Tokio - Er ist der „König der Kuchen“: der gute alte Baumkuchen. Jetzt, da es auf den 1. Advent zugeht, gibt es ihn wieder in nahezu jedem Supermarkt – auch im fernen Japan. „Baumkuchen ist in Japan einer der beliebtesten Kuchen“, erzählt Hideo Kawamoto, Präsident des japanischen Gebäckwarenherstellers Juchheim, und serviert dem Gast in einem Café auf Tokios eleganter Flaniermeile Omotesando ein Stück Baumkuchen – frisch aus dem Ofen. Gebacken wurde es nach dem Originalrezept des deutschen Konditormeisters Karl Joseph Wilhelm Juchheim, Namensgeber von Kawamotos Firma. Der aus Kaub am Rhein stammende Juchheim war es, der den Baumkuchen nach Japan brachte – unter abenteuerlichen Umständen.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebte Juchheim zusammen mit seiner Frau Elise im chinesischen Qingdao, das damals deutsche Kolonie war. Dort betrieb das Ehepaar eine Konditorei. Im Ersten Weltkrieg nahmen die Japaner das Gebiet ein. Juchheim wurde zum Kriegsgefangenen und nach Japan gebracht, seine Frau lebte vorerst allein im besetzten Qingdao. Mit anderen Deutschen wurde ihr Mann in einem Lager auf einer Insel in der Bucht der japanischen Stadt Hiroshima interniert. Dort durfte Juchheim backen. Für eine Schau deutschen Handwerks in einer Ausstellungshalle, der heutigen Atombombenkuppel, backte er einen Baumkuchen. So etwas hatten die Japaner noch nie zuvor gesehen.

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Ein Baumkuchen des japanischen Gebäckherstellers Juchheim, gebacken nach original deutschem Rezept.

Nach dem Krieg ließen sich die Juchheims in Japan nieder und eröffneten in Yokohama ihren ersten Konditorladen. Heute, 100 Jahre später, ist der durch sie bekannt gewordene deutsche Baumkuchen zu einem japanischen Klassiker geworden. „Karl Juchheim wollte uns Japanern etwas geben, das uns glücklich macht“, erklärt Kawamoto. Noch heute habe Baumkuchen in Japan dieses glückverheißende Image. Ob zu Hochzeiten, als Geschenk für Geschäftspartner, als Snack für zwischendurch oder als Souvenir – Baumkuchen kennt jeder Japaner.

Baumkuchen mit Erdbeeren, geröstetem grünen Tee oder Süßkartoffeln

Es gibt ihn aufgeschnitten oder in edlen Verpackungen in Konditoreien, in unterschiedlichen Größen eingeschweißt in Supermärkten oder an Bahnhofskiosks und Coffee-Shops im ganzen Land. „Regionen haben dabei ihre eigene Variante“, erklärt Kawamoto. Denn Baumkuchen, der auf Japanisch „Baumukuhen“ heißt, manchmal aber auch „Baamukuhen“ oder einfach nur „Baumu“ genannt wird, ist ein durch und durch japanisches Produkt geworden. Festgelegte Regeln beim Herstellen von Baumkuchen wie in Deutschland gebe es in Japan nicht, erklärt Kawamoto und lächelt hinter seiner Schutzmaske. So gibt es in Japan heute Baumkuchen mit Erdbeeren, andere werden mit geröstetem grünen Tee, mit Süßkartoffeln, Äpfeln und anderen Geschmacksvarianten gebacken. Jedes Jahr finden in Japan ganze Baumkuchen-Messen statt, bei denen die unzähligen Hersteller ihre Produkte präsentieren.

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So kennt man ihn auch hierzulande: frisch angeschnittener Baumkuchen.

Kawamoto und seine Kolleginnen und Kollegen bei der Juchheim Co rühmen sich indes, noch heute den „echten“ Baumkuchen nach dem deutschem Grundrezept von Karl Juchheim zu backen – also nur mit den Hauptzutaten Butter, Eier, Zucker, Vanille, Salz und Mehl. Und doch sei der Baumkuchen über die vergangenen Jahrzehnte auch bei Juchheim immer mehr verfeinert worden, erzählt der Präsident stolz. So verwende sein Unternehmen seit vergangenem Jahr zur Herstellung von Baumkuchen und anderem Gebäck keinerlei Zusatzstoffe mehr. Nicht etwa aus Gesundheitsgründen, sondern um auf diese Weise das hohe fachliche Können der Bäcker zu bewahren, so Kawamoto.

Dieses fließt auch in die hochmodernen Backöfen ein, die die Firma entwickelt hat. „Sie sind zu diesem Zweck mit künstlicher Intelligenz ausgestattet“, erklärt der Chef, während gerade eine frisch gebackene Baumkuchen-Rolle aus dem Ofen kommt. Dank der modernen Technologie könnten die Öfen mit Daten, in die die jeweiligen Fertigkeiten der einzelnen Bäcker einfließen, gefüttert werden. Am Rezept von Karl Juchheim selbst ändere sich aber nichts.

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Brachte den Baumkuchen nach Japan: Karl Joseph Wilhelm Juchheim.

Als dessen erstes Geschäft in Yokohama 1923 durch das große Kanto-Erdbeben zerstört wurde, ließen sich die Juchheims in Kobe nieder und wagten einen geschäftlichen Neuanfang. Einen Tag vor der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg starb Karl Juchheim. Seine Frau Elise wurde enteignet und musste auf Befehl der Alliierten nach Deutschland. Juchheims frühere Mitarbeiter unternahmen jedoch einen weiteren geschäftlichen Neuanfang. Elise kehrte 1953 nach Japan zurück und wirkte bis zu ihrem Tod 1971 am Unternehmen Juchheim mit.

Juchheim ist bis heute eine der bekanntesten Marken geblieben. Die in Kobe ansässige Gruppe hat etwa 270 Geschäfte und beschäftigt rund 520 Mitarbeiter. Nächstes Jahr begeht die Firma den 100. Jahrestag der Eröffnung des ersten Ladens von Karl und Elise Juchheim in Yokohama.