Nachdem sie ihre Mode für Rollstuhlfahrerinnen im Mai auf der „Bezgraniz Couture“ in Moskau präsentierte, geht es für die 33-Jährige Schlag auf Schlag. Mit ihren Mode-Entwürfen für Behinderte sorgte sie für ein breites öffentliches Interesse. Nun hat sie ein Unternehmen mit dem Namen „Klash Kouture“ gegründet und eine Schneiderin eingestellt. Ihre neue Kollektion will sie bis Ende des Jahres auf den Markt bringen.

Frau Schlüter, wie kamen Sie auf die Idee, Mode für Behinderte zu entwerfen?
Auf meiner ersten Modenschau in Oldenburg wurde ich von einer Dame im Rollstuhl angesprochen, ob ich nicht auch mal Mode für Behinderte kreieren könnte. Damals hatte ich aber noch nicht die Möglichkeiten dazu und habe das erstmal aus den Augen verloren.

Aber das Thema hat Sie offensichtlich nicht losgelassen?
Dieselbe Frau hat mich auf einer anderen Modenschau wieder angesprochen. Und als ich im Internet auf den Modewettbewerb in Russland für Menschen mit Behinderung stieß, war das wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ich wurde eingeladen, meine Mode dort zu präsentieren. Und seitdem
ist das so gewachsen.

Aber leicht ist es Ihnen zunächst nicht gefallen?
Ich musste mich entscheiden, ob ich da wirklich einsteigen und mich auch mit den vielen negativen Aspekten beschäftigen will. Man hat es ja mit Krankheiten zu tun, viele Behinderte haben eine geringe Lebenserwartung. Auch mein Model hat mir schlimme Geschichten erzählt. Sie hat SMA, eine Form von Muskelschwund, und wird oft diskriminiert. Viele behinderte Menschen ziehen sich deshalb zurück. Aber ich bekomme viel zurück, vor allem ganz viel Freude, Dankbarkeit und Freundschaften.

Beschreiben Sie doch Ihre Kollektion. Was sind das für Stücke?
Das sind acht Outfits für selbstbewusste Frauen zwischen 15 und Alter unbegrenzt. Da gibt es Röcke, die an den Seiten abgeschrägt sind, Westen mit weiten Armausschnitten für mehr Bewegungsfreiheit. Oder Schlauchkleider, die höhenverstellbar sind.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Ich habe zum Beispiel ein grünes Kleid mit Blumenmuster. Es hat einen tiefen Ausschnitt, der aber durch den Kragen keine Einblicke gewährt, wenn man sich im Rollstuhl nach vorne beugt. Am Becken ist es weiter geschnitten und damit bequemer beim Sitzen. Der Stretchstoff schmiegt sich
dem Körper an. Es gibt auch viele Rollstuhlfahrer, die wegen des Muskelabbaus ihre Beine nicht zeigen wollen. Deshalb war es mir wichtig, dass man das Kleid auch in die Länge ziehen kann. Es wird nach unten hin schmaler. So wirken die Beine breiter und gleichförmiger. Wer den Film „Ziemlich beste Freunde“ gesehen hat, weiß, dass die Probleme schon beim Anziehen beginnen. Daher feile ich an einer Art Anzieh-Hilfe. Wenn man jemanden aus dem Rollstuhl hebt, hat man keine Hand frei, um ihn anzuziehen. Deshalb arbeite ich an einer Art Rucksack-Prinzip.

Mode hat immer etwas mit Trends zu tun. Wie verarbeiten Sie neue Entwicklungen der Branche? Können Sie sich vorstellen, wie schlimm für Rollstuhlfahrer die Hüfthosenmode war?
Eng an den Hüften und der Po schaut halb aus der Hose heraus. Das war vielleicht in, war aber sehr unbequem für jemanden, der den ganzen Tag sitzen muss.

Mode nicht nur für Rollstuhlfahrer

Ist Ihre Kollektion vom Prinzip her eigentlich nur für Rollstuhlfahrer gedacht?
Meine Entwürfe können alle Frauen tragen. Ich möchte zeigen, dass man Mode designen kann, die nicht ausgrenzt, sondern verbindet. Ich möchte zeigen, dass Mode für alle Menschen da ist und dass wir alle unsere Mankos haben. Und wenn ich damit gleichzeitig noch einer bestimmten Gruppe von Menschen helfen kann, ist das natürlich schön.

Sie haben mit Entwürfen für Frauen angefangen. Soll es dabei bleiben?
Gerade ist eine neue Kollektion für selbstbewusste Herren in der Mache. Ich habe auch an Sport- Outfits gedacht. Eine Skihose zum Beispiel, die unten mit moderner Technik Wärme speichert. Viele Rollstuhlfahrer haben ja ständig kalte Füße.

In London haben in diesem Jahr die Paralympics stattgefunden. Haben Sie da etwas gesehen, was Sie inspiriert hat?
Die Sportler wurden gut beraten, auf die Outfits wurde viel Wert gelegt. Bei den Leichtathleten wurden die Prothesen immer in enge Trikots integriert. Und die Hot-Pants-bauchfrei-Kombinationen bei den Sprinterinnen fand ich sehr schick. Nicht nur dort sind die Menschen offen mit ihrer Behinderung umgegangen. Philippe Pozzo di Borgo, der Autor von „Ziemlich beste Freunde“ war vor nicht allzu langer Zeit mit Wetten-dass- Kandidat Samuel Koch auf dem Spiegel-Titel zu sehen …

... oder denken Sie an Mario Galla, der auf der Fashion Week in Berlin in kurzer Hose mit Beinprothese aufgetreten ist. Was halten Sie davon?
Je öfter wir solche Bilder sehen, desto mehr verinnerlichen wir sie als normal.

Überrascht Sie die Aufmerksamkeit, die Sie erfahren?
Ja. Ich stehe ja noch am Anfang. Aber ich will den Modemarkt revolutionieren. Weg von dem Bild der perfekten Frau und Größe 34. Meine Sachen soll jede Frau tragen können.

Das Interview führte Felix Brumm.