Thilo Cablitz, Pressesprecher der Berliner Polizei.
Foto: Christian Schulz

BerlinEs gibt verschiedene Möglichkeiten, auf Rassismus und Ausgrenzung zu reagieren. Man kann aufbegehren, bitter werden, resignieren. Man kann die Kränkungen weglächeln. Oder so tun, als ob es sie nicht gäbe.

Thilo Cablitz hat einen anderen Weg gewählt, um mit seinen Erfahrungen umzugehen. Er ist 42 Jahre alt. 42 – das ist auch die Anzahl der Jahre, die er bisher Zeit dafür hatte, einen Umgang mit Ausgrenzung einzuüben. Seit seiner Geburt also. So kann man vielleicht formulieren. Er hat nichts akzeptiert. Er hat eine Sensibilität für rassistische Aussprüche, Verhaltensweisen und Strukturen entwickelt. Aber er wirkt nicht wütend. Eher nachdenklich. Darüber hinaus hat er gerade den Wunsch in sich entdeckt, über seine Erfahrungen zu sprechen, damit sich etwas ändert. Damit Hautfarbe und Herkunft weniger wichtig werden und Kinder – auch seine beiden eigenen – und Jugendliche weniger bittere Erfahrungen damit machen müssen.

Thilo Cablitz ist der oberste Sprecher der Berliner Polizei. Und er ist schwarz. Seine Haut ist nicht sehr dunkel, aber doch so, dass Cablitz auf eine gehörige Portion an Ausgrenzung zurückblicken kann. Er ist einer von ganz wenigen schwarzen Polizisten in Deutschland. Dass er über das Thema Rassismus und das, was er erlebt hat, spricht, ja sogar versucht, eine Debatte darüber zu befördern, macht ihn interessant.

An einem besonders heißen Tag im August treffen wir ihn in den historischen Gemäuern am Platz der Luftbrücke, in denen das Polizeipräsidium des Landes Berlin untergebracht ist. Drinnen zwischen den dicken Steinmauern ist es erstaunlicherweise nicht viel kühler als draußen, nur im kleinen Konferenzsaal herrscht Eiseskälte. Eine Temperatur, die überhaupt nicht zum Gesprächsinhalt passt. Schließlich geht es um ein Thema, das in vielerlei Hinsicht von Gefühlen dominiert wird.

Es war die „Black Lives Matter“-Demonstration Anfang Juli in Berlin, die etwas in Thilo Cablitz bewegt hat. George Floyd, ein schwarzer arbeitsloser Lastwagenfahrer und Wachmann, war in den USA minutenlang unter dem Knie von Derek Chauvin, einem weißen Polizisten, festgehalten worden und daran gestorben. Weltweit gingen daraufhin Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu protestieren. In Berlin 15.000. Aber gesprochen wurde am Ende zumindest in Deutschland nicht über rassistische Tendenzen und Übergriffe, sondern über Hygienevorschriften und mangelnde Abstände in Corona-Zeiten. Ein bisschen ging es noch um Polizeigewalt im Allgemeinen. Aber da die Dinge aus den USA in dieser Hinsicht nicht annähernd übertragbar sind, war’s das dann auch schon. „Das Thema Rassismus ging unter. Das hat mich total geärgert. Ich dachte, das funktioniert so aber nicht. Da muss man was ordnen und sortieren. Ich hab’s einfach nicht mehr ausgehalten“, sagt Thilo Cablitz. Man könne auch nicht immer nur in Polen und Extremen denken und die Menschen fortwährend einsortieren: alle Schwarzen, alle Polen, alle Juden, alle …

Er könnte die Liste endlos fortsetzen. Aber das würde ja auch nichts ändern. Cablitz will aber etwas verändern.

Harmlos erst mit Uniform

Cablitz schrieb einen Gastbeitrag, den der Spiegel veröffentlichte. Er hat sich darin mit den Klischees auseinandergesetzt, die ihm im Verlauf seines Lebens begegneten. Er war: der kleine süße Schokoladenkopf, dem man in der Grundschule durch die Locken wuschelte. Der heranwachsende Unruhestifter, den Nachbarn misstrauisch beäugten. Der mutmaßliche Ladendieb, den der Kaufhausdetektiv zur Rede stellte.

