Ein militärischer Überfall auf Deutschland? Eine „nackte“ Bundeswehr ohne Waffen? Im russischen Fernsehen wird zum wiederholten Male über einen russischen Angriff auf die Bundesrepublik fantasiert. Auch ein Journalist aus Deutschland diskutiert eifrig mit. Über den „in Deutschland bekannten Politologen“, wie die belarussischen Staatsnachrichten eine Übertragung mit ihm anmoderierten, ist hierzulande jedoch wenig bekannt.

Sein Name ist Alexander Sosnowski, 1955 in Kiew geboren und regelmäßiger Gast in berüchtigten staatlich-russischen Polit-Talkshows wie „60 Minuten“ oder dem „Abend mit Wladimir Solowjow“. Auch in den belarussischen Abendnachrichten spricht der Autor zur besten Sendezeit über EU-Sanktionen und den politischen Alltag in Berlin. Doch wer genau ist „der renommierte Politologe“ Sosnowski?

Mal ist er aus seinem Büro zugeschaltet, das unter anderem mit Berlin-Fahnen bestückt ist, jedoch trat Sosnowski in den letzten Monaten immer wieder live im Studio russischer Talkshows auf. Doch wie kommt er eigentlich derzeit von Deutschland nach Russland? Und wie steht er zu den heiklen Thesen eines militärischen Angriffs auf Nato-Mitgliedsstaaten? Auf diese Frage gab er der Berliner Zeitung nach mehrmaliger Anfrage keine Antwort.

Ausländische Experten, die zufällig immer Kreml-Positionen vertreten

Viel lieber tritt der Journalist im russischen Staats-TV auf. Dort präsentiert sich Sosnowski als Experte für die deutsche Russlandpolitik. Besuche ausländischer Personen in russischen Polit-Shows folgen einem Muster. So sind immer wieder angebliche Experten, Journalisten und Meinungsmacher zu Gast: aus Israel, dem Baltikum, sogar aus der Ukraine. Sie werden als unabhängige Experten vorgestellt, vertreten jedoch stets kremltreue Positionen. Für die russischen Zuschauer der Sendung entsteht dadurch der Eindruck, das auch im Ausland ähnlich gedacht wird wie im Staatsfernsehen.

In einer Sendung mit Wladimir Solowjow sprach Sosnowski kürzlich über „die unvollendeten Nürnberger Prozesse“ und die Ereignisse in der Ukraine als einer Folge der mangelhaften Bestrafung der Nazis im Nachkriegsdeutschland. Nach dem historischen Diskurs folgt ein großer thematischer Sprung von den Nürnberger Prozessen von 1946 hin zum Asow-Bataillon in der heutigen Ukraine.

Ist Deutschlands Angst unsere größte Schwachstelle?

„Besonders das Gefühl der Furcht wird die Spezialoperation in der Ukraine zu Ende bringen“, so der deutschsprachige Journalist zu Solowjow. Dabei erwähnt er, dass sich die Deutschen vor Wladimir Putin, Dmitri Medwedew und besonders vor Ramsan Kadyrow fürchten. „Dieser habe mit seiner Vernichtungsrhetorik in seinen Kurzvideos viele Deutsche beeindruckt“, sagt Sosnowski.

Später in der Talkshow schlägt Sosnowski eine „Entteufelung“ der Ukraine vor, um im Sprachduktus des tschetschenischen Präsidenten zu bleiben, der stets von „ukrainischen Teufeln“ spricht. Woraufhin aus dem Hintergrund ein weiterer Talkshow-Gast vorschlägt, ob nicht Kadyrow auch nach Deutschland fahren solle. Daraufhin lächelt Sosnowski kurz. Der Moderator lässt noch eine Schimpftirade gegen die Deutschen los: Für ihn sind wir alle „Goebbels Enkel“.

