Siegessäule
Foto: imago images/Emmanuele Contini

BerlinEines der elegantesten Kriegsdenkmale ist die Berliner Siegessäule. Hoch schwebt ihr goldener Viktorien-Engel über dem weiten Kreis des Großen Sterns im Tiergarten. Fast immer laufen Touristen drum herum und bestaunen in dieser so friedlichen Umgebung die martialischen Reliefs mit Schlachtendarstellungen an den Seiten des massigen Sockelbaus. Sie erinnern an drei Kriege, die Preußen 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870 gegen Frankreich führte und für sich entschied. Nach letzterem wurde 1871 in Versailles das Deutsche Reich begründet und damit die Geschichte und Staatsgeografie Europas bis auf den heutigen Tag neu geprägt.

Der Krieg begann formell am Sonntag vor 150 Jahren, als die französische Chambre législative ihn verkündete, aufgeputscht durch die Hoffnung auf den „Rück“-Gewinn von linksrheinischen Gebieten, die einst Napoleon I. erobert hatte, die seine Nachfolger 1815 vor allem an deutschsprachige Staaten hatten abtreten müssen. Auffällig war dabei die Selbstüberschätzung der französischen Militärs, die es nicht einmal für nötig hielten, die Truppen aus den Kolonialgebieten zurückzuholen. Die Regierung versuchte, den Nationalismus zu benutzen, um von innenpolitischen Krisen abzulenken, und konnte dabei auf eine öffentliche Meinung bauen, die im Streit um die Nachfolge der spanischen Königin Isabella II. und die Publikation der „Emser Depesche“ die nationale Ehre beleidigt sah.

Isabella II. de Bourbon, die 1833 als zweijähriges Kind zur Königin gekrönt worden war, konnte das Land nie wirklich befrieden und hatte 1868 zurücktreten und nach Frankreich fliehen müssen. Ihr Land versank im Chaos. Eine Lösung schien aus spanischer Sicht die Berufung eines gesellschaftlich neutralen neuen Königs aus dem Ausland, Leopold von Hohenzollern. Er stammte aus dem katholisch gebliebenen Zweig der Familie und war zudem über beide Großmütter eng mit dem französischen Kaiser Napoleon III. verwandt. Trotzdem erbat er sich die Genehmigung des Oberhaupts der Gesamtfamilie, des preußischen Königs Wilhelm I. Preußen war seit dem Sieg über Dänemark 1864 und über Österreich 1866 unangefochtene Führungsmacht in Nordmitteleuropa und durch die Heirat des Kronprinzen Friedrich (III.) Wilhelm und der einzigen Tochter Königin Victorias, der Princess Royal Victoria, dynastisch engstens mit dem britischen Königshaus verbunden.

Auch deswegen opponierte die französische Regierung nun geradezu militant gegen die Berufung eines „preußischen Prinzen“. Wilhelm I. verweigerte seine Zustimmung also, nicht zuletzt, um absehbaren Konflikten mit Frankreich vorzubeugen. Leopold fügte sich am 12. Juli. Frankreichs Botschafter aber versuchte nun durchzusetzen, dass Wilhelm I. auf alle Ewigkeit auf Hohenzollern-Kandidaturen für den spanischen Thron verzichte. Eine solche Einschränkung konnte – und wollte – Wilhelm I. nicht akzeptieren. Der entsprechende Bericht seines Mitarbeiters an Ministerpräsident Otto von Bismarck, die eigentliche „Emser Depesche“, war dann die textliche Grundlage für eine Pressemitteilung – beide werden oft verwechselt – die in Frankreich und in Deutschland die nationalen Emotionen hochkochte.

