Begegnung der beiden Berliner Bürgermeister, Walter Momper (rechts, mit rotem Schal) aus West-Berlin, trifft am 12. November 1989 seinen Ost-Kollegen Erhard Krack (links, Mitte).
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BerlinIm Überschwang greift man gern zum dicken Pinsel: „Wir Deutschen“, rief der Regierende Bürgermeister Walter Momper am Abend des 10. November 1989, „sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt“. Vor dem Schöneberger Rathaus war das, keine 24 Stunden nach dem Mauerfall. Jeder, der schon mal eine glücklichst begonnene Ehe vermasselt hat, weiß solche Sätze einzuordnen.

Dann sitzt man irgendwann da und beschmeißt sich mit Vorwürfen. Die Heftigkeit wächst proportional zum Gefühl des eigenen Versagens. Es tut weh, sehr sogar. Aber dem anderen soll es gefälligst noch mehr wehtun. Feuer frei für die Schuldzuweisungen.

Ist die Deutsche Einheit auch so eine kaputte Beziehung? In der man sich auch nach 30 Jahren nicht einkriegen kann mit dem Groll auf das gescheiterte Glück? Die einen spucken den anderen die AfD vor die Füße, die anderen würden den Osten am liebsten als Heim für Schwererziehbare überdachen.

Die Kinder dieser toxischen Liaison, jene 25 Millionen nach der Einheit Geborenen, sollen zwischen diesen Frontlinien ihren Weg finden in eine Zukunft, die sie fordert als freie, selbstbewusste, kreative Menschen in einer schwierigen Welt. Aber wie schwer ist das denn, wenn der Stall, aus dem man kommt, bis oben voll ist mit emotionalem Ballast?

Man möchte das glücklichste Volk der Welt zur Therapie schicken, vor allem der Kinder und ihrer Zukunft wegen. Dort würde dann ausgepackt, und am Beginn stünden die Träume, die man hatte, als man bis über beide Ohren verknallt war. Ja, was malte man sich damals eigentlich alles aus? Darüber würde man zu reden haben und ob man sich heute nicht vielleicht selbst ein wenig für seine eigene Naivität schämt. Man könnte gemeinsam darüber lachen, dass man Helmut Kohls Märchen von den blühenden Landschaften irgendwie geglaubt hat. Dass man zu spät dahinter gestiegen ist, wie der Westen sein drittklassiges Personal in die neuen Länder verklappt hat. Wie die West-Bosse von der Treuhand den Ossis mehr auf die Schuhe als in die klugen Hirne geschaut haben. Ach, kurzum, wie man vieles gar nicht wissen wollte, was man hätte wissen können. Anfänger-Fehler, hüben wie drüben. Honeymoon-Verblendung, nicht zurechnungsfähig.

Auf den Tisch gehört aber natürlich noch mehr. Vor allem die todsichere Methode, einer Beziehung den Garaus zu machen: Nicht zuhören zu können, aneinander vorbei zu reden, die Bequemlichkeit der Ignoranz. Die Art und Weise, wie wir uns öffentlich austauschen, wird bestimmt durch die Codes der Vergangenheit. Sie sind westprogrammiert, eine intellektuelle Software, die definiert, was gute Worte sind und was verdächtige, was man zu verstehen und was man zu ächten hat. Nur: Diese Codes sind zu Hülsen verkommen, sie helfen niemandem mehr, etwas zu verstehen. Erst recht nicht, wenn es Schwieriges zu besprechen gilt. Und davon gibt es eine Menge. Könnten wir vielleicht gemeinsam eine neue Sprache lernen? Eine ehrlichere, mutigere, weil tastendere und weniger arrogante? Fünf Euro ins Phrasenschwein, wenn mal wieder so ein Satz fällt wie: „Wir sind das glücklichste Volk der Welt“?

Wir waren das eben nie. Wir haben uns damals, im November 89, nur aufgemacht, glücklich zu werden. Vielen ist das gelungen, aber vielen auch nicht. Im Osten wie im Westen.

Wenn wir uns auf so was verständigen könnten und anders ins Gespräch kommen als in den vergangenen 30 Jahren, dann entstünde endlich Raum für etwas, das wie Medizin wirken kann gegen die Zerrüttung. Das uns hilft, Frieden zu schließen mit dem, was gewesen ist und eine Brücke baut in die Zukunft. Ich rede von Dankbarkeit.

Wir sollten dankbar sein und Respekt zollen dafür, dass die Mauer durch die Kraft so vieler mutiger Menschen überhaupt gefallen ist, dafür, dass kein Blut floss, dafür, dass unseren Kindern die Welt offen steht, wenn wir es nur richtig angehen, dafür, dass wir unseren Weg gehen können und nicht verharren müssen in der Unversöhnlichkeit.