Berlin - Die stellvertretende Parteivorsitzende Silvia Breher druckste bei dem Thema am Donnerstag ein bisschen herum, aber das Problem ist ja offensichtlich: Die Ära von Frauen an der Spitze der CDU geht erst einmal zu Ende. Am Sonnabend wird sich die Partei einen neuen Vorsitzenden wählen, der mit Sicherheit ein Mann mittleren Alters aus Nordrhein-Westfalen ist. Der Gewinner heißt entweder Armin Laschet oder Norbert Röttgen oder Friedrich Merz. Ob einer von ihnen seine Partei dann auch als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf führen wird, ist schon sehr viel weniger sicher.

Kurz vor der Entscheidung der wichtigen Personalie ist die Frauenförderung das geringste Problem, so scheint es. Viel wichtiger ist den meisten Politikern, die sich offiziell zu Wort melden, der Hinweis, dass die Unterlegenen sich bitte schön in die Partei eingliedern und künftig konstruktiv mitarbeiten mögen. Dass auf dieses Selbstverständlichkeit hingewiesen wird, hat natürlich auch seine Ursache in dem Grund, weswegen die scheidende Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer das Amt aufgibt. Sie hatte schlicht keinen Nerv mehr für die Sticheleien ihrer innerparteilichen Gegner.

Besonders Friedrich Merz hatte seine Niederlage nicht akzeptieren können und stetig gegen sie gearbeitet. Selbst seine Anhänger befürchten, dass nun wieder so kommen könnte, falls Merz auch dieses Mal nicht Vorsitzender wird. Sollte er es allerdings werden, ist nicht gesagt, dass die beiden anderen Mitbewerber sich widerspruchslos in die Pflicht nehmen lassen. Sie sind alle drei keine Freunde geworden in der langen, langen Zeit ihrer Kandidatur.

Was ihre inhaltliche Ausrichtung betrifft, sind alle drei während des innerparteilichen Wahlkampfes eher weniger unterscheidbar geworden. Der eine betont mal etwas mehr den Markt, der andere den Klimaschutz, aber alle drei sind sich einig, dass der nur gelingen kann, wenn die mittelständischen Unternehmen, die das Rückgrat der Bundesrepublik sind, dabei nicht pleitegehen. Entsprechend, nun ja, gleichförmig verliefen auch die die Debatten, die die Kandidaten miteinander führten.

Die Politikredaktion der Berliner Zeitung hat sie und natürlich den gesamten Wahlkampf der Kandidaten dennoch genau verfolgt. Wir haben recherchiert, bewerten und vergleichen und legen Ihnen hier – kurz bevor die Delegierten der CDU ihre Wahl treffen – eine Analyse vor, wie sich die Bewerber in wichtigen politischen und menschlichen Kriterien unterscheiden. Die Noten, die wir vergeben haben, wurden ausgiebig diskutiert und können daher als fair betrachtet werden. 

Armin Laschet

Krisentauglichkeit

Sein widersprüchliches Vorgehen in der Corona-Krise hat ihn Punkte gekostet. Erst sorgte er für Alarm („Es geht um Leben und Tod“), dann war er einer der Ersten, die nach dem Lockdown im vergangenen Jahr öffnen wollten. Auch seine Aussage zum „härtesten Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“ war eher schrill. Die Corona-Zahlen in NRW sind aber nicht höher als in Bayern. Note 3  

Frauenförderung

Bei der Frauen-Union hat er die Nase vorn. Dicht gefolgt von Norbert Röttgen. Ansonsten hat er sich nicht gerade als Feminist hervorgetan. Noch im Sommer vergangenen Jahres sorgte ein Foto für Spott, das Laschet umgeben von CDU-Kandidaten für Bürgermeister- und Landratsämter zeigt: Zu sehen sind ausschließlich Männer. Auch in seinem Kabinett herrscht kein Frauenüberschuss. Note 4  

Grünfärbung

Da ist Nachholbedarf: Beim Kohlekompromiss sorgte Laschet dafür, dass die Frist bis 2038 verlängert wurde, den von Umweltaktivisten besetzten Hambacher Forst ließ er räumen. Das Rheinische Revier ist immer noch das größte Braunkohleabbaugebiet Europas, einige Tausend Arbeitsplätze hängen an der Kohleförderung – da fühlt sich der Landesvater verpflichtet. Macht die Bilanz aber nicht besser. Note 4 

Weltgewandtheit

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr sprach Armin Laschet in einer Diskussion nach Annalena Baerbock – und wechselte nach einem Satz auf Englisch ins Deutsche. Die Grünen-Politikerin hatte Fragen vorher auf Englisch beantwortet. Aber es gab ja schon Außenminister und EU-Kommissare, die in der Sprache nicht brillierten. Dennoch kann man sich Laschet eher schlecht auf einem G-20-Gipfel vorstellen. Note 3

