Gesichter des Terrors: Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sind die führenden Köpfe der Roten Armee Fraktion, die sich 1970 gründet. Die hier abgebildeten RAF-Mitglieder werden zwischen 1972 und 1974 festgenommen.
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Im Garten des „Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen“ an der Miquelstraße in Dahlem zeigt sich der Frühling von seiner schönsten Seite. Blumen blühen und Vögel zwitschern. Und über dem Idyll blaut ein wolkenloser Himmel mit einer wärmenden Sonne.

Im Lesesaal im Erdgeschoss des Instituts sitzen vier Personen: ein Strafgefangener und eine Journalistin sowie zwei bewaffnete Wachtmeister. Der Häftling heißt Andreas Baader, die Frau Ulrike Meinhof. Auf ihrem Tisch stapeln sich Bücher. Die beiden rauchen eine Zigarette nach der anderen. Gleich fallen Schüsse.

Was sich am Vormittag des 14. Mai 1970 in West-Berlin ereignet, ist der Anfang eines Schreckens, der die Bundesrepublik fast drei Jahrzehnte in Atem hält – und der auch die Staatssicherheit der DDR auf den Plan ruft.

Weißt du Mutter, in einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung.

Andreas Baader

Jener Tag im Mai 1970 nimmt drei Jahre zuvor in West-Berlin Anlauf. Am 2. Juni 1967 demonstrieren Tausende Menschen gegen den Besuch von Schah Mohammad Reza Pahlavi. Die Proteste richten sich auch gegen die USA, die das autoritäre Schah-Regime unterstützen – und die in Vietnam Krieg führen.

Gegen die Demonstranten gehen die Polizeikräfte zunehmend rücksichts- und kopflos vor. Ein friedlich protestierender Student kommt dabei zu Tode: Der 26-jährige Benno Ohnesorg wird von Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen. Der Tod Ohnesorgs ist Auslöser für die Jugendrevolte und die Radikalisierung der Studentenbewegung in Westdeutschland.

Erst im Jahr 2009 wird öffentlich bekannt, dass Kurras von 1955 bis mindestens 1967 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR war.

Polizeigewalt kennt auch Andreas Baader. Fünf Jahre vor dem Tod Ohnesorgs, im Juni 1962, erlebt er die „Schwabinger Krawalle“. Sie sind Folge des Versuchs von Polizisten, fünf Straßenmusiker wegen Lärmbelästigung festzunehmen. Es sind schließlich 400 Personen, die in Gewahrsam genommen werden.

Zu seiner Mutter soll Baader gesagt haben: „Weißt du Mutter, in einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung.“

Der Publizist und RAF-Experte Butz Peters („Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF“, Berlin 2004) mutmaßt, dass dieses Erlebnis den damals 19-jährigen Baader nachhaltig beeinflusst habe.

Die Brandanschläge von Baader & Co. auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main am 2. April 1968 verursachen nur Sachschaden, aber sie markieren den ersten Schritt in den Terrorismus.
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Als Schüler gilt Baader als begabt, aber undiszipliniert und gewalttätig. Das ändert sich auch später nicht, Autoritäten lehnt er ab: Er macht keine Berufsausbildung, er macht – aus Prinzip – keinen Führerschein, er stiehlt Autos für Spritztouren. In West-Berlin, wohin er 1963 zieht, jobbt er als Bauarbeiter, versucht sich als Boulevardjournalist.

Der junge Baader, der sich vom Leben treiben lässt, bekommt 1967 Kontakt zur Studentenbewegung, zu den Kommunarden, zur Außerparlamentarischen Opposition (APO) – und zu Gudrun Ensslin. Die Studentin an der Freien Universität (FU) Berlin rechtfertigt später ihren Schritt in den Terror mit den Worten: „Wodurch? Schah – Kurras – Ohnesorg, das ist jedenfalls die kürzeste Erklärung, die ich geben kann.“

Ein politisches Schwergewicht ist Baader nicht, aber ein charismatisches. Und er, der sich eine bisexuelle Aura gibt, wirkt auf Frauen und Männern gleichermaßen. Die Meinungen über ihn sind gespalten: Die einen halten ihn für einen selbstverliebten Spinner, die anderen für einen selbstlosen Strategen.

