Berlin - Es war vielleicht eine historische Bundestagssitzung am Dienstag, aber wahrlich keine Sternstunde des Parlaments. Die Sondersitzung war einberufen worden, weil die Fluthilfe-Milliarden vom Parlament gebilligt werden müssen. Zuvor stand aber tagelang nur ein Tagesordnungspunkt auf der Liste: Die Vereinbarte Debatte zur Situation in Deutschland. Das Thema war breit genug angelegt, um sofort zu ahnen, worum es geht: Keine drei Wochen vor der Wahl nutzten alle Parteien die Debatte für Wahlkampfreden. Auch die Kanzlerin – und das war die eigentliche Überraschung.

Sie hatte sich bis jetzt aus dem Wahlkampf weitgehend ferngehalten. Selbst beim Auftakt für die heiße Phase bis zum Wahltag wirkte sie eher lustlos. Die Rede im Tempodrom, wo sich dann wenigstens die Fraktionsvorsitzenden in Rage redeten, nutzte Merkel eher als Bilanz für ihre Amtszeit, um dann zum Schluss noch einen kleinen Schlenker zum Wahlkampf zu machen.

So ähnlich hielt es Angela Merkel auch am Dienstag. Allerdings attackierte sie am Ende ihrer Rede die SPD, die nach der Wahl ein rot-rot-grünes Bündnis eingehen könnte. Eine Rote-Socken-Rede der Kanzlerin im Parlament. Das wirkt in Form und Inhalt und Ort so falsch, dass man unwillkürlich darüber nachdenken muss, ob Amtsträger nicht zur Neutralität verpflichtet sind.

Klar ist, dass die Kanzlerin, die lange Jahre CDU-Vorsitzende war, in dieser Eigenschaft natürlich vehement für ihre Partei eintrat und das auch durfte. Aber im Bundestag? An dem Rednerpult, an dem sie Wochen zuvor die Bürgerinnen und Bürger von den Maßnahmen in der Corona-Pandemie überzeugen wollte, ging es in ihrer mutmaßlich letzten Bundestagsrede um kleinliches Wahlkampfgetöse. Ein sehr pragmatisches Ende einer langen Ära, in der sie vor allem die Krisenmanagerin war, die vieles eher dem Zweck als dem Inhalt unterordnete. Dennoch wird es auch für sie selbst deprimierend gewesen sein.