Frankfurt/Main - Ein Vollblutpolitiker kommt gut ohne Volk aus. Wichtig ist nur, dass Kamerateams, Fotografen und schreibende Journalisten zugegen sind. Das zeigt sich am Morgen des Tages der Deutschen Einheit in Frankfurt am Main. „Welche Überraschung!“, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert ironisch, als er vor der Paulskirche aus seiner schweren Limousine klettert.

Er trifft auf die üblichen Verdächtigen. OB Peter Feldmann (SPD) ist schon da. Und das Ehepaar Bouffier. Sie warten noch auf die Kanzlerin und den Bundespräsidenten. Ursula Bouffier, mit Kleid in der Farbe des roten Teppichs, fotografiert vor lauter Langeweile die Fotografen. Und die fotografieren zurück.

Der Ministerpräsident gibt noch schnell ein Fernseh-Interview. Wo war er eigentlich am Tag des Mauerfalls 1989? „Das haben wir gemeinsam zu Hause vor dem Fernseher verfolgt“, sagt Volker Bouffier. Enttäuschung beim Interviewer, als müsste der Ministerpräsident persönlich den Schlagbaum an der Bornholmer Straße niedergerissen haben. Und was ist die wichtigste Aufgabe heute? „Die Überwindung von Grenzen in den Köpfen“, sagt der Ministerpräsident. Jetzt ist der Interviewer zufrieden. Bürgerinnen und Bürger sind keine zu sehen an den Absperrungen am Paulsplatz, nur überall schwer bewaffnete Polizisten. Die Kanzlerin rollt vor. „Es ist eine große Freude“, sagt Bouffier.

Szenenwechsel zum Festakt in der Alten Oper. Der Saal füllt sich. Hans-Dietrich Genscher wird im Rollstuhl hereingeschoben. Der 88-Jährige ist fortan das heimliche Kraftzentrum: Alle erweisen dem Ex-Außenminister Respekt, auch Bodo Ramelow (Linke), der Ministerpräsident von Thüringen, verneigt sich vor ihm. Ein rascher Zusammenschnitt berühmter, emotionaler Szenen auf der Leinwand. Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Menschenmassen durch nächtliche Leipziger Straßen: „Wir sind das Volk!“ Bouffier begrüßt den Wiedervereinigungsminister der Republik Südkorea: Der soll in Deutschland lernen, wie das geht.

„Wir Deutsche können Freiheit!“

Der Festakt ist eine kluge Balance von Gestern, Heute und Morgen. Die Zukunft, das sind die jungen Leute der Geburtsjahrgänge 1989/1990, die eigens eingeladen wurden, das sind die „Flying Steps“, Breakdancer aus Berlin, die mit ihrer Show das Publikum hinreißen. Und auch die 30 Flüchtlinge, die im Publikum sitzen und die vom Protokoll nicht aus ihrer Anonymität herausgeholt werden.

Sowohl der Ministerpräsident als auch der Bundespräsident finden die richtigen Worte. Es gibt keinen falschen Zungenschlag. „Beispielhaft und großartig“ nennt Bouffier die Begrüßung der Flüchtlinge auf deutschen Bahnhöfen. „Die meisten Menschen werden bleiben – unsere Aufgabe ist es, sie zu integrieren“, sagt er unmissverständlich. Und der Bundespräsident appelliert an den Stolz in der Bevölkerung: „Wir Deutsche können Freiheit!“

Es erklingt die Hymne „O Fortuna“ aus den Carmina Burana von Carl Orff, aber auch die eher unbekannte „Freiheitssymphonie“ mit dem Titel „Wir sind das Volk“ von Guido Rennert, beides gespielt vom Musikkorps der Bundeswehr. Als am Ende die Nationalhymne gespielt wird, erhebt sich auch Hans-Dietrich Genscher.

Joachim Gauck dankt den „Flying Steps“, und zwar jedem einzelnen, mit Handschlag. Hinter ihm folgt mit Respektsabstand der Ministerpräsident und schließlich auch die Kanzlerin. Die Breakdancer sind echt verblüfft.

Vor der Alten Oper kommt es endlich zum Kontakt der Politiker mit dem Volk. Es ist früher Nachmittag. Die Glücklichsten ergattern ein Selfie mit der Kanzlerin. Hinter dem Konzerthaus ist der gesamte Anlagenring mit parkenden Polizeifahrzeugen gefüllt, die U-Bahn-Station ist stillgelegt. So viel Freiheit vom Verkehr war nie.