Besonders interessant am „bekannten Politologen“ Sosnowski ist seine berufliche Vergangenheit. Nachdem er in den 90er-Jahren nach Deutschland kam, arbeitete er für mehrere deutsche und internationale Medien. Von 2007 bis 2014 war Sosnowski freier Autor für die ukrainische und russische Redaktion der Deutschen Welle (DW). Heute will die Deutsche Welle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Vielmehr fragte ein DW-Sprecher, warum es überhaupt „wichtig“ sei, zu wissen, wann und in welchem Umfang Sosnowski für den deutschen Auslandsnachrichtensender über Jahre gearbeitet habe.

Außerdem war er Mitarbeiter bei Radio Free Europe und trat im Deutschlandradio Kultur auf. Darüber hinaus soll Sosnowski nach Angaben mehrerer Online-Biografien Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) gewesen sein. Sie ist eine in Berlin ansässige außenpolitische Denkfabrik und erstellt unter anderem Politik-Empfehlungen für die Bundesregierung.

Sosnowskis Zeitenwende fand schon 2014 statt

Im Jahr der Maidan-Proteste und der ukrainischen Revolution in der Ukraine folgte ein offensichtlicher Wandel im Berufsleben des Autors. Seit 2014 verantwortet er den Blog „World Economy“ und fungiert als Chefredakteur für Wirtschaft und Finanzen – wobei das Ganze vor allem eine One-Man-Show ist.

Der Blog und seine Autoren fallen immer wieder mit verschwörungstheoretischen Ansichten auf. So schreiben bekannte Gesichter der Szene wie Wolfgang Effenberger regelmäßig Artikel für die Plattform („Mit ukrainischen Faschisten zur Herrschaft über die Weltinsel“ oder „Butscha öffnet die letzten Schleusen. Aufgepeitscht ins große Inferno?“).

Sosnowski ist auch Buchautor. 2003 veröffentlichte er „Das Tschetschenen-Syndrom“ und 2010 „Das Georgien-Syndrom“. Sein Werk „Und immer wieder Versailles: Ein Jahrhundert im Brennglas“, in dem er Willy Wimmer interviewt, hat starke geschichtsrevisionistische Züge. Wimmer, langjähriger Bundestagsabgeordneter der CDU, war Parlamentarischer Staatssekretär unter Helmut Kohl und tauchte in den letzten Jahren in Medien wie Russia Today, Ken FM oder den Nachdenkseiten auf. Sosnowski hingegen ist seit 2015 immer häufiger als Experte oder Journalist im russischen und belarussischen Staatsfernsehen zu sehen.

Doch noch einmal trat Sosnowski auch im deutschen Fernsehen auf. Am Abend des 24. Februar, dem Tag der Invasion, wurde er in einer ntv-Sendung zum russischen Überfall befragt. Die Moderatorin wollte von Sosnowski, der aus Moskau zugeschaltet war, wissen, wie er den Angriff bewertet. Er zeigte sich vom Krieg „zweier Brüdervölker“ überrascht.

In seinem Interview zweifelt Sosnowski danach noch an der Wirksamkeit personenbezogener Sanktionen gegen Margarita Simonjan, Chefredakteurin von Russia Today und Wladimir Solowjow - seinem Gesprächspartner aus dem russischen Staatsfernsehen. Die Moderatorin antwortet, dass man sich „deren Geschichten und deren Vergangenheit nochmal angucken müsse“. Wie problematisch Sosnowski und seine russischen Kollegen sind, war da offensichtlich noch nicht bekannt.

Da Sosnowski behauptet, in Deutschland zu wohnen, stellt sich bei alledem auch die Frage, wie er eigentlich in die Sendungen nach Russland kommt. Es bieten sich trotz der Reisebeschränkungen mehrere Optionen an. So kommt man von Berlin aus mit dem Flugzeug in gut zehn Stunden mit Zwischenstopps in Istanbul, Belgrad oder Baku nach Moskau. Auch auf dem Landweg ist es theoretisch immer noch möglich nach Russland zu gelangen. Dafür benötigt man jedoch eine Sondergenehmigung der russischen Botschaft. Für Sosnowski sollte dies jedoch kein Problem darstellen.