Botschafterin: „Ukraine steht vor härtestem Winter seit dem Zweiten Weltkrieg“

Anka Feldhusen begleitet deutsche Politiker bei Besuchen im Kriegsgebiet – und bleibt, wenn sie wieder abreisen. Jetzt berichtete sie über die Situation in Kiew.

Marco Buschmann war bisher der letzte Besucher: Der FDP-Bundesjustizminister wird am 4. November bei der Ankunft am Hauptbahnhof in Kiew von der deutschen Botschafterin Anka Feldhusen begrüßt.
Marco Buschmann war bisher der letzte Besucher: Der FDP-Bundesjustizminister wird am 4. November bei der Ankunft am Hauptbahnhof in Kiew von der deutschen Botschafterin Anka Feldhusen begrüßt.Felix Zahn/Photothek.Net/Bundesministerium der Justiz/dpa

Die deutsche Botschafterin in der Ukraine, Anka Feldhusen, hat die Deutschen dazu aufgerufen, mit der Solidarität für die Ukraine nicht nachzulassen. „Die Ukraine steht vor dem härtesten Winter seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte sie am Donnerstagmorgen bei einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und griff damit einen Satz des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko auf.

Man registriere in der Ukraine sehr genau jede noch so symbolische Unterstützung, sagte die Botschafterin weiter. „Der Satz von Bundeskanzler Olaf Scholz, dass wirtschaftliche Investitionen in die Ukraine Investitionen in ein künftiges EU-Mitglied seien, wurde mit Begeisterung aufgenommen.“ Feldhusen verwies darauf, dass die gezielten russischen Angriffe auf die Infrastruktur in der Ukraine auch einen enormen Kostenfaktor darstellen. Mit Wiederaufbau könne nicht bis nach dem Krieg gewartet werden.

Die Botschafterin war online über eine mobile Datenleitung zugeschaltet. Sie berichtete, dass es seit dem Vortag kein Wlan und kein Wasser mehr in Kiew gebe. Das Versorgungssystem sei durch die massiven Angriffe seit Mitte Oktober mittlerweile sehr instabil, sagte sie. Gleichwohl sei die Motivation in der ukrainischen Bevölkerung, gegen die russische Aggression durchzuhalten, weiterhin ungebrochen. „Das hier ist kein failed state“, sagte Feldhusen. Nach jedem Angriff werde sofort damit begonnen, die Energieversorgung wieder zu reparieren. „Viele Dinge des täglichen Lebens gehen hier ganz normal weiter.“

Sie selbst will auch nach den massiven russischen Angriffen auf Kiew weiterhin in der Ukraine bleiben. „Kein Botschafter hat seit den Angriffen am 10. Oktober das Land verlassen und wir wurden auch nicht dazu aufgefordert.“ Sie sei geehrt, in dieser Zeit in der Ukraine arbeiten zu können.

Russlandexperten der DGAP verwiesen darauf, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Infrastruktur seines Landes derzeit auf eine Kriegswirtschaft umstellt. Er werde den Winter nutzen können, um seine Ressourcen für den Krieg zu optimieren. Im Frühjahr sei dann womöglich mit einer erneuten Offensive zu rechnen. Aktuell werden viele Einheiten in den Donbass verlegt.

Das russische Militär hatte am Mittwoch nach Angaben Kiews etwa 70 Raketen und Drohnen auf die Ukraine abgeschossen. Ziele waren wie bei den vorangegangenen Angriffen vornehmlich Objekte des Energiesektors. Nach Abschaltung der ukrainischen Kernkraftwerke infolge der Attacke kam es landesweit zu Stromausfällen.

Bis zum Donnerstagmittag wurde die Stromversorgung erst in einigen Regionen wiederhergestellt. So meldete der Bürgermeister von Lwiw, Andrij Sadowij, dass es wieder Strom gebe. In anderen Regionen wie in Odessa oder Tschernihiw blieb die Lage kompliziert. Auch die benachbarte ehemalige Sowjetrepublik Moldau war teilweise weiter ohne Strom. Das Energienetz der beiden Länder ist eng gekoppelt.

Der Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, General Sergej Surowikin, erlangte bereits bei seinem Einsatz in Syrien ein paar Jahre zuvor Bekanntheit dafür, dass er zivile Ziele angreifen ließ, um seine Gegner zu schwächen. Nach seiner Ernennung in der Ukraine sind Angriffe auf die kritische Infrastruktur des Landes zu einem wichtigen Bestandteil der russischen Kriegsführung geworden.