Für Baader selbst zählt nur der Traum von Freiheit. Und frei sein könne nur, sagt er, wer in der Illegalität lebe. Seine Schlussfolgerung: „Die Illegalität lernt man nur in der Illegalität.“

So schreitet er am 2. April 1968 zur Tat: Er legt mit Gudrun Ensslin und zwei weiteren Gesinnungsgenossen in zwei Kaufhäusern in Frankfurt am Main Feuer – nach eigener Aussage aus Protest gegen den Vietnamkrieg.

Bei einem Brand in einem Kaufhaus in Brüssel im Mai 1967 waren 251, nach anderen Angaben 323 Menschen ums Leben gekommen. Die Berliner Kommune 1 feierte die Katastrophe, die, wie sich später herausstellte, auf einen Unfall zurückzuführen war, in mehreren Flugblättern als antiimperialistisches Fanal: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europäischen Grossstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“ Und fragte fordernd: „Wann brennen in Berlin die Kaufhäuser?“

Von Revolution reden heißt, mit dem Pazifismus aufgehört zu haben.

Ulrike Meinhof

Es entsteht bei den Brandanschlägen in Frankfurt nur Sachschaden, doch die Brandstiftung markiert den Schritt vom Spaßprotest zur Gewalttat.

Worüber Gesinnungsgenossen nur theoretisieren, das haben Baader, Ensslin & Co. praktiziert: die revolutionäre Tat. Und mit ihr soll es weitergehen.

Das Gerede von Veränderung, von einer besseren, einer gerechten Welt hat auch Ulrika Meinhof satt, ihr Geschreibe darüber ebenso. „Von Revolution reden heißt, es ernst zu meinen“, schreibt die Journalistin im Juni 1968. „Von Revolution reden heißt, mit dem Pazifismus aufgehört zu haben.“ Zeit, „an die Arbeit“ zu gehen.

Für Baader ist es im Frühjahr 1970 an der Zeit, in West-Berlin ins Gefängnis zu gehen. Baader (27), Gudrun Ensslin (29), Thorwald Proll (28) und Horst Söhnlein (26) waren wegen der Brandstiftung in Frankfurt zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach verworfener Revision trat nur Söhnlein seine Strafe. an. Die anderen drei tauchten unter. Am 4. April 1970 wurde Baader festgenommen. Seine Kampfgenossen fassen den Entschluss, ihn zu befreien.

Es scheint jedoch ausgeschlossen, Baader aus der Haftanstalt in Tegel zu holen. Also wird dieser Plan erdacht: Baaders Anwalt Horst Mahler bittet den Anstaltsleiter, seinem Mandanten zu gestatten, in der Bibliothek des „Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen“ für ein Buch über die „Organisation randständiger Jugendlicher“ recherchieren zu dürfen.

Nachdem der Verleger Klaus Wagenbach einen Autorenvertrag aufgesetzt hat, ist Justizoberinspektor Roland Deber überzeugt: Das Buchvorhaben sei „dem beruflichen Werdegang Baaders förderlich“.

Baaders Befreiung verläuft nicht glatt

14. Mai 1970, kurz vor 11 Uhr. Im Vorraum des „Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen“ an der Miquelstraße 83 (heute befindet sich das Institut an der Bernadottestraße 94) erheben sich zwei Besucherinnen von ihren Stühlen, gehen zur Eingangstür und öffnen sie einen Spalt. Ein Mitarbeiter des Instituts, der 62-jährige Georg Linke, macht sich auf, die Tür wieder zu schließen.

Bei der Anmeldung in der Bibliothek haben die beiden Frauen angegeben, sie kämen vom Gerichtsmedizinischen Institut der FU und suchten Material über Jugendkriminalität. Sie haben gelogen.

Zwei Maskierte stürmen plötzlich durch die Eingangstür des Instituts: ein Mann und eine Frau, er hält eine Pistole mit Schalldämpfer in der Hand, sie ein Kleinkalibergewehr. Als der Institutsmitarbeiter Georg Linke versucht zu flüchten, schießt der Maskierte. Linke, lebensgefährlich verletzt, gelingt es noch, sich in sein Zimmer zu schleppen und die Tür abzuschließen.

