Küssen ist in Zeiten von Corona keine gute Idee – aber Selfies bleiben erlaubt.
Foto: Berliner Zeitung/Christian Schulz

BerlinJena prescht vor: Die Stadt in Thüringen ist die erste in Deutschland, die ihren Bürgern vorschreibt, demnächst eine Schutzmaske zu tragen. „In einer Woche soll das Tragen eines Mund-und-Nasen-Schutzes in Jenaer Verkaufsstellen, dem öffentlichen Nahverkehr und Gebäuden mit Publikumsverkehr verpflichtend werden“, kann man auf der Webseite der Stadtverwaltung lesen. Verwiesen wird dabei auf das Vorbild Österreichs, das sich ebenfalls für eine Maskenpflicht in Supermärkten entschieden hat. Dort sollen entsprechende Schutzmasken an die Kunden ausgeteilt werden. In Jena empfiehlt Bürgermeister Thomas Nitzsche (FDP), selbst zu nähen. Denn Schutzmasken sind in Deutschland Mangelware geworden. Daher werden in Jena auch Tücher oder Schals als Schutz anerkannt.

Im Rest des Landes ist die Meinung in Sachen Schutzmasken geteilt. In einem Antrag für das Berliner Abgeordnetenhaus fordert die AfD-Fraktion eine Vorschrift zum „Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in den öffentlichen Räumen“. Der Senat müsse alles für eine Verfügbarkeit solcher Masken tun. Auch der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Isenberg, hält das für sinnvoll. Eine Maskenpflicht könne er sich auch für Berlin vorstellen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Wir müssen alles tun, um Ansteckungsgefahren so gering wie möglich zu halten. Notfalls hilft es, auch eine Stoffmaske zu tragen, um beispielsweise beim Einkaufen andere vor Tröpfchen beim Sprechen oder Husten zu schützen.“

Spahn: Maskentragen ist Solidarität gegenüber anderen

Der Linke-Gesundheitspolitiker Wolfgang Albers dagegen hält eine Maskenpflicht für „unsinnig“. Sinnvoll sei ein Mund-Nasen-Schutz allenfalls für Infizierte, um deren Ansteckungspotenzial zu reduzieren. Das stellte am Nachmittag auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) klar: Das Tragen einer sogenannten „Community-Maske“ sei Solidarität gegenüber anderen. Medizinische Masken sollten Ärzten und Pflegepersonal vorbehalten bleiben. Auch Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) erklärte, sie halte es „für außerordentlich wichtig, dass man in der Öffentlichkeit eine Maske trägt“, sagte sie am Dienstag in Dresden. Von einer Maskenpflicht ist in Sachsen allerdings noch keine Rede. Köpping zeigte sich aber fest davon überzeugt, dass sich das öffentliche Leben in Zukunft verändern wird. Deshalb sei es gut, schon jetzt mit dem Tragen einer Maske zu beginnen.

Der Berliner Senat plant laut Innensenator Andreas Geisel (SPD) bisher ebenfalls keine Maskenpflicht. Auch in der Hauptstadt muss man selber nähen, wenn man eine tragen möchte. Ein Umfrage in Berliner Apotheken ergab, dass auch hier keine Masken mehr vorrätig sind und Lieferungen in absehbarer Zeit nicht erwartet werden. Dort nimmt das eher gelassen. Es sei „nicht ganz abzulehnen“, wenn man sich selbst eine Schutzmaske nähen wollte, erklärte eine Angestellte am Telefon.

Besser Abstand als Mundschutz

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund sah sich angesichts der Debatte zu einer Klarstellung genötigt. So erklärte die Vorsitzende Susanne Johna, dass das Tragen einer einfachen Maske sogar einen negativen Effekt haben könnte, wenn dadurch die Abstandsregeln nicht mehr eingehalten würden. Keinesfalls sollte man sich professionelle Atemschutzmasken für den privaten Gebrauch bestellen, da sie dringend vom medizinischen Personal in den Kliniken gebraucht werden. Ähnlich äußerte sich der Präsident der Hamburger Ärztekammer. Auch nach Angaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) kann das Tragen einer Maske ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen. Der wichtigste Schutz gegen das Coronavirus sei nach wie vor häufiges, gründliches Händewaschen, das Einhalten von Husten- und Niesregeln und das Abstandhalten zu anderen Personen.

Und in falscher Sicherheit sollten sich die Deutschen auf keinen Fall wähnen. Die Zahlen der Krankheitsfälle steigen auch hierzulande weiter. Mittlerweile seien 61.913 Erkrankte registriert, erklärte RKI-Präsident Lothar Wieler am Dienstag. Im Vergleich zum Vortag war dies ein Plus von 4615 Fällen, 583 Menschen seien bisher gestorben. Am stärksten betroffen ist nach wie vor die Hansestadt Hamburg mit einem Krankenstand von 119 Infizierten pro 100.000 Einwohnern, dicht gefolgt von Bayern (113) und Baden-Württemberg (111).

In den Bundesländern bereitet man sich für die nächsten Tage auf eine weitere Krankheitswelle vor. „Die Experten sagen uns, dass wir mir einer weiter steigenden Anzahl von Kranken zu rechnen haben“, erklärte der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne). „Unser Gesundheitssystem wird an seine Grenzen kommen.“

Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte am Dienstag, mittlerweile stünden 45 Prozent der Intensivbetten in Deutschland für Coronapatienten bereit. Ein Pflegevertreter relativierte diese Zahl. Schon bisher haben man Intensivbetten sperren müssen, weil das Pflegepersonal dafür nicht zur Verfügung stand. In der Politik werden daher auch Zwangsverpflichtungen von medizinischem Personal anderer Bereiche für die Intensivpflege diskutiert. (mit dpa)