Berlin - Die deutsche Sprache ist eine geknechtete Kreatur. Verzeihung, ein geknechtetes Geschöpf. Sie musste sich viel, sehr viel gefallen lassen am Freitag im Deutschen Bundestag, als sich ausgerechnet die Alternative für Deutschland als ihre Retterin aufspielte. Ob die Partei schon einmal über ihren Namen nachgedacht hat?

Der Abgeordnete Stephan Brandner aus Thüringen jedenfalls, Jurist und ein Vertreter des völkischen Flügels um Björn Höcke, brachte einen Gesetzentwurf im Namen seiner Fraktion ein, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Selbst Kabarettisten müssten daran scheitern. „Die deutsche Sprache ist als das primäre Mittel zur Verständigung der Deutschen zugleich das Medium unserer sprachlichen Kultur, der sprachlichen Persönlichkeitsbildung und der individuellen wie gemeinschaftlichen Identifikation“, lautet der erste Satz in dem Antrag. So viel Lyrik war selten im Deutschen Bundestag. Die Partei will deshalb den Artikel 22 des Grundgesetzes, der Berlin als Hauptstadt festschreibt, um einen Satz ergänzen. „Die Landessprache in der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch.“

„Die deutsche Sprache ist in Gefahr“

Brandner begann seine Rede mit der üblichen Häme. „Was gibt es Schöneres an so einem sonnigen Tag, als vor den vollen Reihen der eigenen Fraktion über ein Thema zu sprechen, das nicht nur für Feingeister geeignet ist?“, fragte er. Sich selbst kann er damit nicht gemeint haben, Brandner ist bekannt für seine verbalen Ausfälle im Thüringer Landtag. Einmal mehr wollte die AfD an diesem sonnigen Freitag die CDU vorführen, die grundsätzlich auch dafür ist, Deutsch als Landessprache ins Grundgesetz aufzunehmen. Nun ja.

„Wir stehen damit querbeet auf einem Fundament mit vielen Persönlichkeiten“, sagte Brandner. So viel Deutsch muss sein. Selbst im Studienfach Germanistik, klagte er, werde immer mehr Englisch verwendet, in der deutschen Wirtschaft auch. Dann kam er zu seinem eigentlichen Anliegen. „Die deutsche Sprache ist in Gefahr“, sagte er, auch durch die massenhafte Zuwanderung. Selbst die Polizei kommuniziere schon auf Englisch, aber auch Türkisch und Arabisch. „Seit Jahren sieht sich die deutsche Sprache einer Verdrängung durch andere Sprachen ausgesetzt“, heißt es dazu in dem Antrag. Die Arme, sie wird damit gar zur handelnden Person erhoben. Sie hätte Besseres verdient.

„Verstehen Sie Ihre Sprachpanscherei eigentlich selbst?“

„Sie müssen keine Angst haben“, tröstete Brandner die anderen Parteien noch. „Haben Sie Mut zur Courage!“ Die freuten sich, die Feingeister unter ihnen erkannten, dass es sich hier nicht nur um eine Tautologie handelte, sondern dass die deutsche Sprache erneut in Gefahr geriet.

Genüsslich zerlegten die anderen Parteien das Ansinnen. Es wurden dabei, wie konnte es anders sein, auch deutsche Dichter bemüht. Der Antrag strotze nur so von Fremdwörtern und falschem Deutsch, hielt die CDU-Abgeordnete Gitta Connemann der AfD vor. „Verstehen Sie Ihre Sprachpanscherei eigentlich selbst?“, fragte sie. Sie meinte vermutlich Sätze wie diesen: „Das Sprechen einer gemeinsamen Sprache hat nämlich eine gesellschaftsbildende Funktion.“ Connemann empfahl der AfD noch, mal auf ihre eigene Internetseite zu schauen. „Da haben Sie Ihr Wahlprogramm auf Russisch.“ Dazu muss man wissen, dass die AfD im Wahlkampf insbesondere um Russlanddeutsche warb. 

„Düütschland word nich armer durch anner Spraken“

Connemann räumte durchaus ein, dass ihre Partei dafür ist, Deutsch in der Verfassung als Landessprache festzuschreiben, der AfD aber warf sie vor, Sprache zu benutzen, um zu trennen, auszugrenzen und zu spalten. „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts über seine eigene“, zitierte der deutsch-türkische SPD-Politiker Mahmut Özdemir den deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Sein Parteikollege Johann Saathoff, wie Connemann aus Ostfriesland, griff lieber zum Plattdeutschen. "Se daun so, als ob man wat wegnehm wurr, wenn wat anners daarto kommt. Un dat Tegendeil is de Fall. Düütschland word nich armer durch anner Spraken, Düütschland word rieker." Saathoff entschuldigt sich am Ende seiner Rede beim stenografischen Dienst.

Der schönste Satz in dieser großartigen Debatte blieb dem grünen Abgeordneten Erhard Grundl vorbehalten. Er ist neu im Bundestag, es war seine erste Rede. Grundl, der aus Bayern kommt, zitierte den bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt und fragte: „Braucht`s des?“