Durch seinen Eintritt in die Polizei drehte sich die ganze Sache dann um, in genau die entgegengesetzte Richtung. Er zog die Uniform an und wurde unsichtbar. Nicht wirklich, natürlich. Es muss sich aber so angefühlt haben. Cablitz ging mit seiner Uniform in einer Gruppe von Polizisten auf und wurde nicht mehr als Schwarzer wahrgenommen. Harmlos erst mit Uniform. Alle Erfahrungen, die er erlebt und erlitten hatte, waren wie weggewischt. Manchmal mutierte er dann allerdings auch zu einer anderen Art Bösewicht. Das fand er besonders bizarr. Menschen, die er kontrollierte, festnahm oder zurechtwies, nannten ihn einen Nazi. Er war in ihren Augen ein willenloses Machtwerkzeug eines faschistischen Repressionsapparats. So jedenfalls beschimpften sie ihn. So berichtet es Cablitz.

„Bizarr“, das ist der Begriff, den Thilo Cablitz für diese Erlebnisse und seine widersprüchlichen Erfahrungen immer wieder verwendet. Bizarr ist, wie Leute ihm auf dem Bürgersteig nervös entgegenblicken, wenn er keine Uniform trägt. Wie sie dann die Straßenseite wechseln, weil sie, so vermutet er jedenfalls, Angst haben, von ihm überfallen zu werden. Dabei wären sie auf seiner Seite der Straße ja viel sicherer, findet er. „Wenn die wüssten, dass ich mein Leben dafür geben würde, sie zu beschützen. Das ist bizarr. Und es trifft mich“, sagt er. Und trotzdem versuche er jedes Mal, die Menschen und ihre Motive zu verstehen.

Thilo Cablitz ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seine Mutter ist ebenfalls Berlinerin. Sein Vater stammt aus dem Sudan. Eine afrikanisch-arabisch-deutsche Welt sei das gewesen, in der er aufwuchs, sagt er. Hautfarben waren in seiner Erinnerung in der Kindheit noch nicht Unterscheidungsmerkmale, sondern unterschiedlich, weil das vollkommen normal war.

Möglicherweise hat er die Dinge als Kind aber auch nur nicht so genau verstanden. Seine Mutter muss besorgt gewesen sein. Sie hat seinen Namen ändern lassen, als er in die Schule kam. Den Vor- und auch den Nachnamen. Deutsch sollten sie klingen. Und seine Mutter erzählte ihm, wie sie ihn einmal vor dem Spiegel beobachtete, als er sich als kleiner Junge darin anschaute. Er habe das Gesicht hin und her gedreht und mit sich selber gesprochen vor diesem Spiegel. „Ist doch alles okay. Ist doch alles gut, habe ich wohl gesagt und mich selbst bestärkt. Sie hat ganz klar gesagt, dass das meine ersten Erfahrungen waren, dass ich aufgrund meines Aussehens ausgegrenzt wurde“, sagt Cablitz. Für die Mutter muss der Anblick ihres Kindes, das sich vor dem Spiegel misstrauisch betrachtete, wie ein Tiefschlag gewirkt haben.

Vielleicht waren es solche Erfahrungen, die dazu führten, dass Thilo Cablitz unbedingt Polizist werden wollte. Vielleicht waren es auch die Begegnungen mit den Verkäufern, denen er im Teenageralter in Geschäften begegnete und die jedes Mal hinter ihm die Regale neu sortierten, um zu sehen, ob er etwas eingesteckt hatte. Oder der Gastwirt einer Pension, an den er sich erinnert, der sagte, die Familie habe ja einen Neger dabei, der sauber machen könne, als er sich über eine Verschmutzung beschwerte.

Nach solchen Erfahrungen Polizist werden? Man kommt nicht sofort darauf, wie das zusammenhängt.

„Ich wollte immer schon zur Polizei Berlin“, sagt Thilo Cablitz heute. Anfangs sah es nicht so aus, als ob das klappen könnte. Er hatte viele Fehlzeiten in der Schule. Aufgrund eines Betreuungsfalls in der Familie, sagt er. Er verließ die Schule. Mittlere Reife. Anschließend eine Ausbildung zum Technischen Zeichner. Das Abitur nachgeholt. Und dann doch den Wunschtraum erfüllt. „Ich war Idealist. Wollte beschützen und aufpassen. Ein bisschen die Welt verbessern.“ Er ist davon überzeugt, dass fast alle Polizisten mit solchen Ambitionen ihr Berufsleben beginnen. Schmerz und Gewalt, Unfälle, Suizide, Tötungsdelikte, die dann einen großen Teil der Realität ausmachen, veränderten die Perspektive für manche dann später, sagt er.

