Dies ist die Geschichte einer Liebe. Einer schüchternen, unwahrscheinlichen. Kate Connolly, 47, aus Reading, England, lebt seit fünfzehn Jahren in Berlin, aber Deutsche wollte sie nie werden. Sie fühlte sich sicher mit ihrem britischen Pass, der es ihr erlaubte, in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Sie fühlte sich als Europäerin, eine typische Vertreterin ihrer Generation, aufgewachsen in den Siebziger- und Achtzigerjahren, fest im Glauben daran, dass Pässe und Grenzen immer unwichtiger würden, dass sich Toleranz und Konzilianz durchsetzen werden.

Im Februar 2017, elf Monate nach dem Referendum in Großbritannien, steht Kate Connolly in einem Amtszimmer in Potsdam und singt bei ihrer Einbürgerungsfeier die deutsche Nationalhymne. „Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland.“

Es ist dasselbe Zimmer, in dem sie vor sieben Jahren ihren Mann, einen Arzt aus Dortmund, geheiratet hat. Sie geht nun eine weitere, eine noch engere Verbindung ein. Sie hat den Text von Hoffmann von Fallersleben und die Melodie vorher geübt, singt mit voller Inbrunst, sie bemüht sich, dass sie den richtigen Ton trifft, so als neue Deutsche.

Das Gefühl kommt später

Deutschland und Großbritannien haben eine komplizierte Geschichte. Lange sahen die Briten in Deutschland vor allem den früheren Kriegsgegner, dem es nach 1945 sehr viel schneller sehr viel besser ging als den Gewinnern des Krieges. Auch Kate Connollys Großvater hat gegen die Nazis gekämpft, brachte aus dem Krieg eine Ausgabe von „Mein Kampf“ mit.

Hätte man früher einem Briten von einer Einbürgerung in Deutschland erzählt, hätte man vermutlich einen Nazi-Witz kassiert. Deutsch zu werden, das war ein Witz. Dann kam der Brexit. Die Briten, die sich sicher wähnten, stellen fest, dass diese Sicherheit ein Traumschloss war. Und Deutschland wurde zur Bastion von Toleranz und Offenheit. Die Zahl der Einbürgerungen schnellte hoch, von ein paar Hundert im Jahr 2015 auf über 7000 im Jahr 2017. Deutsch zu werden ist kein Witz mehr.

Wenn Kate Connolly über ihre Deutschwerdung spricht, dann vergleicht sie ihre Gefühle dabei mit denen eines Paares, das aus Steuergründen heiratet. „Am Anfang war die Entscheidung kalt, pragmatisch – und dann: Je länger man sich damit befasst, umso emotionaler wird es“, sagt sie.

„Exit Brexit. Wie ich Deutsche wurde“

Sie sitzt in ihrem Büro im fünften Stock des Pressehauses am Schiffbauerdamm im Herzen Berlins. Es ist als Korrespondentin der Tageszeitung The Guardian eigentlich ihre Aufgabe, den Briten die Deutschen zu erklären, inzwischen läuft es umgekehrt. Was ist mit den Briten los, wollen die Deutschen jetzt wissen.

Früher sah sie sich als objektive Beobachterin, früher schrieb sie ungern „ich“ in Texten. Dann ist sie selbst unfreiwillig in die Geschichte hineingerissen worden. In der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte sie einen Essay, in dem sie die Entfremdung von ihrem Geburtsland beschrieb. Daraus wurde ein Buch. „Exit Brexit. Wie ich Deutsche wurde“, heißt es. Es ist ein persönlicher, ein politischer Text, er beschreibt ihren Weg zu einem deutschen Pass, das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien, die kulturellen Wurzeln des Brexit. Er ist auch eine zarte Liebeserklärung an das Land, das ihre zweite Heimat geworden ist. Sie hat das Buch auf Englisch geschrieben, Kirsten Riesselmann hat es übersetzt.

Die neue Beziehung hat mit einer Trennung begonnen. Denn das Referendum 2016 ist nichts anderes als ein „Schluss jetzt“ nach vielen Unstimmigkeiten über Jahrzehnte.