Bürgernähe

Im Rheinland – volle Punktzahl. Dort wird die Bürgernähe traditionell an der Karnevalstauglichkeit gemessen, und da gibt es an der Personalie Laschet wirklich wenig zu meckern. Im Rest der Welt sorgt das ja oft für Misstrauen. Seine Herkunft aus eher einfachen Verhältnissen – die Mutter war Hausfrau, der Vater erst Bergmann, dann Grundschulleiter – lässt Bodenhaftung ahnen. Plus: Er hatte einst eine kleine Rolle in einer „Tatort“-Folge. Sehr nah dran am Volk. Note 2

Nähe zum Osten

Rein geografisch liegen dem Nordrhein-Westfalen die Niederlande oder Frankreich näher. Hinderte ihn aber nicht an Ferndiagnosen, als im Osten die Pegida erfolgreich zu Demonstrationen aufrief. Nach dem verpatzten Einheitstag in Dresden 2016 erklärte er in einer Talkshow, dass „ganze Landstriche nicht gelernt haben, Respekt vor anderen Menschen zu haben.“ Und sprach von einem „Erziehungsdefizit“. Das kam nicht überall gut an. Note 5

Regierungserfahrung

Sein eindeutiges Plus gegenüber den beiden Mitbewerbern. Weswegen er nicht müde wird, es immer wieder zu betonen. Denn anders als seine Kontrahenten regiert er schon: Seit dreieinhalb Jahren führt er die nordrhein-westfälische Landesregierung als Ministerpräsident in einer Koalition mit der FDP, was manchen Bundesliberalen neidisch in Richtung Rheinland schielen lässt. Note 2

Teamfähigkeit

In der NRW-Landesregierung gilt Laschet auch in Oppositionskreisen als umgänglicher Gegner, über ernsthafte politische Feindschaften ist wenig bekannt. Und als jemand, der eine Koalition führt, die über nur eine Stimme Mehrheit im Landtag verfügt, weiß Laschet, dass Konfrontation nicht immer das Klügste ist. Auch was potenzielle Partnerschaften angeht, gilt Laschet als offen – auch mit Schwarz-Grün auf Bundesebene könnte er gut leben. Note 2

Sympathiefaktor

Im Rheinland hat er kein Problem (siehe Punkt 5). Wo er auftaucht, wirkt er volksnah und freundlich, allerdings auch eine Spur harmlos. Wenn er deutlich wird, vergreift er sich aber auch schon mal im Ton. Siehe Punkte 1 und 6.

Friedrich Merz

Krisentauglichkeit

Sagen wir es mal so: Er kämpft sich nach politischen Niederlagen zunehmend schneller ins Rampenlicht zurück. Nachdem ihn die Kanzlerin an der Fraktionsspitze kaltgestellt hatte, dauerte es fast zwanzig Jahre, bis er die Gelegenheit zur Kandidatur um den Parteivorsitz nutzte. Nach der Niederlage gegen AKK vor gut zwei Jahren hat er nun deutlich eher die Chance ergriffen. Note 2

Frauenförderung

Als der Bundestag 1997 (!) darüber abstimmte, ob Vergewaltigung in der Ehe ins Strafgesetzbuch kommt, gehörte Merz zur Minderheit, die dagegen stimmte – seinen Aussagen zufolge allerdings nur wegen einer fehlenden Widerspruchsklausel. Es hängt ihm trotzdem nach. Einer parteiinternen Frauenquote, die er stets abgelehnt hat, steht Merz mittlerweile offen gegenüber, sieht diese aber als letztes Mittel, um Frauen wirklich zu fördern. Von einem Vater von zwei Töchtern könnte man mehr erwarten. Note 4

Grünfärbung

Als sich die drei Kandidaten in einer digitalen Fragerunde am Freitag noch einmal den Delegierten stellten, ging es auch ums Klima. Während sich seine Konkurrenten höflich behakelten, wirkte Merz zwischenzeitlich, als fielen ihm gleich die Augen zu. Bis auf die Aussage, man dürfe die Wirtschaft bei allen Anstrengungen nicht aus dem Blick verlieren, war von ihm nichts zu hören. Note 5

Weltgewandtheit

Ein gewisses Maß davon kann man sicher voraussetzen: Immerhin war Merz als Wirtschaftsanwalt in verschiedensten Aufsichtsräten tätig, von 2016 bis 2020 zudem als Aufsichtsratsvorsitzender und Lobbyist für den Vermögensverwalter BlackRock. Und der gilt als der größte der Welt. Note 2

Bürgernähe

In der Vergangenheit hat Friedrich Merz einiges getan, um sich in puncto Bürgernähe ins Abseits zu schießen. Geradezu legendär ist seine Aussage, er sehe sich als Teil der „oberen Mittelschicht“ – bei einem Millionenvermögen. Natürlich kann auch ein Millionär einen Draht zur Durchschnittsbevölkerung haben. Das setzt aber einen gewissen Sinn für deren Realität voraus. Note 4

Nähe zum Osten

Der Feind meines Feindes ist mein Freund. So erklärt sich sicher ein Teil der Sympathien, die Merz im Osten entgegengebracht werden. Vielen Ost-Delegierten ist Merkel zu weit in die Mitte gerückt. Das verband sie mit Merz. Inzwischen ist die Lage nicht mehr ganz so eindeutig, die Ost-Verbände halten sich mit Zustimmungsbekundungen zurück. Note 4

