Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Sommerpressekonferenz. 
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Berlin - Natürlich wurde sie am Freitag auch danach gefragt, sogar gleich am Anfang. Schließlich ist es ja derselbe Ort, und dann ist es diesmal auch noch ein runder Jahrestag. Fünf Jahre ist es her, da sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz vor der Hauptstadtpresse den mittlerweile so viel zitierten wie legendären Satz: „Wir schaffen das.“ Er fällt eher beiläufig, als Bestärkung des vorangegangenen, der lautete: „Wir haben so vieles geschafft.“ Merkel will damit Mut machen, vielleicht sogar sich selbst ein bisschen, aber in der Situation lässt nichts darauf schließen, dass sie dem Appell selbst eine besondere Bedeutung beimisst.

Das war am 31. August 2015. Wenige Tage später durften syrische Flüchtlinge unregistriert aus Ungarn einreisen. Ein humanitärer Akt, denn Ungarn hatte die Hilfesuchenden zuvor weitgehend sich selbst überlassen. Doch schon zwei Wochen später musste sich die Kanzlerin dafür rechtfertigen. Sie tut es mit einem Satz, der sehr viel eindrucksvoller ist als der berühmt gewordene: „Wenn wir uns jetzt noch entschuldigen müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Es klingt emotionaler, eigentlich auch authentischer als der Mut-mach-Wir-schaffen-das-Satz. Schon merkwürdig, dass dieses zweite Statement mehr oder weniger untergegangen ist.

„Wir schaffen das“ aber ist zu einer Ikone geworden. So nennt es der Soziologe Armin Nassehl von der Universität München. Eine Ikone ist ein Bild, das symbolhaft für etwas Größeres steht. Der Satz „Wir schaffen das“ ist also ein Symbol für die Flüchtlingspolitik schlechthin geworden. Dabei war er doch eher Selbstverständlichkeit. Das Gegenteil zu behaupten wäre eine Sensation gewesen. Aber dass die Deutschen mit der Zahl der ins Land kommenden Flüchtlinge fertig werden, selbst wenn sie die Millionenmarke übersteigt – das anzunehmen ist doch nun wirklich nicht allzu vermessen.

Coronavirus verdrängt Flüchtlingsthematik

Dennoch hat die Gewissheit viele provoziert. Wie kommt die Kanzlerin dazu, uns das aufzubürden? Das war die Reaktion, die sie damit eben auch hervorrief. Die AfD hat auf diesen Frust den Großteil ihrer Kampagne gesetzt, die sie in die Länderparlamente und letztlich auch in den Bundestag brachte. Ihr langjähriger Vorsitzender Alexander Gauland wandelte den Satz in sehr ehrlicher Weise ab: „Wir wollen das gar nicht schaffen“, sagte er und machte damit das destruktive Potenzial der AfD geradezu entlarvend deutlich.

Fünf Jahre später nun sitzt die Kanzlerin wieder vor den Journalistinnen und Journalisten, denen sie diesen Satz gesagt hat. Über Flüchtlinge wird in diesen Tagen nicht mehr sehr viel diskutiert. Das Coronavirus hat alles andere in den Hintergrund gerückt. Warum sie „Wir schaffen das“ nicht auch in der Pandemie gesagt hat?, will eine Journalistin wissen und fragt auch gleich noch danach, ob der Satz letztlich sie geschafft habe.

Die Antwort von Angela Merkel fällt so nüchtern aus, wie man es von ihr kennt. „Ich sitz ja noch hier“, sagt sie. „Geschafft hat mich also nichts.“ Sie gibt aber zu, dass sie vieles gefordert habe. Sie habe schon früher gesagt, dass sich dieser Satz für ihren Geschmack ein bisschen zu sehr verselbstständigt habe. „Aber wir haben seitdem auch sehr viel geschafft.“