Die Maßnahmen werden gelockert. Doch mit der Maske werden wir noch eine Weile leben müssen.
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BerlinDas gesellschaftliche Leben wird wieder freier, die Politik hat diverse Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen beschlossen. Doch welche Spuren hat die Pandemie jetzt schon hinterlassen? Und wird unser Leben jemals so sein, wie es mal war? Die Soziologin Teresa Koloma Beck forscht über menschliches Verhalten in Konfliktsituationen und weiß: Krisen verändern uns. Zum Glück ist der Mensch anpassungsfähig.

Frau Koloma Beck, aus ihrer Forschung zum Verhalten der Menschen in Kriegssituationen wissen Sie, dass man lernt, mit der Gefahr zu leben, gleichzeitig werden andere als potenzielle Bedrohung wahrgenommen. In der Corona-Pandemie haben wir uns an die Einschränkungen im Alltag gewöhnt, aber wenn uns jemand zu nahe kommt oder keine Maske trägt, werden wir nervös. Was macht das mit uns als Gesellschaft?

Der Unterschied zum Krieg ist: Die Bedrohung, mit der wir umgehen, geht von Menschen aus, aber wir wissen, die anderen Menschen sind nicht absichtlich bedrohlich. Es ist ein handlungspraktisches Problem, das man versucht zu lösen, indem man der Bedrohung aus dem Weg geht. Wir passen unser Alltagsverhalten an. Aber durch diese kleinen Veränderungen im Alltag entzünden sich bisweilen normative Konflikte. Ich nehme schon wahr, dass – gerade nach der Einführung der Maskenpflicht – die Frage nach dem richtigen Verhalten bisweilen auch in durchaus aggressivem Ton ausgehandelt wird. Das hat damit zu tun, dass es eben nicht um irgendetwas geht, sondern um existenzielle Gefahr. Das lässt niemanden kalt.

Liegt das wirklich an der Gefahr? Oder ist es eher der typisch deutsche Drang, ständig andere erziehen zu wollen?

Der Ausgangspunkt ist schon, dass es am Ende um eine potenziell lebensbedrohliche Gefahr geht. Aber die Art und Weise, wie das sozial verhandelt wird, hat ganz viel mit den Gewohnheiten zu tun, die in einer Gesellschaft schon vorhanden sind. Diese Formen des Umgangs sind zum Beispiel in der Stadt anders als auf dem Land, einfach, weil es in der Stadt per se enger ist, man hat größere Schwierigkeiten, einander auszuweichen.

Aufgrund der Geschichte hat das wechselseitige Sich-Beobachten oder Zurechtweisen in Deutschland eine besondere Bedeutung.

Es ist also nicht die deutsche Erziehungskultur?

Die Krise macht Strukturen deutlich, die bereits vorhanden sind. Und aufgrund der Geschichte hat das wechselseitige Sich-Beobachten oder Zurechtweisen in Deutschland sicher eine besondere Bedeutung. In anderen Ländern, wo die Gesellschaft schon lange mit Bedrohungen durch Krieg und Gewalt leben, lässt sich beobachten, dass bisweilen sehr viel weniger öffentlich ausgehandelt wird, weil sehr viel üblicher ist, dass Anweisungen im Zweifel durch bewaffnetes Personal durchgesetzt werden. Uns würde es hier viel mehr schockieren, wenn wir im Supermarkt einen Wachmann mit Maschinenpistole sehen, als das etwa in Afghanistan der Fall ist. 

Zu Anfang der Krise gab es ihn ja, den Ruf nach dem starken Staat, der in der Pandemie durchgreift. Sind wir dessen inzwischen überdrüssig?

Wir wissen aus der Analyse anderer Krisen, dass das weniger mit Überdruss zu tun hat, als mit Anpassung. Wenn wir in Krisensituationen geworfen sind, fokussieren wir uns zunächst darauf, das absolut Notwendige zu bewältigen. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem wir uns an die Lage anpasst und wieder handlungsfähig gemacht haben. Das Charakteristikum dieser Krise ist ja, dass wir nicht mehr so handeln konnten, wie wir es gewöhnt sind, weil wir vieles noch nicht wussten. Mittlerweile sind wir global gesehen sehr viel schlauer, wir haben uns in diesem Leben irgendwie eingerichtet. Und weil das so ist, kann sozusagen der kritische Staatsbürgerverstand wieder Raum einnehmen.

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Zur Person

Teresa Koloma Beck ist Professorin für Soziologie der Globalisierung an der Universität der Bundeswehr München und Gastwissenschaftlerin am Hamburger Institut für Sozialforschung.

Werden wir in Zukunft mehr Menschen auf der Straße haben, die, vom Staat mit Autorität ausgestattet, für die Durchsetzung der Regeln sorgen?

Um dieses Gespenst des starken Staats mit dauerhafter Einschränkung von Grundrechten abzuwenden, ist es wichtig, dass die Stimmen hörbar bleiben, die den Prozess der Krisenbewältigung kritisch begleiten. Am Anfang der Pandemie wurden beispielsweise Verfassungsrechtler, die sich kritisch zu den Beschränkungen geäußert haben, bisweilen fast schon als Nestbeschmutzer diffamiert. Es war aber schon damals wichtig, dass die kritische Reflexion weiterging. Mittlerweile gibt es an vielen Stellen Fachleute, die kritisch hingucken und Fragen stellen. Die öffentliche Debatte über den Datenschutz bei der Corona-Tracing-App ist ein gutes Beispiel dafür.

Die Krise wirkt wie ein Vergrößerungsglas für bereits bestehende Probleme.

In der breiten Masse scheinen die Fronten verhärtet: Hier die Regierungsgläubigen, dort die Verschwörungstheoretiker. Wird diese Krise gesamtgesellschaftlich etwas verändern?

Die Krise wirkt auch hier wie ein Vergrößerungsglas für bereits bestehende Probleme und Strukturen. Die schärfste Kritik an politischen Entscheidungen kommt aus Milieus, in denen das Vertrauen in den Staat schon vorher fragil war. Dass mediale Kommunikation Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Klima hat, wussten wir auch schon früher, wie brisant dies werden kann, tritt derzeit nochmal stärker ins Bewusstsein.

Egal, wie es mit den Lockerungen weitergeht: Solange kein Impfstoff gefunden ist, werden wir uns voneinander fernhalten müssen. Das widerspricht dem Menschen als sozialem Wesen. Sie haben aber auch gesagt, dass die Nähe schon vor der Krise Konfliktpotenzial bereitgehalten hat. Wie passt das zusammen?

Soziologisch gesehen passt das gut zusammen, weil ja auch Konflikte Nähe sind. Das weiß man aus jeder guten Ehe. Aber es stimmt: Dieser Zustand, in dem wir jetzt leben, wird anhalten. Und das wird etwas verändern. Unsere Alltagsstrukturen, die Muster, in denen wir mit anderen interagieren. Ich denke da etwa an die Folgen des Distanzgebotes auf einer mikrosoziologischen Ebene. Die Bedeutung und unser Verständnis von Intimität wird nicht dasselbe bleiben. Was genau das für unser Zusammenleben in der Zeit nach Corona bedeuten wird, kann man nicht vorhersehen, sondern nur im Rückblick analysieren. Und das wird sicher spannend.