Die Medizinstudentin Ingrid Schubert (25) und die Schülerin Irene Goergens (19), die die Maskierten eingelassen haben, ziehen eine Maschinenpistole und eine Pistole. Während die maskierte Frau (Gudrun Ensslin) das Institut verlässt, um den Fluchtweg zu sichern, stürzen Schubert und Goergens mit dem maskierten Mann (eine noch heute unbekannte angeworbene Person) in den Lesesaal und brüllen: „Überfall! Hände hoch, oder wir schießen!“

Andreas Baader und Gudrun Ensslin feixen auf der Anklagebank vor ihrer Verurteilung zu drei Jahren Zuchthaus wegen ihrer Brandanschläge in Frankfurt am Main am 31. Oktober 1968. Während des Revisionsverfahrens tauchen sie unter. Baader wird am 4. April 1970 festgenommen – und 40 Tage später befreit.
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Einer der Wachtmeister springt von seinem Stuhl auf den Maskierten zu. Der schießt. Ladehemmung, Gerangel. Dem Wachtmeister gelingt es, seine Dienstpistole zu ziehen. Der Maskierte ist schneller. Aus seinem Mantel hat er eine Tränengaspistole gefingert und schießt seinem Gegenüber zweimal ins Gesicht.

Die beiden Frauen kämpfen mit dem zweiten Wachtmeister. Es gelingt ihnen, ihn mit einem Faustschlag ins Gesicht und dem Wurf eines Stuhls vors Schienbein kurz außer Gefecht zu setzen.

Den drei Angreifern gelingt es, aus dem Fenster in den Garten zu springen und zu flüchten. Kurz zuvor haben Andreas Baader und Ulrike Meinhof auf demselben Weg das Weite gesucht. Zwei Autos stehen bereit. Und weg sind sie.

Eine Großfahndung wird eingeleitet. Alle Grenzübergangsstellen zur DDR und die Flughäfen Tempelhof und Tegel werden kontrolliert. Es gibt  Hausdurchsuchungen.

Laut Plan sollte Ulrike Meinhof (35) nicht mitfliehen. Sie entschied anders. Jetzt wird sie wegen Mordversuchs gesucht. Für Hinweise auf ihre Ergreifung verheißen Fahndungsplakate eine Belohnung von 10.000 D-Mark.

Die „Baader-Meinhof-Gruppe“ oder auch „Baader-Meinhof-Bande“ bleibt unauffindbar – zwei Jahre lang.

Ulrike Meinhof nimmt Kontakt zur Stasi auf

Die Befreiung Baaders stößt in der linksradikalen Szene überwiegend auf Ablehnung. Zum einen ist Baader wenig bekannt, zu anderen ist ein Mensch angeschossen worden, ein Mensch, der nichts anderes getan hatte, als zu versuchen, sich in Sicherheit zu bringen (zwei Wochen lang schwebt Georg Linke in Lebensgefahr). Außerdem fürchten viele eine Kriminalisierung der Szene.

Die Furcht ist begründet. In der linksradikalen Berliner Stadtzeitung „Agit 883“ meldet sich die Gruppe am 5. Juni 1970 zu Wort. „Die Baader-Befreiungs-Aktion haben wir nicht intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes.“ Und: „Um die Konflikte auf die Spitze treiben zu können, bauen wir die Rote Armee auf.“

Unterstützung erhofft sich diese „Rote Armee“ von der DDR. Im August 1970 sondiert Ulrike Meinhof, ob Ost-Berlin die Vorbereitung von Anschlägen im Westen auf seinem Territorium tolerieren würde. Meinhof wird hingehalten und darf einen Tag später nicht mehr einreisen.

Die Führung der SED teilt mit den Linksterroristen viele politische Überzeugungen, und sie hat mir ihr in der Bundesrepublik einen gemeinsamen politischen Gegner. Aber Baader, Meinhof & Co. so direkt zu unterstützen, erscheint der Partei und ihrem Ministerium für Staatssicherheit als zu riskant: Die Gruppe ist unberechenbar, und das Bekanntwerden einer Zusammenarbeit würde einen diplomatische Katastrophe nach sich ziehen.

