Berlin - Die Nachricht klingt, als sei sie nicht der Rede wert: Der Tod eines jungen Mosambikaners im Jahr 1986 war kein Mord, sondern ein Unfall. Die Staatsanwaltschaft Potsdam findet keine Anhaltspunkte für einen Tötungsdelikt und sieht keinen Grund dafür, Ermittlungen aufzunehmen. Die Akten zum Fall Manuel Diogo kommen wieder ins Archiv, wo sie drei Jahrzehnte lagen. Wo sie hingehören. Eigentlich.

Aber diese Nachricht ist alles andere als unbedeutend. Sie bestätigt, was Recherchen der Berliner Zeitung schon vor Monaten ergeben haben:  Manuel Diogo wurde nicht von einer Bande Neonazis ermordet. Die Staatssicherheit hat kein rassistisches Verbrechen unter den Teppich gekehrt. Sie zeigt aber vor allem: Nicht die DDR-Unfall-These ist falsch, sondern die vom Mord 30 Jahre später, in die Welt gesetzt von einem westdeutschen Historiker, maßgeblich unterstützt vom MDR.

Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender hat diese These in mehreren Beiträgen verbreitet, die Politik hat sie übernommen, die Justizbehörde mehr als acht Monate lang geprüft, ob sie wahr ist oder nicht. Manuel Diogos Name stand jahrelang für DDR-Unrecht, Diktatur, ostdeutschen Rassismus. Er stand auf Gedenktafeln, in Büchern, in der Widmung eines Krimibestsellers, er wurde in jeder großen und fast jeder kleinen deutschen Zeitung gedruckt, in Politiker- und Literaturpreisreden genannt. Und fast immer so, als sei das Verbrechen bereits bewiesen, als würden die Mörder immer noch frei herumlaufen.

DDR-Akten als „Hot Stuff“

Wie es dazu kam, klingt wie aus einem Nachwendefilm, den niemand senden würde, weil er nicht in das Bild der deutsch-deutschen Geschichtsaufarbeitung passt: Der westdeutsche Historiker Harry Waibel setzt die „steile These“, wie er es selbst nennt, in die Welt, verkauft Akten als „Hot stuff“ an Journalisten und die Interpretation vom Stasikomplott gleich mit. Der MDR reist nach Mosambik, überbringt der alten Mutter von Manuel Diogo die schlimme Nachricht und stellt die Mordszene mit Laiendarstellern in Springerstiefeln nach. Zwei Zeugen findet man auch. Einen ehemaligen Vertragsarbeiter, der vor laufender Kamera die Mordszene beschreibt, als sei er dabei gewesen, obwohl er Manuel Diogo vermutlich nicht einmal kannte, und einen ehemaligen Botschafter, der ganz offensichtlich über einen ganz anderen Mordfall redet, einen, bei dem der Täter von der DDR-Justiz hinter Gitter gesteckt wurde.

Um das hier einmal ganz ausdrücklich zu sagen: Ja, es gab Rassismus im selbsterklärten antifaschistischen Staat DDR, genau wie in jeder anderen vornehmlich weißen Gesellschaft. Institutionellen Rassismus ebenso wie Alltagsrassismus. Mit seinen spezifischen Ausprägungen, die zu untersuchen sich einmal lohnen würde. Aber der Fall Diogo zeigt: Es geht gar nicht um eine differenzierte Untersuchung und schon gar nicht um Geschichtsaufarbeitung, es geht darum, Klischees über die DDR zu bedienen, die aus der Zeit des Kalten Krieges stammen, mit Schwarz-weiß-Geschichten in Rassismusdebatten zu punkten, statt sich zu fragen: Woher kommt der Rassismus heute? Warum ist rassistische Gewalt im Osten weiter verbreitet, warum die AfD hier erfolgreicher als im Westen? Hat das wirklich mit der DDR zu tun? Oder vielleicht auch mit den immer gleichen Erzählungen über sie?

Ostdeutsche Intendantin

Die Staatsanwaltschaft hat ihre Arbeit beendet. Für die anderen Beteiligten fängt sie jetzt erst an: Die Stasi-Unterlagenbehörde sollte sich fragen, ob sie weiter mit Historikern wie Harry Waibel zusammenarbeitet, die Brandenburger Linkenpolitikerin Andrea Johlige erklären, warum sie ohne Beweise zu haben in einem Tweet behauptete, Manuel Diogo sei „von Neonazis bestialisch ermordet“ worden. Der MDR sollte sich bei der Familie von Manuel Diogo entschuldigen und aufarbeiten, wie es zu der falschen Berichterstattung kam.

Im Medienstaatsvertrag heißt es: „Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen.“ Und ausgerechnet die ostdeutsche Intendantin des MDR, Karola Wille, schrieb Ende Januar in einem Gastbeitrag für die Zeit: „In der deutschen Medienlandschaft wurde über Jahre hinweg ein eklatant einseitiges Bild vom Osten geprägt.“ Das stimmt. Deshalb ist es jetzt an der Zeit für eine Aufarbeitung der Aufarbeitung.