Delegierte stimmen beim Parteitag (30.11.19) der AfD in Niedersachsen, Braunschweig ab.
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Berlin In den 1990er-Jahren gab es wenige Experten zum Thema Rechtsextremismus. Damals galt die Beschäftigung damit als Nestbeschmutzerei im Osten und als Einzelfallerei im Westen. Die wenigen, die im Feld unterwegs waren, lokale und regionale Erhebungen machten, mit Leuten sprachen, diese wenigen Experten– zu denen unter anderen Bernd Wagner, Dierk Borstel und ich gehörten – mussten sich allerlei anhören. Es hieß, wir wären das Problem.

Weil dadurch, dass man über Rechtsextremismus redete, schlafende Hunde geweckt würden. Die „Westmedien“, wie die „Lügenpresse“ damals noch hieß, würde dann herbeieilen und falsch berichten. Dadurch erlitte die Region einen Imageschaden. Dadurch würden Touristen oder Industrie ausbleiben, dadurch gingen Arbeitsplätze verloren und so würden die Menschen natürlich und zwangsläufig rechtsradikal. So klar. So logisch. So falsch.  

Umfrage zeigt hohen Anteil an Rechtsextremismus

Auf etwa 30 Prozent hatten wir damals das rechtsextreme Potenzial geschätzt. Belastbare Zahlen waren rar, denn eine vergleichende Einstellungsforschung gab es noch nicht. Nach der Einheit wurde alles beforscht und verglichen, vom Verhältnis zu Haustieren, der Benutzung von wichtigen Haushaltsgütern wie Streichhölzer oder der Häufigkeit weiblicher Orgasmen. Vorurteilsforschung kam nicht vor, wieso auch? Im Land der Shoa war ja mit der Einheit alles gut geworden. Damals wählten die Rechtsextremen nicht, später vielleicht die NPD oder DVU.

Und die weniger militanten Zuschauer in jenen Baseballschlägerjahren wählten halt, was da war. Nicht nur die Bürgerlichen wie CDU und FDP, mitunter SPD, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil auch die PDS, später Linkspartei. Die Parteien hat es aus verschiedenen Gründen nicht gestört. Oder sie haben die schlafenden Hunde einfach ignoriert. Heute zeigt eine Forsa-Umfrage, wie rechtsradikal die Gesinnung der AfD-Wähler ist. Eine Mehrheit von ihnen will keine Demokratie, sondern einen Führer.

Völkischer Charakter kommt zum Vorschein

Sie sind überzeugt, dass Juden immer nur Geld wollen und meinen, es sei Zeit für einen Schlussstrich. Sie sehen den Sieg der Alliierten als eine furchtbare Niederlage und keineswegs als Befreiung. Sie fühlen sich von „Ausländern“ überfremdet und stimmen rechtsextremen Parolen zu. Und schließlich: Die allermeisten Holocaustleugner in Deutschland stehen der AfD nahe. Die AfD hat einfach alle eingesammelt, die schon immer völkisch gestimmt waren. Im Völkischen liegt der gemeinsame Nenner.

Trotz einzelner Bekundungen des Gegenteils geht der Zug der AfD in diese Richtung. Neue Gesichter an der Parteispitze ändern daran nichts. Die Formulierung der AfD als bürgerliche Partei kann, trotz ihrer mechanischen Wiederholungen, den völkischen Charakter dahinter nicht verbergen. Björn Höcke mag sich beim Parteitag zurückhalten, aber es ist nur ein wissendes und süffisantes Abwarten.  

Mit Völkischen zu reden bringt gar nichts. Sie sind von ihrer Besessenheit nicht abzubringen. Immerhin wissen nach fast 30 Jahren nun alle, dass es sich tatsächlich nicht um Einzelfälle handelt. Und von Beschmutzung ist auch keine Rede mehr – diese Leute sind inzwischen sogar stolz auf ihre braunen Nester. Die liberalen Demokraten und die offene Gesellschaft haben keine Zeit mehr für Verständnis und träumerisches Abwarten. Die Hunde schlafen längst nicht mehr.