Kate Connolly stürzt in eine Identitätskrise

Als Kate Connolly am 24. Juni 2016 die Nachrichten hört, bricht sie in Tränen aus. Mit vier Prozent Vorsprung haben sich die Austritts-Befürworter durchgesetzt. Ihre Kinder sind verblüfft. So emotional kennen sie ihre Mutter gar nicht. „Mama, hast du ein Aua?“, fragt der zweijährige Sohn. „Mama, wohin geht Großbritannien? Und können wir weiter Oma und Opa besuchen?“, will die fünfjährige Tochter wissen. Im Prinzip stellen die Kinder die Fragen, die auch mehr als zwei Jahre später unbeantwortet sind.

Das Referendum stürzt Kate Connolly in eine Identitätskrise. Auch wenn bis heute völlig unklar ist, was Brexit bedeutet, ob ungeregelt oder geregelt, begreifen viele in Europa lebende Briten nach diesem Referendum, dass sie sich kümmern müssen, wenn sie weiter in der EU leben und arbeiten wollen. Kate Connolly beginnt, die Dokumente zu sammeln, die man braucht, um sich um einen deutschen Pass zu bewerben. „Du wirst nicht mehr dieselbe sein“, sagt ihr Mann, nur halb im Scherz.

Als sie ihren Eltern das erste Mal davon erzählt, dass sie Deutsche wird, ist es, als habe sie eine Bombe gezündet. Kate Connolly kommt aus einer konservativen katholischen Mittelschichtsfamilie, Vater Bauingenieur, Mutter Hausfrau. Ihre Mutter hat für den Brexit gestimmt, ihr Vater dagegen, hat inzwischen aber auch seine Meinung geändert und will aus der EU raus. Obwohl ihre beiden Kinder mit Deutschen verheiratet und ihre Enkel sehr europäisch sind. Oder grade deshalb? Die Connollys sind nicht die einzige Familie, durch die wegen des Brexit ein Riss geht.

Nach ihrem Praktikum will Connolly Europastudien studieren 

Es gibt die Theorie, dass der Brexit auch ein Ausdruck des alten Hasses auf Deutschland ist. „Das EU-Projekt ist die Vollendung dessen, was Hitler machen wollte“, sagte der Tory-Politiker Boris Johnson. Kate Connolly schüttelt sich vor Abscheu. Sie glaubt, dass es bei der Abstimmung gar nicht um Brüssel ging, sondern um Zugehörigkeit, Orientierungslosigkeit: „Viele Menschen haben für den Brexit aus Einsamkeit gestimmt, sie fühlen sich nicht gehört, nicht gesehen, sie kennen nicht mehr ihre Nachbarn.“

Wenn man Kate Connollys Buch liest, stellt man fest, dass sie Deutschland womöglich besser kennt als mancher Deutscher. Mister Russell, ihr Deutschlehrer, bringt ihr in der Schule die Sprache näher und zeigt ihr, dass sie längst deutsche Worte kennt. „Fahrt“ oder „Flasche“ zum Beispiel. Die 13-Jährigen lachen. Fart heißt auf Englisch Furz, Flasher heißt Exhibitionist. Kate Connolly nimmt an einem Schüleraustausch in Hessen teil, macht ein Praktikum in Niedersachsen.

Nach dem Mauerfall will sie das Fach Europastudien belegen. „Das wollten damals viele Briten meiner Generation. Europa war sexy“, erinnert sie sich. Und wenn sie das sagt, merkt man, wie lang dreißig Jahre sind, wie viel sich verändert hat. Während Deutschland größer wurde, offener, internationaler, komplizierter, wurde Großbritannien kleiner, in sich gekehrter.

„Es war eines der aufregendsten Jahre meines Lebens“

Kate Connolly studiert Germanistik in Leeds, kommt als Sprachassistentin für ein Jahr nach Berlin. Neidisch stellt sie fest, dass die anderen aus ihrer Gruppe nach Kreuzberg oder Schöneberg dürfen, nur sie soll in einen Ortsteil, von dem ihr Reiseführer sagt, dass er voller alter Leute und Aussteiger sei. Ein Ortsteil namens Prenzlauer Berg. Als sie ankommt, stellt sie fest, dass der Reiseführer irrt.

Überall machen Cafés und Bars auf. Sie erlebt und sieht Dinge, die sie vorher nicht kannte und die ihr fortan als typisch deutsch erscheinen: Väter, die auf der Straße Kinderwagen schieben. Kinder, die mit ihr schimpfen, wenn sie bei Rot über die Ampel läuft. Tagsüber unterrichtet sie am Katholischen Gymnasium Theresienschule in Weißensee, abends durchstreift sie die Stadt. Damals kommt ein neuer Musikstil auf, die harten Bässe machen ihr Angst, die Love Parade verpasst sie trotzdem nicht. „Es war eines der aufregendsten Jahre meines Lebens“, sagt sie. Sie kommt später als Korrespondentin zurück, lernt ihren Mann kennen, bekommt zwei Kinder, zieht nach Potsdam.

