Der  ehemalige SS-Wachmann Bruno D. im Prozess vor dem Hamburger Landgericht.
Foto: AP/Pool/Fabian Bimmer/

BerlinAm vorigen Freitag bat mich die ARD-Tagesthemenredaktion, das Urteil gegen den 93-jährigen ehemaligen KZ-Wachmann Bruno D. „historisch einzuordnen“. Doch in der Sendung blieb davon nur ein Satzfetzen übrig. Womöglich hatte ich zu kompliziert oder zu ungemütlich „eingeordnet“, nämlich so: 1960/70 wäre Bruno D. niemals angeklagt worden. Doch seit ein paar Jahren werden einige hochbetagte Männer wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht gestellt, auch wenn sie lediglich in der Schreibstube oder auf Wachtürmen eines KZs saßen.

Gut so. Aber was wäre gewesen, wenn österreichische, ost- und westdeutsche Staatsanwälte in den 1960er-Jahren derart streng vorgegangen wären? Dann hätten sie rund 300.000 Männer und einige Zehntausend Frauen wegen Beihilfe zum Mord anklagen und insgesamt auf mehrere Millionen Jahre Zuchthaus plädieren müssen. Die arbeitsteilig organisierten Mordapparate waren sehr personalintensiv.  Nimmt man die Größe eines Familienkreises mit 30 Personen an (Eltern, Geschwister, Kinder, Cousins und Cousinen, Großeltern, Tanten und Onkel), dann hatte damals jede siebte deutsche und österreichische Großfamilie einen Juden- oder KZ-Mörder oder -Mordgehilfen in ihrer Mitte. So viel Wahrheit ertrugen die Nachfolgegesellschaften Hitlerdeutschlands nicht. Bis heute verlagern sie die Schuld bevorzugt auf Firmen, den Staat und auf möglichst wenige, möglichst ferne Personen.

In dieser Rechnung fehlen noch Hunderttausende Kriegsverbrechen, die aus der Mitte von 18 Millionen Wehrmachtssoldaten vor allem in Polen und in der Sowjetunion verübt wurden. Dazu gehören die Morde an mehr als zwei Millionen gefangenen Rotarmisten: in Lagern, auf Märschen oder gleich an der Front; dazu zählen die Hungerblockaden und das Abbrennen Zehntausender Dörfer und Städte bei Eiseskälte. In den Befehlsstäben der Wehrmacht, der SS und den KZs arbeiteten Zehntausende unternehmungslustige junge Frauen (Stabshelferinnen): Sie tippten Befehle und Deportationslisten, stenographierten auf der Wannsee-Konferenz, orderten das Giftgas Zyklon B auf offenen Postkarten beim Hersteller. Gegen sie wurde niemals ermittelt. Bezieht man sie alle ein, dann hat jede dritte heutige Familie, die seit mindestens drei Generationen in Deutschland lebt, einen meist unerkannten, aber aus den Fotoalben wohlbekannten Kriegsverbrecher oder Mordgehilfen in ihren Reihen.

So genau wollen das die meisten nicht wissen. Stattdessen setzen sie sich als die besseren Menschen in Szene – so auch die junge Kommentatorin in besagter Tagesthemensendung. Schneidig peitschte sie auf den 1944 siebzehnjährigen Bruno D. ein und verkündete, ihre Lehre aus den NS-Verbrechen sei, „Kinder großzuziehen, die Widerstand leisten“. Wie kann man so einfältig sein? Die NSDAP erstarkte als soziale Bewegung des Widerstands – gegen „Versailler Diktat“, „Verjudung“, „die Roten“, „das Weimarer System“ und bürgerliche Normen. Widerstand predigen der IS und die AfD. In der Erziehung kommt es auf eine menschenfreundliche, liberale Grundhaltung an. Zudem sollte der Mut junger Leute gekräftigt werden, zuallererst unter Kollegen und Freunden dann Nein zu sagen, wenn Recht, Anstand und Moral aufgeweicht werden.