In Eisenhüttenstadt, 1950 als erste sozialistische Modellstadt um ein Stahlwerk herum errichtet, ist heute jeder Dritte über 65 Jahre alt.
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EisenhüttenstadtIst Einsamkeit das große Thema im Osten? Im ersten Moment mag man denken: Muss das denn auch noch sein? Gibt es im Osten nicht schon genug andere Probleme: Deindustrialisierung, Überalterung, Rechtsextremismus? Ist Einsamkeit nicht sowieso eine Zivilisationskrankheit? Die Berliner CDU wünscht sich sogar einen extra Senatsbeauftragten. Wenn man dem Sachbuchautor Manfred Spitzer glaubt, ist Einsamkeit Todesursache Nummer eins.

Meine These wäre, dass es eine spezifisch ostdeutsche Ausprägung von Einsamkeit gibt. Warum? Das hat historische, soziale und wirtschaftliche Gründe, die sich mit dem Transformationsprozess in den vergangenen 30 Jahren erklären lassen.

Anfang 1990, als alles auf einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik hinauslief, dachte man, es würde reichen, wenn man den Ostdeutschen die D-Mark in die Hand gebe, ihre volkseigenen Betriebe privatisiere – und dann würden sie automatisch zu guten, demokratischen Bundesbürgern werden, wie durch Osmose. Und falls doch etwas schieflaufen und Menschen ihre Arbeit verlieren würden, würde sie der Wohlfahrtsstaat auffangen.

Wiedervereinigung als Ermächtigung wahrgenommen

Was damals in den offiziellen Planungen keine Rolle spielte, war der „menschliche Faktor“. So hat es mal jemand genannt, der im Kanzleramt mit dem Aufbau Ost betraut war. Von vielen Ostdeutschen ist die Wiedervereinigung als Ermächtigung wahrgenommen worden. Als Übernahme. Der Staat, in den sie reinkamen, war fix und fertig. Von den Neuankömmlingen wurde erwartet, dass sie sich anpassten, dass sie die liberale, repräsentative Demokratie ohne Wenn und Aber akzeptierten. Sie kamen in ein System, das sie nicht kannten und das ihnen niemand erklärte – das selbst in einem fundamentalen Umbruch war.

Der britische Ökonom Paul Collier hat dazu geschrieben: „Die Idee, dass es nur Transfers von Geld braucht, ist ein fundamentales Missverständnis, das vor allem bei der Linken sehr verbreitet ist. Zu glauben, dass es reicht, Menschen zu Empfängern von Wohltaten zu machen, zeigt ein sehr reduziertes Menschenbild. Menschen sind keine Konsumenten, sie wollen handeln und etwas zur Gesellschaft beitragen, sie brauchen die Würde, produktiv zu sein.“

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck formuliert es poetischer: „Konsum allein macht die Seele nicht satt.“

Menschen wollen gesehen, wollen anerkannt werden. Das ist ein Grundbedürfnis, das geht ganz früh los, ich erkenne das bei meinem kleinen Sohn, der alle drei Sekunden „Mama, guck mal!“ sagt. Später sagen die Erwachsenen nicht mehr: „Mama, guck mal!“ Sie haben dann Facebook- und Instagram-Accounts.

Geschichte wurde weggedrückt

Wenn man sich die 90er-Jahre anschaut, dann zeigt sich, dass Ostdeutsche nicht nur nicht gesehen wurden: Ihre eigene Geschichte wurde weggedrückt und ignoriert. Wenn man mit DDR-Biografie erfolgreich sein wollte, dann tat man am besten so, als wollte man schon immer Westdeutscher sein.

Alles, was aus dem Osten kam, galt als Schrott oder ideologisch verseucht. Das ging mit der Schulausbildung los und endete mit der Krippenbetreuung. Es wurde gar nicht differenziert, dass es auch eine eigene Kultur, eigene Erfahrungen und eigene Praktiken gegeben haben konnte. Dieser Diskurs hat dazu geführt, dass man viele Jahre gar nicht offen über die DDR sprechen konnte.

Ostdeutschland war ein Ort, in dem es nur Täter, Opfer, Mitläufer gab, nichts dazwischen. Dieser Blick scheint sich in der professionellen Aufarbeitungsindustrie zu verfestigen: Anfang vergangenen Jahres bekam ich eine Anfrage für ein Zeitzeugenprojekt, in dem man ankreuzen sollte, was man war: Täter, Opfer, Mitläufer.

Ich hätte mich zu DDR-Zeiten nie als Ostdeutsche bezeichnet. Ich weiß nicht, ob es den Begriff überhaupt hab. Ostdeutschland ist ein Ort, der nach 1990 entstanden ist. Er wurde konstruiert, von westdeutschen Intellektuellen, das weist der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk in seinem Buch „Die Übernahme“ nach. In der DDR blieb niemand, schrieb der Politikwissenschaftler Arnulf Baring, der „energisch, zielstrebig, initiativreich war. Das Regime hat fast ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Erziehung, ihre Ausbildung verhunzt“. Die Ostdeutschen waren Zwerge, und zwar alle, vom Bürgerrechtler bis zum SED-Funktionär.

