Die Deutschen wünschen sich einheitliche Schulabschlüsse. 
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Berlin - Die Deutschen wünschen sich mehr Einheitlichkeit im Bildungssystem. Das föderale System, in dem die 16 Länder unterschiedliche Schulsysteme aufrechterhalten, erfüllt nicht mehr die Erwartungen der Bundesbürger. Das geht aus dem neuen „Bildungsbarometer“ des Münchner Ifo-Instituts hervor. Demnach sprechen sich 70 bis 90 Prozent der Befragten für einheitliche Abschlussprüfungen, mehr Vergleichbarkeit und größere finanzielle Unterstützung des Bundes aus.

Bundesweit einheitliche Haupt- und Realschulabschlussprüfungen befürworten 85 Prozent, ein einheitliches Zentralabitur sogar 89 Prozent. Um zu einem solchen gemeinsamen Abschluss zu kommen, halten 87 Prozent einheitliche Lehrpläne in der gymnasialen Oberstufe für zielführend. 90 Prozent befürworten eine deutschlandweit geregelte Lehramtsausbildung. Um die Schülerleistungen gemeinsam einordnen zu können, sprechen sich 76 Prozent für regelmäßige Vergleichstests aus.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ifo Bildungsbarometer

Ein erster Versuch, die Schulbildung etwas einheitlicher zu machen, wurde im vergangenen Jahr abgebrochen. Ein „Nationaler Bildungsrat“, wie er im Koalitionsvertrag der Bundesregierung festgeschrieben steht, kam nicht zustande. Die baden-württembergische Bildungsministerin bezeichnete die Idee damals als „komplett überflüssiges Gremium“, auch Bayern lehnte ab. Und das, obwohl dieser nur unverbindliche Empfehlungen aussprechen sollte. Das „Bildungsbarometer“ zeigt: Die Deutschen hätten es sich anders gewünscht. 70 Prozent befürworten ein solches Gremium, und vier von fünf plädieren sogar für  verbindliche Vorgaben nach der Art eines „Bildungsstaatsvertrags“.

Kompetenzen sollen an Bund verlagert werden

Wollen die Deutschen einheitliche Kriterien und Abschlüsse, so halten sie im Hinblick auf die einzelnen Schulen mehr Autonomie für angebracht. So geben drei Viertel der Befragten an, dass Schulen die Lehrkräfte selbst aussuchen sollten. 73 Prozent wollen, dass die Schulen selbst entscheiden können, wofür Gelder verwendet werden. Die Hoheit über Lehrbücher und Schulfächer dagegen wollen 37 Prozent dem Bund zuweisen. Nur 18 Prozent sind dafür, dass Schulen selbst über den Inhalt der Lehrpläne bestimmen. Für Kinder, die das Bundesland wechseln, würden somit deutlich weniger Hürden bestehen.

Allgemein möchten die Bürger mehr Kompetenzen an den Bund übertragen. Neben einer größeren finanziellen Beteiligung, also einem Ende des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern in Bildungsfragen, sind 60 Prozent dafür, dass der Bund „wichtige bundespolitische Entscheidungen“ trifft. Ganz anders sieht es bei der frühkindlichen Bildung aus: Hier sind 80 Prozent der Meinung, dass Länder und Gemeinden dafür zuständig sein sollen. Die Studienersteller gehen davon aus, dass die Corona-Krise zum Wunsch nach einheitlichen Standards im Bildungssystem verstärkt hat. Für die Studie wurden 10.000 Erwachsene im Juni dieses Jahres befragt.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ifo Bildungsbarometer

Der bildungspolitische FDP-Sprecher Thomas Sattelberger teilt die Aussagen der Befragten: „Kein Kooperationsverbot fördert die Potentiale junger Menschen", sagte er unserer Zeitung. Er fordert weniger „regionales Imponiergehabe“ und ein vergleichbares Zentralabitur, damit Deutschland im globalen Wettbewerb bestehen kann.

Dieser Meinung schließt sich die Grünen-Sprecherin Margit Stumpp an. „Der Bildungserfolg darf nicht von der Postleitzahl und dem Elternhaus abhängig sein“, sagte Strupp auf Anfrage. Sie fordert, dass Kooperationsverbot in ein Kooperationsgebot umzuwandeln, um Chancengleichheit zu fördern. Die SPD will sich dafür einsetzen, dass sich die Länder eigenständig Standards setzen. „Eine Bund-Länder-Kommission wäre zur Koordinierung sinnvoll“, meinte die SPD-Sprecherin Bärbel Bas. Der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth kommentierte die Studie gegenüber unserer Zeitung mit den Worten: „Wir sehen das ganz genauso.“