass außer Strafgefangenen auch Juden dort eingesperrt waren. Er habe mit seinen Kameraden auch nicht über Politik gesprochen oder darüber, was im Lager passiert.

Von der Vorsitzenden Richterin befragt, gab D. zu, manchmal auch auf dem Wachturm nahe der Gaskammer und des Krematoriums gestanden zu haben. Er habe auch gesehen, dass Leute in die Gaskammer reingeführt wurden. Die Tür sei dann verschlossen worden. Kurz danach habe er Schreie und Gepolter vernommen. „Ich wusste aber nicht, was mit den Leuten geschieht, dass sie vergast wurden“, behauptete D. und blieb dabei, als die Richterin sagte, das glaube sie ihm nicht. Auch von dem Krematorium erzählte er dem Gericht, und wie er sah, dass Menschen dort hineingeführt wurden, aber nicht wieder herauskamen. 

D. sagte auch, ihm hätten die Menschen leidgetan, die er habe bewachen müssen. Aber er habe keine Möglichkeit gehabt, ihnen zu helfen. Er sei nun mal Soldat gewesen und habe Befehle ausführen müssen, sagte D. Die Bilder aus dem Lager hätten ihn sein Leben lang verfolgt. „Ich habe viele Leichen gesehen, vor allem in den letzten Monaten im Lager“, sagte er. Morgens habe von seinem Wachturm aus beobachtet, wie andere Häftlinge die Leichen aus den Baracken gezogen und übereinander gestapelt hätten. Damals war eine Epidemie im Lager ausgebrochen, Fleckfieber. Nackt und ausgemergelt seien die Leichen gewesen. 

Dennoch blieb D. bis zum Schluss dabei: Er habe nichts davon gewusst, wie es im Lager zugegangen sei, er habe es nie betreten, sondern immer nur vom Turm darauf hinabgeblickt. Er will nicht gewusst haben, wie es in den Baracken aussah, das Auspeitschen von Häftlingen oder erschossene Gefangene habe er nie gesehen. „Ich habe keine Schuld, was damals passiert ist“, sagte er mehrmals im Prozess. „Ich habe dazu nichts beigetragen, außer dass ich Wache gestanden habe.“

Einmal hatte ihn die Richterin gefragt, wie es gerochen hat, dort auf dem Wachturm neben dem Krematorium, und was er denn gefühlt und gedacht habe, als er die Leichen sah. „Es war grausam, was man gesehen hat“, sagte D. daraufhin. Und dass er froh gewesen sei, all das in den Jahren danach für sich verarbeitet zu haben, „dass ich endlich Ruhe hatte“. Jetzt aber, durch den Prozess, sei alles wieder aufgewühlt worden. „So habe ich mir mein Alter nicht vorgestellt. Trotz allem.“

Im Mai hatte die Vorsitzende Richterin von Bruno D. wissen wollen, ob er mit seinen Enkeln und Urenkeln über seine Zeit als Wachmann im Konzentrationslager Stutthof spreche. Er wolle sie nicht damit belasten, sagte er. Aber wenn er gefragt werde, würde er das, was er erlebt habe, auch so erzählen. Am liebsten jedoch wolle er vergessen.