In der öffentlichen Meinung Frankreichs versuchte Preußen die „Umzingelung“ seines „Erzfeindes“, so wie einst das „deutsche“ Habsburg als Herrscher in Flandern, Spanien und Süddeutschland Ludwig XIV. bekämpft habe. Aus preußisch-deutscher Sicht dagegen war der zu dieser Zeit bereits hoch verehrte Wilhelm I. tief beleidigt worden, schien sich Frankreich als Vormacht auch in Mitteleuropa und der süddeutschen Staaten zu gerieren. Dass es sich letztlich um die Frage handelte, wie die Vereinigung der süddeutschen Staaten mit denen des 1866 nach dem Sieg Preußens über Österreich begründeten Norddeutschen Bund ging, war den Zeitgenossen bewusst. Die nationale Bewegung in Baden, Württemberg und Bayern sowie in Hessen-Darmstadt drängte voran. Die auf Autonomie bedachten Monarchen, vor allem Ludwig II. von Bayern, hatten dem wenig entgegenzusetzen. Bismarck nun nutzte diese Zwangslagen und Verwicklungen – und hatte dank einer willigen Öffentlichkeit, der gut laufenden Wirtschaft, des in zwei Kriegen erfahrenen Militärs sowie einer vorbildlich ausgebauten Eisenbahn auch die Mittel, um seine Politik durchzusetzen.

Großbritannien blieb neutral, trotz der Sympathien für das 1866 ruchlos von Preußen entthronte Haus Hannover; Italien kam Frankreich nicht zu Hilfe, weil dieses immer noch den Kirchenstaat und das als italienische Hauptstadt beanspruche Rom besetzt hielt; Österreich-Ungarn war mit den internen Konflikten zu sehr beschäftigt und wurde außerdem von Italien bedroht; Russland arbeitete eng mit Preußen zusammen, um Polen unterdrückt zu halten – für dessen Unabhängigkeitsstreben die französische Öffentlichkeit immer wieder engagiert Partei ergriffen hatte.

Die Kriegserklärung Frankreichs wurde im Norddeutschen Reichstag mit Jubel begrüßt, Preußen gelang es, die süddeutschen Staaten bis zum 17. Juli an seiner Seite zu halten, seine Truppen zu mobilisieren und durch das Rheinland tief hinein nach Frankreich zu führen, während dieses noch an der Aufstellung der Truppen arbeitete. Bereits am 2. September war nach der Schlacht von Sedan, in deren Folge Napoleon III. in Gefangenschaft geriet, der Krieg faktisch beendet. Doch erst am 21. Januar bat die neue, nun republikanische Regierung um Jules Favre um Waffenstillstand, am 26. Februar 1871 unterzeichnete Adolphe Thiers den Friedensvertrag. Dabei umfasste er eine ungeheuerliche Kriegsentschädigung und die Abtretung des Elsass und Lothringens. Die Parole wurde nun in Paris: „Immer an Strasbourg denken, nie darüber reden“. Im Versailler Vertrag von 1918 zeigte sich ihre Sprengkraft.

Frankreich schien gedemütigt, die süddeutschen Staaten huldigten dem preußischen König Wilhelm I., riefen mit ihm am 18. Januar das Deutsche Reich aus – im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, des Symbols französischer Macht schlechthin. Der eigentliche Sieger aber war der Nationalismus. Mit der Gründung des Deutschen Reichs wurde die Behauptung, dass nur Nationalstaaten geeignet seien, die Wohlfahrt und Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren, zum Standard der Politik. Dabei umfasste dieses Reich mit dänisch, sorbisch, friesisch und polnisch empfindenden Preußen sowie französisch empfindenden Elsässern und Lothringern große nationale Minderheiten. Doch wurden diese systematisch als unsichere Kantonisten betrachtet und in der Kultur- und Sprachenpolitik diskriminiert, so wie auch Juden und Katholiken – „Römlinge“, wie schon Heinrich Heine gelästert hatte – sich wegen angeblich übernationaler Loyalitäten massiver Vorurteile im evangelisch geprägten Preußen-Deutschland erwehren mussten.

Bis 1914 herrschte in Mitteleuropa Frieden, eine im Vergleich zu den andauernden Kriegen und Unruhen seit der Französischen Revolution ungeheuer lange Zeit. Das in dieser Zeit angesammelte Kapital baute die Grundlage für den europäischen Sozialstaat, nie wieder war die Mittelschicht so wohlhabend wie vor 1914. Doch erkauft wurden dieser Frieden und dieser Wohlstand der „guten alten Zeit“ mit der Ausbeutung der Arbeiter, der Verlagerung der Machtkonflikte in die Kolonien vor allem Afrikas und Asiens und einer immer komplizierter werdenden Machtpolitik, die letztlich zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs führte. Bismarck hatte viele dieser Probleme durchaus kommen sehen – doch war er letztlich Gefangener seiner eigenen Siege in den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich.