Berlin - Ausgerechnet Gröde. Eine Hallig in der Nordsee, im nordfriesischen Wattenmeer, winzig klein, gerade vier Meter über dem Meeresspiegel, Deutschlands kleinste Gemeinde überhaupt mit neun Einwohnern. Etwa zwanzig Mal im Jahr, wenn es stürmt und braust, steht Gröde unter Wasser, nur die Häuser auf den Warften ragen noch heraus. 

Ausgerechnet in Gröde machte die Piratenpartei bei der Schleswig-Holstein-Wahl vergangenen Sonntag ihren letzten großen Fang: 33,3 Prozent. Drei Gröder hatten sie gewählt.
Ein einsames Eiland im Meer als letzte Piraten-Hochburg. Wenn da nicht schwarzer Humor am Werk war. Hat alles nichts genutzt, die Piraten sind in Schleswig-Holstein mit Karacho (1,2 Prozent) aus dem Landtag gewählt worden.

So wie zuvor in Berlin und im Saarland. Und so wie es auch am kommenden Sonntag in Nordrhein-Westfalen passieren wird. Die 2006 gegründete Partei, die ganz anders sein wollte und ab 2011 wie in einem Rausch loslegte, säuft endgültig ab. Sie bekommt in Umfragen gerade einen Strich: Kaum messbar, irrelevant.

34.000 Mitglieder und über zehn Prozent in den besten Zeiten

Nur zur Erinnerung: Die Piraten hatten in besten Zeiten 34.000 Mitglieder und lagen in Umfragen über zehn Prozent. Sie galten als die Neuen und Andersartigen, die das verkrustete Parteien-System aufbrechen und viel bessere Politik machen wollten. Durchsichtig, offen für jeden, menschlich und lässig.

Keine Hierarchien, keine Promis, keiner im Vordergrund. Nicht Köpfe, nur Inhalte zählten. Die Politik der Piraten sollte superdemokratisch sein, ohne dunkle Ecken, ein ständiger in Entscheidungen mündender Meinungsbildungsprozess. Es gab auch ein neues Wort dafür: liquid democracy.

Ein kühnes Versprechen, eine große Hoffnung. Digitalisierung, Internet, eine neue Mitmachkultur, damit mischten sie kurz die politische Szene auf und sorgten dafür, dass sich die anfangs ratlose und staunende Konkurrenz von CDU bis Linkspartei notgedrungen mit sozialen Medien und Politik im Netz anfreundete.

Neulinge, die sich wie Anfänger benahmen

Aber der Rausch verflog in dem Augenblick, als Piratenpolitiker sich mit politischer Wirklichkeit jenseits der digitalen Welt befassen mussten. Sie waren Neulinge, sie benahmen sich wie Anfänger. Natürlich sind andere schuld am Niedergang. „Die Presse hat uns abgeschrieben“, meinte Michele Marsching kürzlich im Wahlkampf.

Der Niederrheiner ist Spitzenkandidat und Fraktionschef der Piraten im Düsseldorfer Landtag. „Totholz“, spotteten Piraten gerne über Zeitungen. Über seine Partei sei nicht kontinuierlich und ordentlich berichtet worden, klagte Marsching, abgesehen von Skandalen und Peinlichkeiten, mit denen Piraten bereitwillig für Aufmerksamkeit sorgten.

Davon gab es einiges in Düsseldorf. Weil Piraten ihre Fraktionssitzungen live streamten, konnte jeder miterleben, wie die neuen Abgeordneten sechs Monate lang über einen Kaffeeautomaten debattierten. Legendär auch die freimütigen Tweets der Dortmunder Abgeordneten Birgit Rydlewski über ihr Sexualleben: „So: Allen lieben Dank, die wegen des gerissenen Kondoms mitgezittert haben“, schrieb sie. „Alle Tests negativ! (also kein HIV, Hep. B, Hep. C)“.

Unendliche Naivität und fehlende Ernsthaftigkeit

Muss man erst mal bringen. Wirkten die Piraten anfangs neu und anders, gesellte sich mit der Zeit der Eindruck unendlicher Naivität, fehlender Ernsthaftigkeit und thematischer Beliebigkeit dazu. Auf Parteitagen, die wie stromfressende Hacker-Treffen wirkten, verbarrikadierten sich Hunderte Piraten mit ihren Laptops gerne hinter Pappwänden aus Angst, jemand könne ihnen was weggucken. 

Man „grillte“ Kandidaten ohne jede Rücksicht auf Privates, bis Tränen flossen. Man organisierte Bällebäder zur Entspannung, wog draußen auf Wippen den dicksten Piraten aus. Man gründete Arbeitsgruppen, die sich der Verbesserung des Menschen durch Chips und Implantate widmeten oder befasste sich mit Poker und Glücksspiel.

Zu Themen wie Wirtschaft, Arbeit, Außenpolitik, Euro, Krieg und Frieden oder Europa fiel den Piraten wenig ein.
Weil Köpfe nichts zählten, Prominenz verdächtig war und Neid schürte, gingen die Piraten mit ihren Spitzenleuten entsprechend rücksichtslos um. Als Folge machten sich viele aus dem Staub.

Viele haben das Boot rechtzeitig verlassen

Martin Delius, im Berliner Abgeordnetenhaus ein auch bei der Konkurrenz respektierter Fraktionschef, trat vor zwei Jahren aus. Heute ist er Linker. Fraktionskollege Christoph Lauer: heute SPD. Bernd Schlömer, einst Bundesvorsitzender: seit 2015 FDP. Sebastian Nerz, 2011 und 2012 Bundesvorsitzender: heute FDP. Die vielleicht prominenteste Piratin, Marina Weisband, Geschäftsführerin, klug und eloquent: 2015 heimlich ausgetreten.

Die Piraten seien „verbrannt“, sagte sie damals. Daniel Schwerd, Abgeordneter in Düsseldorf, seit 2015 ein Linker. Sein Fraktionskollege Robert Stein schied ein Jahr zuvor aus, heute CDU. Thorsten Wirth, Ex-Bundesvorsitzender, 2014 ausgetreten.

Skandal um Düsseldorfer Abgeordneten

Und immer wieder Skandale: In Düsseldorf musste Pirat Daniel Düngel als Vizepräsident des Landtages aufgeben. Der Mann hatten trotz stattlicher Diäten Schulden, Gläubiger waren ihm auf den Fersen, ein Haftbefehl drohte. Bizarrer Höhepunkt war aber vor einem Jahr das Drama um einen der bekanntesten Piraten in Berlin, Gerwald „Faxe“ Claus-Brunner. Der 44-Jährige tötete einen Bekannten und danach sich selbst.

Von den 34.000 Piraten der besten Jahre sind heute noch 11.500 übrig, was nicht wenig ist, etwa 4000 sind stimmberechtigt, das heißt, sie haben ihre Mitgliedsbeiträge bezahlt. Für Wahlforscher ist die Partei nach dem kommenden Sonntag dennoch endgültig Geschichte:

„Eine klassische Ein-Themen-Partei“, analysiert infratest dimap, genährt von Protestwählern. Der Protest wanderte zur AfD, die Arbeit in den Parlamenten überzeugte nicht. „Die Piraten waren eine Episode“, urteilt der Düsseldorfer Politologe Ulrich von Alemann gegenüber dpa. „Manche sagen, eine sympathische - andere sagen, eine skurrile und bizarre Episode, aber sie werden sicher nicht mehr in die Parlamente kommen.“