Als Ostler war man verdächtig

Als ich in den 90er-Jahren in Hamburg studierte, war ich erschrocken, wie wenig meine Kommilitonen über den Osten wussten. Oft fragten sie in Klischees, ob meine Eltern in der Partei waren oder bei der Stasi. Oft verstummten sie schon, wenn ich auf die Frage, woher ich komme, Brandenburg sagte. Als Ostler war man jedenfalls verdächtig. Es gab schon gar keinen Raum, um die Verlusterfahrungen der Wendezeit zu besprechen und zu teilen. Vielleicht hatten wir, die DDR-Bürger, auch keine Sprache dazu, weil wir erst einmal damit befasst waren, einen Platz zu finden.

Wenn man dann später, in den Nullerjahren, die Härten der Transformationszeit benannt hat, wurde man in die Ecke der PDS-Sympathisanten oder der Ewiggestrigen geschoben, die sich die DDR zurückwünschen. Dieser Diskurs hat sich etwas geändert, aber das hat sehr lange gedauert. Dieses Nicht-Anerkennen, Nicht-Wissen-Wollen hat vielen Menschen das Gefühl gegeben, dass sie in diesem Land nicht gewollt sind.

Das sorgte vielleicht für eine metaphysische Form der Einsamkeit, die viele Ostdeutsche eint. Es gibt aber auch noch eine andere, handfeste. Der Kasseler Soziologe Janosch Schobin sagt, dass besonders Arbeitslose und ältere Menschen von Einsamkeit betroffen sind, sie haben zum Beispiel weniger Freunde. Und wenn man jetzt in Gedanken die demografische Struktur im Osten aufruft, dann fällt einem gleich auf: Arbeitslose und ältere Menschen sind aus strukturellen Gründen im Osten überrepräsentiert.

Eisenhüttenstadt als erste sozialistische Modellstadt

Das sieht man vielleicht nicht in Berlin oder Leipzig, aber ich denke zum Beispiel an die Stadt, in der ich mein Abitur gemacht habe. Eisenhüttenstadt, 120 Kilometer südöstlich von hier, es war die erste sozialistische Modellstadt. Sie wurde 1950 errichtet um ein Stahlwerk herum und sollte mal zu Hoch-Zeiten auf 100 000 Einwohner anwachsen. 1989 wohnten dort 55 000 Menschen, heute hat sich die Bevölkerung halbiert. Jeder Dritte ist über 65 Jahre alt. Nur 14 Prozent der Bevölkerung ist unter 18 Jahren.

Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR im Gebäude einer ehemaligen Kindertagesstätte.
Foto: Volker Hohlfeld/imago

Wenn man durch die Stadt geht, dann kann man quasi fast die Einsamkeit mit den Händen greifen. Der Bahnhof ist runtergekommen, als Erstes wird man mit Graffito begrüßt: „Ich bin kein Rassist, ich hasse alle Menschen“, steht dort an der Wand. Seit Jahren steht das da schon, ohne dass es jemand entfernt. Ein ganzes Stadtviertel wurde abgerissen, dort wächst eine grüne Wiese. Man sieht kaum Menschen auf der Straße und wenn, dann ist es wahrscheinlich jemand mit einem Rollator.

Dieses Stadtbild ist vor allem ein so großer Kontrast, wenn man sich anschaut, wie es einmal war. Auf alten Fotos oder Filmen sieht man, wie ganz viele Leute die Leninallee – die Magistrale – rauf- und runterliefen. Und es gab so viele Kinder!

Auf einen Schlag 6 000 Menschen aus dem Stahlwerk entlassen

Nach 1990 wurden in Eisenhüttenstadt auf einen Schlag 6 000 Menschen aus dem Stahlwerk entlassen. Wäre das in Bochum bei Opel passiert, hätte es wahrscheinlich einen Aufstand der Gewerkschaften gegeben und der Ministerpräsident wäre gekommen, um eine Mahnwache zu halten. In Eisenhüttenstadt gab es auch Mahnwachen, aber es blieb ganz ruhig und still. Der Betrieb überlebte, heute arbeiten dort noch knapp 3 000 Menschen. Zu DDR-Zeiten war ein Betrieb viel mehr als ein Arbeitsort, es war ein sozialer Resonanzraum, oft mit eigener Poliklinik, Kinderbetreuung, kulturellen Angeboten. Vieles davon verschwand und wurde nicht durch neue Angebote ersetzt.

Ich bin 1993 weggegangen, und ich war nicht die Einzige. In den 90er-Jahren sind 70 bis 90 Prozent der Abiturjahrgänge weggegangen, in den Westen, in die ganze Welt, es fehlt heute also eine ganze Generation. Sie fehlt in den Schulen, sie fehlt in den Elternbeiräten, in den Gemeindeversammlungen, quer durch die Gesellschaft. Und klar, ein paar kommen zurück, manche Jüngere bleiben, aber die Sterberaten sind trotzdem um einiges höher als die Geburtenraten. Daraus entsteht auch ein Gefühl der Verlassenheit. Des Vergessenwerdens.

