Pershing-Rakete in der Missile Operating Base - Fort Camp Redleg - der US Army auf dem Waldheide genannten Gelände bei Heilbronn.
Foto: imago images/Sommer

NeckarsulmIm Sommer kamen sie jeden Morgen gegen neun in Dreierreihen am Freibad vorbeigejoggt, im Takt gehalten von rhythmischem Sprechgesang. Wobei man damals noch nicht „joggen“ sagte. Der Trupp aus der US-Kaserne im schwäbischen Neckarsulm, einer Außenstelle der Wharton Barracks im fünf Kilometer entfernten Heilbronn, betrieb Frühsport, und später am Tag kamen die jungen GIs auch auf die Freibadwiese – in lockeren Badeshorts zum Hawaiihemd, während die deutschen Jungs Mitte der 80er-Jahre knappe, enge Modelle bevorzugten.

Für mich selbst begann die deutsch-amerikanische Freundschaft aber nicht am Beckenrand, sondern zwischen den Regalen des örtlichen Quelle-Warenhauses, wo ich manchmal aushalf. Ein großer GI mit geschorenem Kopf irrte herum und suchte „starch“ – Bügelstärke, zu der ich ihm nach einem Umweg über die Abteilung mit den Wörterbüchern auch verhelfen konnte. Natürlich hieß er John. Wir wohnten nicht weit von der Kaserne, ich traf ihn häufiger und begann freiwillig englische Vokabeln zu lernen. Anfang 1985 verabschiedete er sich für einige Zeit in ein Manöver, man fragte damals nicht viel und hatte auch kein Smartphone.

Dass auf dem US-Fort Camp Redleg  in der Heilbronner Waldheide seit einigen Monaten Pershing-II-Raketen deponiert waren, Mittelstreckengeschosse mit Nuklearköpfen, wusste nicht nur ich damals nicht. Ebensowenig, dass die Neckarsulmer Artillerieeinheit dafür mit zuständig war. Beides offenbarte sich, als einige Tage später die Nachricht von einem Unfall im Radio kam. Von einer schwarzen Wolke, die über der Waldheide aufgestiegen sei, von Krankenwagen und Feuerwehrfahrzeugen, die am Nachmittag des 11. Januar 1985 mit Sirenengeheul aus der Stadt dorthin gerast seien. Während einer Militärübung hatte sich der Motor der ersten Stufe einer Pershing-II-Rakete in Brand gesetzt. Glücklicherweise trug sie keinen Sprengkopf. Drei US-Soldaten starben, neun wurden verletzt.

Wenige Wochen später begannen auf der Waldheide die Proteste von Anwohnern und friedensbewegten Bürgern aus der ganzen Republik. Am 3. Februar  fand der Schweigemarsch der Zehntausend dorthin statt. Ich aber sorgte mich vor allem um John, von dem ich weiterhin nichts hörte. Ausgangs- und Nachrichtensperre herrschte wohl in der Kaserne. Und auch später, sehr viel später, als er an seinen freien Tagen wieder an der Ecke wartete, erzählte er nichts von dem, was vorgefallen war. Aber er war spürbar verstört und durfte mich nicht mehr mit auf das Kasernengelände nehmen. Kein Kino in Originalsprache mehr für die deutsche Abiturientin. Aber dieser GI lebte noch. Und sein Zimmernachbar (room mate) auch.

Etwa 6000 US-Soldaten waren damals im Heilbronner Raum stationiert. 1992 wurden die Truppen dieser Gegend nach 41 Jahren Schnitzel und Brezel in ihrer Freizeit wieder abgezogen. „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“, hatte 1960 Elvis Presley auf seinem Album „G.I. Blues“ gesungen, das nach seiner zweijährigen Militärzeit im hessischen Friedberg entstand. Zwei Jahre lebt auch Bruce Willis in Deutschland, die ersten beiden seines Lebens, sein Vater diente in Idar-Oberstein, seine Mutter ist Deutsche.

Mit John habe ich, als seine Militärzeit endete und ich nach Berlin zog, noch ein paar Briefe gewechselt. Die Liebe zur englischen Sprache ist geblieben. In den USA war ich nie.