Regierungserfahrung

Merz hatte nie ein Regierungsamt inne. Er musste zwar als Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag Mehrheiten organisieren. Mehr politische Verantwortung hatte er aber nie. Note 4

Teamfähigkeit

Eher unterentwickelt. Die scheidende Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer weiß ein Lied davon zu singen. Nach seiner Niederlage 2018 war er kaum in die Partei einzubinden. Wer Chef sein will, fügt sich ungern ins Glied. Gilt für ihn aber noch mehr als für seine Kontrahenten. Note 5

Sympathiefaktor

In einem Interview hat er vor Jahren bekannt, dass er in der Schule ein penetranter Störer war. Kann man sich irgendwie gut vorstellen. Merz legt es eindeutig nicht darauf an, von allen gemocht zu werden: Konfrontation gehört zu seinem Konzept. Trotzdem würden Teile der Politikredaktion der Berliner Zeitung ein Bier mit ihm trinken gehen. Note 4

Norbert Röttgen

Krisentauglichkeit

Hat nach einer Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen zu lange gezögert, was ihn das Amt als Bundesumweltminister gekostet hat. Kämpfte sich nach dem Rausschmiss aus Merkels Kabinett aber als Außenpolitiker in die Bundespolitik zurück. Note 3

Frauenförderung

Er grätschte in die Pressekonferenz von Laschet, in der dieser seine Kandidatur erklärte, mit einem Tweet, dass er eine Frau zur Generalsekretärin machen will. Wegen der anstehenden Bundestagswahl bleibt Paul Ziemiak aber erst mal im Amt. Jetzt soll die 38-jährige Ellen Demuth aus Rheinland-Pfalz Chefstrategin werden. Naja. Die Frauenunion mag ihn trotzdem noch ein bisschen lieber als Armin Laschet. Nach einem Treffen mit ihm waren sie angetan; er habe gute Ideen mitgebracht, hieß es. Note 2

Grünfärbung

Für CDU-Verhältnisse ist er fast schon dunkelgrün. Den Klimaschutz will Röttgen im Falle seiner Wahl zu einem Schwerpunkt machen, der Kanzlerin wirft er vor, das Thema vernachlässigt zu haben. Als ehemaliger Bundesumweltminister auch gut im Stoff. Ideal für schwarz-grün. Röttgen brachte auch eine grüne Außenpolitik ins Gespräch, die Handelsabkommen mit Klimaschutzzielen verknüpft. Note 2

Weltgewandtheit

Seit 2014 ist Röttgen Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses und gilt, obwohl er sonst kein Amt bekleidet, als beliebter (Medien-)Gesprächspartner, wenn es um die Belange der Weltpolitik geht. Nicht nur in Deutschland: Auch CNN lädt den Rheinländer gerne mal zum Interview – sein Englisch ist exzellent. Nicht schwer, ihn sich auf der Weltbühne vorzustellen, zumal er zumindest in den USA auf Dolmetscher verzichten könnte. Note 1

Bürgernähe

Er ist nicht so der Stammtisch-Kumpel. Hat aber eine gewisse Coolness im Umgang mit Satirikern. War bei Jan Böhmermann in der Sendung, ohne peinlich zu wirken. Das ist nicht nichts. Note 3

Nähe zum Osten

Auch Norbert Röttgen ist in der Vergangenheit nicht unbedingt durch ausgewiesene Ost-Affinität aufgefallen. Seit einiger Zeit tritt er aber verstärkt in den neuen Bundesländern auf. Hat im Interview mit der Berliner Zeitung im vergangenen Jahr dafür geworben, dass die CDU im Osten mehr Aufmerksamkeit verdient. 30 Jahre nach der Einheit müssen man mehr miteinander sprechen und solidarisch sein. Note 4

Regierungserfahrung

War Umweltminister im Kabinett Merkel. Ist aber schon einen Weile her. Note 3

Teamfähigkeit

„Mit mir als Parteivorsitzenden könnten auch die leben, die mich nicht gewählt haben“, sagte Röttgen bei der letzten Vorstellungsrunde am Freitagabend. Er inszeniert sich explizit als Teamplayer, der alle mitnehmen, niemanden verprellen will. Das macht ihn zu einer Alternative für alle Delegierten, die sich eine Abkehr von der Merkel-CDU wünschen, vor Merz' kernigem Konservativismus aber zurückschrecken. Note  2

Sympathiefaktor

Die Bunte hat ihn mal mit George Clooney verglichen. Mehr geht als Politiker eigentlich nicht. Röttgen wirkt immer zugewandt, freundlich und gleichzeitig vertrauenswürdig. Einen Gebrauchtwagen würde man ihm ohne Weiteres abkaufen – allerdings kann man sich den geschniegelten Rheinländer, der irgendwie nicht zu altern scheint, nur schwer mit Motoröl an den Fingern vorstellen. Also kein Bier in der Stehkneipe, aber gerne auf einen Espresso. Note 3