Rassismus ist kein weißes Phänomen. Das weiß Thilo Cablitz auch. Schon durch seinen Vater. Er hat sich mit den vielfach rassistisch begründeten und befeuerten Konflikten und mit den ethnischen Säuberungen der Region, aus der dieser stammt, befasst. So ist es hierzulande nicht. Und trotzdem. Schwarze handeln mit Drogen! Wer hat diesen Satz noch nicht gehört. „Ja, in der Evolution hatten Vorurteile Vorteile. Achtung, da kommt ein Löwe, lass uns rennen, dann noch mal nach dem Löwen gucken und doch gefressen werden. Aber darüber sind wir doch hinaus. Man kann an Vorurteilen arbeiten und sie reflektieren. Schwarze dealen. Man kann auch sagen, da hab ich andere Erfahrungen“, sagt Cablitz.

Was macht man nun aber mit der älteren Dame, die sich nicht mehr traut, Straßenbahn zu fahren, weil so viele bunte Leute drin sitzen? Thilo Cablitz findet es gut, dass er für diesen Fall eine Uniform trägt. Schon sein Anblick trage dazu bei, die ältere Dame zum Nachdenken anzuregen. Sich zusammensetzen, Menschen zusammenbringen, um etwas zu verändern, das gefällt ihm. Vorurteile abbauen. Das sei natürlich nicht nur Aufgabe der Polizei.

Besser sein als die anderen

Thilo Cablitz hat sich im Lauf seines Lebens wahrscheinlich mehr bemüht, als er es mit einer weißen Haut nötig gehabt hätte. Bei der Polizei hatte er das Gefühl, etwas Besonderes leisten zu müssen, wenn er dazugehören wollte. Besser sein zu müssen als die anderen. Die Identität zurückstellen. Da ist die Haut, da ist die Farbe der Augen. „Man muss ein ganz klares Zeichen senden, damit die guten Jungs auch erkennen, dass ich einer von den Guten bin. Es geht nicht um Mitleid“, sagt er.

Heute ist er an einem anderen Punkt. Steigt in Diskussionen ein. Freut sich, wenn er sieht, dass Menschen ihr Weltbild reflektieren.

Über Rassismus wird in Deutschland seit Jahren diskutiert. Es gibt unzählige Studien zum Thema Alltagsrassismus. Es wird über Racial Profiling debattiert, auch bei der Berliner Polizei. Es gibt Fortbildungen. Die Polizei hat sich sozialwissenschaftlich begutachten lassen und mit Amnesty International zusammengearbeitet. Zweieinhalb DIN-A4-Seiten fülle die Auflistung all der Initiativen, sagt Cablitz. Und trotzdem gibt es auch unter den Kollegen manchmal Äußerungen, bei denen er schlucken muss.

Gerade ist der Staat in der Phase, überall neue Regelungen zu schaffen und Ansprechpartner bereitzuhalten. Berlin etwa hat ein neues Antidiskriminierungsgesetz. Thilo Cablitz findet es gut. Dass es jetzt eine unabhängige Ombudsstelle gibt zum Beispiel, an die man sich wenden kann, sei doch toll. Auch wenn das Grundgesetz ja schon immer auch für Polizisten galt. Jetzt gibt es ein neues Instrument, mit dem Leute, die sich diskriminiert fühlen, mit der Polizei ins Gespräch kommen können.

Der Gastbeitrag im Nachrichtenmagazin in diesem Sommer war für Thilo Cablitz das erste Mal, dass er sich mit dem Thema Rassismus öffentlich zu Wort meldete. Er tut das jetzt öfter. Er hat positive Erfahrungen damit gemacht. Viele Menschen haben ihm gesagt, dass sie sein Auftreten gut und mutig finden.

Und dann gab es da aber auch noch diese eine Zuschrift. Der Schreiber gratulierte Cablitz und bemerkte dann, Cablitz sei doch ein gutes Beispiel, dass Integration eben doch klappt. „Da war ich sprachlos. Die Botschaft ist irgendwie nicht angekommen. An welcher Stelle musste ich denn integriert werden?“, sagt Cablitz. Man kann es auch so sagen: Es bleibt noch einiges für ihn zu tun.