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev hat mit seinem amerikanischen Kollegen Stephen Holmes ein interessantes Buch geschrieben, in dem sie untersuchen, wie es zum Aufstieg der rechtsautoritären Parteien kommen konnte und sie identifizieren den demografischen Wandel als einen entscheidenden Faktor. Das, was im Osten passiert ist, diese massive Abwanderung, gab es in Polen oder Ungarn auch. „Das Licht, das erlosch“, heißt das Buch. Das Licht, von dem sie reden, ist die liberale Demokratie. Ich fand einen Satz aus ihrem Buch besonders stark: „Wenn in einem Land die Mehrheit der jungen Generation davon träumt wegzugehen, dann fühlen sich alle, die bleiben, als Loser, egal wie gut es ihnen geht ... Die Hysterie über nicht existierende Einwanderer, die dabei sind, das Land zu überrennen, stellt den Ersatz einer illusorischen Gefahr für die wirkliche Gefahr, Entvölkerung und demografischer Zusammenbruch, dar, die ihren Namen nicht aussprechen kann.“

Verlusterfahrungen für Frauen größer als für Männer

Jetzt komme ich noch einmal auf die Rolle der Frau zu sprechen. Es gab ursprünglich die Idee, nur über die Einsamkeit der Ostfrau zu reden. Mir war dazu ein Zitat der Schriftstellerin Christa Wolf eingefallen, das sie in das Vorwort zur Suhrkamp-Ausgabe von Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“ über die DDR-Frauen geschrieben hatte. „Sie zahlen für ihre Unabhängigkeit mit einem schwer erträglichen Schmerz, oft mit Alleinsein, immer mit zusätzlicher Arbeitslast, meist mit schlechtem Gewissen gegenüber Mann, Kindern, Haushalt, Beruf, dem Staat als Über-Mann.“ Man könnte meinen, dass die Verlusterfahrungen für Frauen nach der Wende größer waren als für Männer, wenn man zum Beispiel an das gute Netz an Kinderbetreuungsmöglichkeiten denkt, die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen technische Berufe ausübten, die ökonomische Unabhängigkeit, der unkomplizierte Zugang zum Schwangerschaftsabbruch.

Wenn man all das bedenkt, könnte man sagen, dass Frauen mehr verloren haben durch die Einheit. Und sie haben darauf auf ihre eigene Weise reagiert: Anfang der 90er-Jahre gab es in Ostdeutschland die niedrigste Geburtenrate, die je in Friedenszeiten gemessen wurde, 0,77 Kinder pro Frau. Aber die Einsamkeit hat die Frauen auch produktiv gemacht und in Bewegung gesetzt: Von den unter 30-Jährigen, die zwischen 1991 und 2017 gingen, waren zwei Drittel Frauen.

In vielen Regionen im Osten gibt es einen Männerüberschuss

Die Frauen sind nicht die Verliererinnen der Einheit, sie sind eher die Gewinnerinnen. Und sie ließen sehr viele Männer zurück. Inzwischen gibt es statistisch gesehen in vielen Regionen im Osten einen Männerüberschuss. Das führt nicht nur zu einer ganz konkreten Einsamkeit: Es gibt für einen großen Teil der Männer keine Partnerin mehr. Im Jahr 2012 kamen bei den Zwanzigjährigen auf 100 potenziell partnerlose Frauen 300 ungebundene Männer ohne Abitur. Das sind dramatische Zahlen. Und für viele dieser Männer gibt es nicht nur keine Frauen, sondern auch sonst wenig oder keine Angebote, keine Möglichkeiten, selbst etwas zu gestalten oder selbst wirksam zu werden. Wir haben es mit einer Krise der ostdeutschen, vielleicht sogar ost-europäischen Männlichkeit zu tun.

Rechtsautoritäre Parteien greifen diese Gefühle von Einsamkeit und Nutzlosigkeit der Männer auf und beuten sie aus. Sie machen ihnen ein Angebot, sich wieder stark und gebraucht zu fühlen. Wenn man es scharf formulieren möchte, könnte man sagen, dass die ostdeutschen Männer rechte Parteien wie die AfD aus Einsamkeit wählen – weil ihnen die Frauen weggerannt sind. Ihr Angebot ist ein Fake-Angebot, das nur Hass und Wut schürt. Und diese Art von Maskulinität, wie sie Männer wie Trump oder Putin vorleben, mit entblößter Brust und Macho-Sprüchen, wirkt auch nur noch wie eine Karikatur.

Am Ende geht es darum, wie man aus der Einsamkeit entkommt und neue Verbindungen schafft. Eigentlich müsste es eine neue feministische Revolution in Ostdeutschland geben.

Grundlage dieses Textes ist ein Vortrag, den Sabine Rennefanz am 16. Dezember 2019 in der Schaubühne in der Reihe „Streit ums Politische“ mit Heinz Bude gehalten hat.