Kate Connolly spricht fließend Deutsch, springt während des Interviews aber zwischen den Sprachen hin und her, wenn sie über das Brexit-Chaos redet, spricht sie englisch, wenn sie über ihr Praktikum in Fallingbostel erzählt, deutsch.

An Weihnachten schlägt sie mit ihrer Familie in Brandenburg eine Tanne 

Es wird in Deutschland viel über Integration diskutiert und ob man eine Leitkultur braucht. Kate Connolly hat genaue Vorstellungen davon, was deutsch ist: Pünktlichkeit, Effizienz, Direktheit, vormittags um elf „Mahlzeit“ rufen. Ihre britische Familie wirft ihr schon einmal vor, ihren Humor verloren zu haben. Also zu deutsch geworden zu sein.

Sie schwärmt davon, dass es in Bahnhöfen Tafeln gibt, die die Zugreihung angeben, sodass man genau weiß, wo man einsteigen muss, um seinen Platz zu finden. Sie strengt sich an, die Bräuche zu lernen, die ihr fremd sind: die Schultüte selber basteln, ein Faschingskostüm organisieren, Plätzchen backen. Weihnachten schlägt sie mit ihrer Familie in Brandenburg eine besonders schöne Tanne und transportiert sie dann richtliniengerecht verknotet auf dem Autodach nach Hause. „Ich habe mich selten so deutsch gefühlt“, schreibt sie in ihrem Buch.

Manchmal wird sie sehr ernst. Sie denkt darüber nach, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, ihren Kindern vom Holocaust zu erzählen, ein Konzentrationslager zu besuchen. „Mit der Entscheidung, Deutsche zu werden, habe ich die Verantwortung für die Geschichte mit auf mich genommen“, sagt sie.

Das Herz an zwei Orten

Sie hat den deutschen und den britischen Pass, ist eine Bindestrich-Deutsche, eine Deutsch-Britin, und manchmal fühlt sich das an, als würde sie zwischen allen Stühlen sitzen. Sie sieht die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel im Fernsehen, die sagt, dass ihre Partei die doppelte Staatsbürgerschaft abschaffen wolle, wenn sie an die Regierung komme. Ihr geht nicht aus dem Kopf, was ihr Nachbar zu ihr gesagt hat: Es sei doch sicher unmöglich für sie, zwei Ländern gegenüber loyal zu sein. Man sollte sie zwingen, sich für eines zu entscheiden.

Muss man sich entscheiden? Kann man nicht sein Herz an zwei Orten hängen? Kann man nicht beides sein, Deutscher und Brite? Kate Connolly zitiert den prominenten irischen Publizisten Fintan O’Toole, der gesagt hat, dass die Idee einer gemeinsamen europäischen Identität es vielen Menschen einfacher gemacht habe zu akzeptieren, dass eine nationale Identität mehrere Dimensionen haben kann. Von dieser Idee wendet sich Großbritannien ab. Auch andere ziehen sie in Zweifel und träumen von Eindeutigkeit, Ordnung, Übersichtlichkeit.

Connolly schreibt: „An Bahnsteigen gibt es diese gelb eingefassten, rechteckigen Bereiche, die man zum Rauchen betreten soll. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Menschen, und die Deutschen besonders, in ihrer Suche nach Ordnung am liebsten um jeden einen solchen Kasten malen würden: Du gehörst in diese Kategorie und du in eine andere. Und dann würden sie deutlich besser ihren Frieden machen können mit den Neuankömmlingen, die über die Jahrzehnte in ihr Land gekommen sind.“

Leichenwagen mit britischen Nummernschild

Kate Connolly verfolgt alle Debatten in Großbritannien genau, sie kennt jede Wendung des Brexit-Dramas, und je mehr sie sieht, desto trauriger wird sie.

Neulich beobachtete sie, wie ein Leichenwagen die Straße Unter der Linden hinunterraste. Er hatte ein britisches Nummernschild. Was für ein Symbol! „Ich habe es nicht geschafft, ein Foto zu machen“, sagt sie.