Der Papst twittert? Donnerwetter. Ist das sensationell? Ein Grund zur Aufregung oder zur Häme? Macht die Katholische Kirche jetzt jeden Trend mit? Wird sie etwa modern? Ist sie überhaupt unmodern? Muss sie modern sein? Und ist modern, wer twittert? Solche Fragen zu stellen!

Heute also versendet der Papst seinen ersten Tweet. Längst hat zwar nicht der Pontifex, aber sein Vatikan eine adrette Webseite in sieben Sprachen (Latein ist nicht dabei). Seit 2009 ist Benedikt XVI. auch bei Facebook – er hat immerhin 3 966 Freunde. Und fast 620 000 Menschen folgen dem Papst auf Twitter. Toll. Gemessen an 1,2 Milliarden katholischen Kirchenmitgliedern weltweit (Stand: 2010), 408 000 Priestern und 815 237 Ordensleuten (Stand: 2009) sind das allerdings erschreckend wenige. Kann es sein, dass der Hirte moderner als seine Schäfchen ist? Oder ist Twitter einfach überschätzt? Kann auch sein.

Twitter ist praktisch

Sicher ist nur: Der Papst twittert, weil Twitter ein praktisches Medium ist. Es gibt keine Gründe, warum er es nicht nutzen sollte; der Vatikan hat einen eigenen Radio- und Fernsehsender, auch eine eigene Zeitung, und jetzt verschickt der Papst eben Tweets. Dass er sich am üblichen Privatnachrichtengebimmel wie „Bin aufgestanden, hab’ Kaffee gemacht“ beteiligt, ist allerdings unwahrscheinlich. Der Katholische Erwachsenenkatechismus – in dem nachzulesen ist, was der rechte katholische Glaube und das gute katholische Leben ist – empfiehlt, man möge Massenmedien „maßvoll“ nutzen.

Daran wird sich gewiss der Papst halten, abgesehen davon, dass es die Würde seines Amtes zu schützen gilt. Er wird sich folglich per Twitter vornehmlich Fragen des Glaubens widmen, in 140 Zeichen seinen Segen erteilen und so seine Nähe zu den Gläubigen signalisieren. Der Medienberater des vatikanischen Staatssekretariats, Greg Burke, ließ außerdem wissen, die Twitter-Präsenz des Papstes drücke die Überzeugung aus, dass die Katholische Kirche in der digitalen Arena gegenwärtig sein müsse.

Nicht noch einen Medienwandel verschlafen

Das ist der entscheidende Punkt. Denn die Katholische Kirche hat schon einmal einen Medienwandel verschlafen, mit gravierenden Folgen: Martin Luther und die Seinen haben der Reformation keineswegs nur mit steilen theologischen Thesen zum Erfolg verholfen, sie wussten vor allem den damals aufkommenden Buch- und Flugblattdruck für ihre Zwecke zu nutzen. Und als man in Rom endlich verstanden hatte, was ein Mönch in der deutschen Provinz mit Hilfe das neue Mediums vermag – war es zu spät.

Das ist 500 Jahre her, der Schock sitzt der Katholischen Kirche noch immer in den Knochen. Man will nicht wieder die Chancen eines Mediums verpassen. Deshalb twittert der Papst. Und weil er glaubt, dass auch per Twitter die Frohe Botschaft des Evangeliums bleibt, was sie für ihn immer war: weder modern noch unmodern, sondern erfüllend.