Die Stasi konzentriert sich daher darauf, die Linksterroristen bei ihren Durchreisen in den oder vom Nahen Osten zu identifizieren und ihre Pläne zu erfahren.

Eine vor Trauer gebeugte Witwe nimmt Abschied von ihrem Mann – Norbert Schmid war das erste Todesopfer der RAF, der 33-jährige Polizeimeister wurde am 22. Oktober 1971 in Hamburg erschossen.
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Im April 1971 wendet sich die „Baader-Meinhof-Gruppe“ erstmals als „Rote Armee Fraktion“ an die Öffentlichkeit: mit der Schrift „Rote Armee Fraktion: Das Konzept Stadtguerilla“ und dem Symbol einer schwarzen Maschinenpistole auf rotem Stern. Darin heißt es: „Wir behaupten, dass die Organisation von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik Deutschland und Westberlin richtig ist, möglich ist, gerechtfertigt ist.“

Der Politologe und RAF-Experte Wolfgang Kraushaar (Herausgeber von „Die RAF und der linke Terrorismus“, Hamburg 2006; Autor von „Achtundsechzig. Eine Bilanz“, Berlin 2008) schreibt: „Im Grunde genommen war die RAF nichts anderes als eine Mischung aus rigider Polit- und einer um ihre eigene Identität kreisenden Psychosekte.“

Das Abtauchen in den Untergrund „machte aus der RAF eine ,totale Gruppe‘, der sich die einzelnen Mitglieder auf Gedeih und Verderb zu unterwerfen hatten“, analysiert Kraushaar. „Der nach den ersten bewaffneten Aktionen enorm angewachsene Verfolgungsdruck schweißte umso mehr zusammen“. Die ersten Aktionen sind Banküberfälle, es folgen Sprengstoffanschläge.

Der RAF-Terror fordert am 22. Oktober 1971 in Hamburg sein erstes Todesopfer. Beim Versuch zweier Polizisten, eine Verdächtige (Margrit Müller) festzunehmen, kommt es zu einer Schießerei, an der sich auch zwei weitere Personen (Ulrike Meinhof und Gerhard Müller) beteiligen. Der Polizist Norbert Schmid wird dabei tödlich getroffen; er hinterlässt eine Frau und zwei Töchter, 6 und 5 Jahre alt.

Die RAF ist verantwortlich für 34 Morde

Die führenden Mitglieder der RAF werden im Juni 1972 verhaftet. Einige begehen später in der Haft Selbstmord: Holger Meins stirbt im November 1974 an den Folgen seines Hungerstreiks; Ulrike Meinhof begeht im Mai 1976 Selbstmord; Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ingrid Schubert nehmen sich im Oktober 1977 das Leben.

Das ist das Ende des später so genannten „Deutschen Herbstes“, der Schlussakt der gescheiterten „Offensive 77“, mit der die RAF die Freilassung von elf inhaftierten Mitgliedern erpressen will: Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und – mit Hilfe palästinensischer Terroristen – eines Flugzeugs der Lufthansa. Die Leiche Schleyers wird einen Tag nach dem Selbstmord Baaders, Ensslins, Raspes und Schubert ermordet aufgefunden.

Der ersten RAF-Generation um Baader folgen eine zweite und eine dritte Generation.

Die Staatssicherheit der DDR gründet 1975 eine Diensteinheit zur Terrorabwehr. Die Abteilung XXII gewährt in der ersten Hälfte der 80er-Jahre aktiven RAF-Terroristen Unterschlupf bei Frankfurt/Oder, trainiert sie im Umgang mit Waffen, sorgt für die Freilassung inhaftierter Mitglieder in Osteuropa, legt für die bundesdeutsche Fahndung falsche Fährten und bietet schließlich des Kampfes müden Terroristen in der DDR eine Zuflucht.

Fast drei Jahrzehnte, bis zur ihrer Auflösung am 20. April 1998, agiert die RAF. Verantwortlich ist sie für nachweislich 34 Morde. Im Juni 2011 wird das letzte inhaftierte RAF-Mitglied freigelassen. Noch heute fahndet das Landeskriminalamt Niedersachsen nach drei mutmaßlichen früheren Mitgliedern wegen mindestens zwölf Raubüberfällen und versuchten Mordes, seit kurzem EU-weit.