Berlin - Sie fliehen vor Not, Angst und politischer Verfolgung. Zu Millionen sehen sich Menschen auf der ganzen Welt gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Vor allem aus den Krisenregionen in Afrika und dem Nahen Osten versuchen viele, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen – oft verlieren sie dabei ihr Leben. Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. Wir sprachen mit dem Nationalen Direktor der UNO-Flüchtlingshilfe, Peter Ruhenstroth-Bauer. 

Berliner Zeitung: Herr Ruhenstroth-Bauer, worauf liegt beim diesjährigen Weltflüchtlingstag der Fokus?

Peter Ruhenstroth-Bauer: Uns als UNO-Flüchtlingshilfe ist wichtig, beispielsweise über unsere Kampagne #withrefugees darauf aufmerksam zu machen, dass die mehr als 80 Millionen Menschen auf der Flucht nicht nur eine unvorstellbare Zahl sind, sondern dahinter Schicksale Einzelner stehen. Das müssen wir mehr denn je deutlich machen und Gesicht zeigen. Unsere Aufgabe ist es, laut zu sein, damit der Schutz und die Hilfe für Geflüchtete eine Selbstverständlichkeit wird – denn keiner flieht freiwillig.

Wie weit sind wir von dieser Selbstverständlichkeit entfernt?

Die gute Nachricht ist, dass unsere Willkommenskultur weiterhin existiert, auch wenn öffentlich nicht mehr so viel darüber gesprochen wird. Als nationaler Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) mobilisieren wir die Menschen täglich, um UNHCR-Projekte finanziell zu unterstützen und um damit Projekte für Geflüchtete in Deutschland zu fördern. Und daher kann ich nur sagen: Es gibt sehr viele Menschen in Ost-, West-, Nord- und Süddeutschland, die sich für Flüchtlinge engagieren. Wir haben 2020 mit 1,8 Millionen Euro allein 83 Initiativen in Deutschland unterstützt. Dabei sind unter anderem Ärzte und Psychologinnen, die sich ganz besonders um traumatisierte Kinder und Jugendliche kümmern. Das ist besonders wichtig, denn mehr als die Hälfte der Geflüchteten kommt traumatisiert in Deutschland an. Nach geltendem Recht haben sie erst nach 15 Monaten ihres Aufenthalts die Möglichkeit, sich deshalb behandeln zu lassen. Das ist viel zu spät. Darum unterstützen wir Psychosoziale Zentren, die solche Leistungen auch schon vorher erbringen.

Spenden die Menschen seit Corona weniger an Hilfsorganisationen?

Nein, das Spendenvolumen bei uns ist gestiegen: Im vergangenen Jahr waren es 41 Millionen Euro. Unser Ziel sind 82,5 Millionen Euro, das wäre für jeden Deutschen ein Euro im Jahr.

Was müssen Politik und Zivilgesellschaft tun, um die Menschen hier bei uns in Deutschland mitzunehmen, die skeptisch geworden sind und die Aufnahme weiterer Flüchtlinge ablehnen?

Ich wünsche mir ein noch stärkeres Engagement für Menschen, die bei uns Schutz suchen. Die zum Teil sehr emotionale, ja vergiftete öffentliche Debatte muss versachlicht werden. Von den 80 Millionen Geflüchteten leben lediglich drei Millionen in Europa. Andere, viel ärmere Länder wie Bangladesch oder Uganda, schultern deutlich mehr. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Flüchtlinge keine nationale, sondern eine internationale Aufgabe sind. Die Politik wird dem nur dann gerecht, wenn sie die Flüchtlingsproblematik global löst. Die stellvertretende UNHCR-Hochkommissarin, Gillian Triggs, hat bei den EU-Innenministern deutlich gemacht, dass wir uns als Europäer einigen müssen, wie wir jetzt die Aufnahme von Flüchtlingen regeln. Ich finde, das ist ein wichtiger Hinweis, den eine humanitäre Organisation geben kann. Handeln muss die Politik, denn die Fluchtbewegungen reißen nicht einfach ab.

Uno/Jim Rakete
Peter Ruhenstroth-Bauer ist seit 2017 Geschäftsführer der Uno-Flüchtlingshilfe.

Hat Corona die Lage für Flüchtlinge weltweit verschlimmert?

Die Situation hat sich verschärft. Menschen auf der Flucht sind nicht nur anstrengenden und manchmal lebensbedrohlichen Herausforderungen ausgesetzt, sondern es kommt auch noch die Pandemie hinzu. Nach wie vor fehlt es an Impfstoff in den Flüchtlingslagern, die Menschen dort können sich kaum an die Abstands- und Hygieneregeln halten, weil sie auf engstem Raum zusammenleben und es oft an Wasser fehlt – allein, um sich die Hände zu waschen. Uns ist es wichtig, dass die Menschen dort schnellstmöglich einen umfassenden Impfschutz erhalten. Sie dürfen nicht vergessen werden. Das Virus macht nicht an einem Zaun halt. Es geht um den Schutz für uns alle.

Werden in Zukunft Menschen auch wegen Pandemien fliehen?

Das ist gut möglich. Die Gründe zur Flucht haben sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Überall auf der Welt müssen Menschen beispielsweise aufgrund von klimatischen Veränderungen und Naturkatastrophen ihr Zuhause verlassen. Die Lebensgrundlage fehlt, weil der Regen ausbleibt und die Felder verdorren. Konflikte entstehen, weil Ressourcen knapper werden. Die ärmeren Staaten, in denen die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen dann Aufnahme gefunden haben, wenn sie nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihr Heimatland verlassen mussten, sind zudem besonders vom Klimawandel betroffen.

Und welche Lösung haben Sie?

Gleich zwei: Wir können als Einzelpersonen die Arbeit des UNHCR unterstützen. Und als Gesellschaft können wir unsere Solidarität mit den Geflüchteten weltweit zeigen und damit den Druck erhöhen, dass etwa die Länder, die die Hauptlast der Fluchtbewegungen schultern, stabilisiert und unterstützt werden.